Olympisches Fussballturnier der Frauen

Rosana: Ständig unter Druck

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Für den Außenstehenden scheint die Situation ideal zu sein. Schließlich schafft es nicht jede Spielerin, zu den Leistungsträgerinnen der brasilianischen Seleção und gleichzeitig zum Kader des ehrgeizigen Siegers der UEFA Women's Champions League zu gehören. Die Mittelfeldspielerin Rosana, von der hier die Rede ist, könnte sicher rundum mit dem Erfolg zufrieden sein, den sie im Alter von 29 Jahren für sich verbuchen kann. Allerdings gibt es auch einen negativen Aspekt: Sie steht ständig unter Hochdruck.

Die Spielerin selbst verwendete diesen Begriff einige Male, als sie im Gespräch mit FIFA.com ihre beiden aktuellen Missionen analysierte. Zum einen sind die Ziele an beiden Fronten weitgehend identisch: In allen Wettbewerben, die bestritten werden, sollen möglichst Titelgewinne her. Mit der Amarelinha *steht *Rosana allerdings nicht nur auf dem Spielfeld vor großen Herausforderungen. Sie kämpft auch darum, dem Team und dem Frauenfussball in einem Land zum Durchbruch zu verhelfen, das durch das Männerteam ausgesprochen erfolgsverwöhnt ist.

Um sich einen Platz in der Startelf zu sichern, muss man ganz schön kämpfen, weil das Niveau enorm hoch ist.

Bei Olympique Lyon geht es um weniger große Dimensionen; dort läuft der Kampf eher auf persönlicher Ebene ab: Sie möchte sich inmitten einer Vielzahl von Spitzenfussballerinnen endlich einen Stammplatz sichern. "Das hört sich so leicht an, beim Europapokalsieger zu spielen, aber hier gibt es eine Menge Druck. Um sich einen Platz in der Startelf zu sichern, muss man ganz schön kämpfen, weil das Niveau enorm hoch ist", erklärt sie. "In der Seleção herrscht ein anderer Druck, aber alle Spielerinnen sind schon daran gewöhnt. Wir müssen immer versuchen, möglichst viele herausragende Ergebnisse zu erzielen, um unserer Sportart in Brasilien ein anderes Ansehen zu verschaffen."

"Bei Lyon und in Frankreich ist die Grundlage bereits da, und der Frauenfussball scheint fest etabliert zu sein. Daher besteht der Druck hier mehr darin, dem Klub seine Investition zurückzuzahlen. Der Vorteil ist, dass einem hier eine Struktur zur Verfügung gestellt wird und man sich ganz auf das Spielen konzentrieren kann", fügt die aus São Paulo stammende Spielerin hinzu.

Schritt für Schritt
Über einen Mangel an Herausforderungen kann Rosana sich also bestimmt nicht beklagen. Ihr war von Anfang an klar, dass ihr bei Lyon viel abverlangt werden würde, nachdem sie erst in der laufenden Saison zum Verein gestoßen ist - und das, obwohl sie in der brasilianischen *Seleção *immer wieder für ihre Vielseitigkeit gelobt wird. Auch wenn sie die Entwicklung Frankreichs, das bei der letzten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft den vierten Platz belegte, aus der Ferne mitverfolgt hatte, war sie doch überrascht vom Können ihrer neuen Mannschaftskameradinnen.

Ich habe schnell festgestellt, dass das Niveau hier enorm hoch ist.

"Nachdem ich Frankreich bei der WM gesehen hatte, war ich neugierig darauf, was hinter dieser Entwicklung steckt. Und ich habe schnell festgestellt, dass das Niveau hier enorm hoch ist", meint sie. "Und da viele Spielerinnen in der Nationalmannschaft vertreten sind, habe ich natürlich nicht gleich einen Stammplatz bekommen. Das Gute ist, dass dem Trainer ein großer Kader zur Verfügung steht und er immer wieder anderen Spielerinnen eine Chance gibt. Ich glaube, dass ich aufgrund meiner Physis gut mit der europäischen Spielweise zurechtkommen werde", erklärt sie.

Die Mittelstürmerin wurde im September unter Vertrag genommen und musste sich zunächst mit einem Platz auf der Ersatzbank begnügen. Mit der Zeit hat sie sich allerdings ihren Platz im Team erkämpft. Heute pendelt sie zwar noch immer zwischen Startelf und Ersatzbank hin und her - und mit ihren Französischkenntnissen steht es auch noch nicht zum Besten -, aber zumindest kann sie in der französischen Meisterschaft mittlerweile drei Torerfolge für sich verbuchen. Am 13. Spieltag erzielte sie beim 1:0-Sieg gegen Montpellier gar den einzigen und alles entscheidenden Treffer.

Ehrgeizige Ziele
Rosana fühlt sich in ihrem neuen Klub immer wohler, die brasilianische Seleção raubt ihr allerdings noch immer den Schlaf. Das liegt vor allem am vorzeitigen Ausscheiden bei der letzten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft, wo man sich im Viertelfinale nach Elfmeterschießen gegen die USA geschlagen geben musste, nachdem Abby Wambach am Ende der Verlängerung noch den Ausgleichstreffer erzielt hatte. Die Enttäuschung ist noch immer groß, aber die Mittelstürmerin kann der Erfahrung in Deutschland mittlerweile auch etwas Positives abgewinnen.

Auch wenn wir in Bezug auf die Ergebnisse Rückschritte gemacht haben, glaube ich, dass wir immer auf dem Podest stehen könnten.

"Natürlich tut das Ausscheiden noch weh, vor allem die Art und Weise des Ausscheidens. Aber ich glaube trotzdem noch, dass Brasilien das Potenzial hat, zu den drei besten Teams zu gehören und um Titel mitzuspielen", betont sie. "Wir verfügen über enormes Talent, das wird deutlich, wenn wir im Ausland spielen. Auch wenn wir in Bezug auf die Ergebnisse Rückschritte gemacht haben, glaube ich, dass wir immer auf dem Podest stehen könnten, weil wir eine heterogene Mannschaft sind, die sich in eine homogene Einheit verwandelt. Das ist eine außergewöhnliche und einzigartige Eigenschaft."

Die Trauer verfliegt allerdings, wenn Rosana an die Tore zurückdenkt, die sie für die Seleção erzielt hat, und an die schönen Spielzüge, die sie gemeinsam mit Marta und Cristiane zustande gebracht hat und sicher auch in Zukunft zustande bringen wird. Die Spielerin weiß aber auch, dass der Druck in den nächsten Monaten wieder steigen wird: Auf Vereinsebene stehen die entscheidenden Phasen der französischen Meisterschaft und der Champions League auf dem Programm, und die brasilianische Seleção wird im April ein Freundschaftsturnier gegen Japan und die USA bestreiten, dass bereits einen Vorgeschmack auf die kommenden Ereignisse bieten dürfte.

"Das wird eine gute Vorbereitung für die Olympischen Spiele. Wir müssen immer Freundschaftsspiele auf hohem Niveau bestreiten, vielleicht haben wir das vor der WM etwas versäumt", so die Spielerin mit der Trikotnummer sechs der Seleção. "Mit Lyon möchte ich in allen Wettbewerben, die wir bestreiten, den Titel gewinnen. Wenn das klappt, komme ich im Juli noch motivierter nach London. Wer weiß, vielleicht gewinnen wir dort sogar die Goldmedaille."

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