Frauenfussball

Nadine Angerer, die Unbezwingbare

© Getty Images

Es gibt diese Momente. Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Momente in denen ein ganzes Fussballstadion den Atem anhält und wie gebannt auf den Rasen starrt, um ja nichts zu verpassen. Ein solcher Moment ereignete sich am 30. September 2007 in Shanghai während des Finales der FIFA Frauen-WM 2007 zwischen Deutschland und Brasilien.

Marta wurde im Strafraum gefoult und ließ es nicht nehmen den Strafstoß selbst auszuführen. Und es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Brasiliens Superstar dies endlich tat. Die Spannung war ihrem Gesicht anzusehen, eine Unsicherheit, die man im ganzen Turnier an dieser quirligen Instinktfussballerin noch nicht wahrgenommen hatte. In diesem Moment der Wahrheit stand ihr eine Torfrau gegenüber, die offensichtlich vergessen hat, wie es ist, den Ball aus dem eigenen Netz zu holen. Marta lief an und... scheiterte an Nadine Angerer, die mit ihrer Glanzparade den Ausgleich zum 1:1 verhinderte und ihr Team auf Titelkurs hielt.

Ein Kurs, den die heute 37-Jährige durch ihre großartigen Leistungen vorgab. Die zweifache Weltmeisterin, die nach der Frauen-WM 2015 in Kanada ihre Karriere in der Nationalmannschaft beendete, stellte 2007 einen Rekord für die Ewigkeit auf. Insgesamt blieb Natze* [Anm. d. Red.: Spitzname für Angerer] *540 Minuten ohne Gegentreffer und hielt während des gesamten Turniers ihren Kasten sauber. Kein Wunder, dass sie zur besten Torhüterin des Turniers gewählt wurde. Darum dürfte so manche Torhüter-Größe die Torfrau mit dem Faible für trendige Kopfbedeckungen beneiden.

Sensationell cooles Team
Ihr vielleicht größter Erfolg? "Da gibt es ganz viele! Ich kann jetzt nicht nur einen nennen, aber natürlich sind die WM-Siege 2003 und 2007 sowie der EM-Triumph 2013 ganz vorne mit dabei. Aber es waren auch kleinere Erfolge wie die erste deutsche Meisterschaft mit Turbine Potsdam“, erklärte die FIFA Weltfussballerin des Jahres einst im Interview mit FIFA.com.

"Besonders stolz bin ich natürlich darauf, dass ich bei der WM 2007 in China während der gesamten Endrunde ohne Gegentor blieb und dass ich im Finale gegen die Brasilianerinnen diesen Elfmeter gegen Marta halten konnte. Das war wichtig für mich, weil es mein erstes großes Turnier als Nummer eins war. Aber man darf nie vergessen, dass der Fussball ein Mannschaftssport ist. Und ich weiß eben auch ganz genau, wie sensationell dieses coole Team, dass wir damals hatten, war."

Angerer hatte vor dem Anpfiff des Turniers in China VR Silke Rottenberg als Nummer eins im deutschen Tor abgelöst. Rottenberg, die sich im Januar 2007 beim Vier-Nationen-Turnier in Guangzhou das Kreuzband riss, war zwar rechtzeitig zur WM-Vorbereitung wieder fit, doch ein Muskelfaserriss in der Wade zerstörte ihre Hoffnung, als Nummer 1 dabei zu sein.

"Damals war ich dran, heute ist es Nadine. Deutschland hat definitiv zwei Weltklassetorhüterinnen, alle anderen Nationen beneiden uns dafür. Sie ist absolut zu Recht zur besten Keeperin gewählt worden", so Rottenberg, die Deutschland als Keeperin zum WM-Titel 2003 führte und in den Jahren danach als weltbeste Torfrau galt, über ihre damalige Konkurrentin im Tor.

Torlinie = Tabuzone
Bereits im Laufe der Frauen-WM war klar, dass sich Angerer auf dem besten Wege zur neuen weltweiten Nummer eins zwischen den Pfosten zu bewegen. In den ersten Spielen kaum geprüft, war sie vor allem in der K.o.-Phase gegen die DVR Korea und gegen Norwegen immer dann zur Stelle, wenn sie gefordert war - meist mit überragenden Paraden.

Die Krone sollte sie sich die gebürtige Unterfränkin selbst aufsetzen, und zwar im bereits oben erwähnten Endspiel zwischen der 64. und 67. Minute. Erst behielt sie im Duell gegen Marta die Oberhand, um nur kurze Zeit später einen Freistoß von Daniela noch sensationeller aus dem Winkel zu fischen.

Nach dem Abpfiff im Shanghai-Hongkou-Fussballstadion schien die gefeierte Heldin selbst noch gar nicht so recht zu begreifen, was da gerade auf dem Platz passiert war. "Ich würde es mal so ausdrücken: Das, was ich heute erleben durfte, war sportlich gesehen mit Sicherheit das bisherige Highlight meines Lebens", sagte sie nach dem Triumph über Brasilien.

Und es sollten noch weitere Folgen. 2009 und 2013 feierte sie mit den DFB-Frauen den Gewinn der Europameisterschaft. Auch hier bewies sie einmal mehr ihre Weltklasse. Bei der Auflage 2013 musste sie im gesamten Turnier nur ein Gegentor hinnehmen. Im Endspiel gegen Norwegen hielt Natze gleich zwei Elfmeter und sicherte ihrer Mannschaft den knappen 1:0-Sieg und die damit verbundene Titelverteidigung. Ein bemerkenswerter Soloauftritt, der ihr die Auszeichnung zu Europas Fussballerin des Jahres und die Wahl zur FIFA-Weltfussballerin  einbrachte.

Empfohlene Artikel