Frauenfussball

Ma: "Das erste WM-Tor war etwas Besonderes"

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Das abschließende Tor, das Tobin Heath im Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ gegen Japan erzielte, war seit der ersten Turnierauflage vor 25 Jahren in China der 771. Treffer beim Weltturnier. Unter all diesen Toren, die in den 232 Partien der sieben Auflagen erzielt wurden, ist das erste jedoch noch immer unvergessen. Erzielt hat es Ma Li bei der zuvor erwähnten ersten Auflage der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ im Auftaktspiel zwischen China und Norwegen.

Wir schrieben den 16. November 1991, Schauplatz war das Tianhe-Stadion in Guangzhou. Die Gastgeberinnen traten in einer historischen Partie gegen Norwegen an, nämlich im Eröffnungsspiel der ersten Frauen-Weltmeisterschaft. Die Steel Roses dominierten die Partie auf heimischem Boden von Beginn an und wurden vom begeisterten Publikum angefeuert. Gerade einmal 22 Minuten dauerte es, bis der Ball zum ersten Mal im Netz der Norwegerinnen zappelte. Ma Li hatte sich vor eine Reihe gegnerischer Verteidigerinnen geschoben und erzielte per Kopf das erste Tor der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™. Das heimische Publikum war vollkommen aus dem Häuschen, und China sollte die Partie am Ende mit 4:0 für sich entscheiden. Mittlerweile ist ein Vierteljahrhundert vergangen, doch die Torschützin erinnert sich noch immer lebhaft an den Treffer.

"Ich bin stolz darauf, dass ich das erste Tor der Frauen-WM erzielt habe", meint Ma, die inzwischen in Brasilien lebt und eine erfolgreiche Geschäftsfrau ist, im Gespräch mit FIFA.com. "Aber damals war mir das gar nicht bewusst. Wir waren beim Eröffnungsspiel so angespannt und ich war ganz auf mein Spiel konzentriert. Ausgangspunkt war eine Standardsituation auf der rechten Seite. Der Ball kam nach Wu Weiyings Freistoß so schnell herein, dass ich nur noch springen musste und ihn fast ohne Anstrengung einnicken konnte.

"Nachdem ich den ersten Treffer erzielt hatte, war ich immer noch angespannt. Ich hatte keine Zeit zu feiern. Ich habe noch nicht einmal den Beifall der Fans gehört. Ich nur an eines gedacht, nämlich, dass der Gegner jetzt alles daran setzen würde, den Ausgleichstreffer zu erzielen. Folglich musste ich alles daran setzen, unsere Abwehr zusammenzuhalten."

Vom Basketball zum Fussball
Heute mag man es den Fans vielleicht nachsehen, wenn sie diesen Meilenstein von einem Tor als reinen Glücksfall ansehen. Für Ma drehte sich damals jedoch alles um Training und Technik. "Für uns war das Tor das Resultat harter Arbeit", erklärt sie. "Trainer Shang [Ruihua] hatte immer Extraaufgaben für die drei groß gewachsenen Spielerinnen im Team, nämlich Niu Lijie, Zhou Yang und mich selbst. Wir wurden oft gebeten, nach dem Tagespensum noch zu bleiben und trainierten Sprünge und Kopfbälle. In der Regel sollte ich mich in der Nähe der Torhüterin postieren, und die anderen beiden sollten bei Bedarf nachsetzen. So deckten wir drei bei Standardsituationen das gesamte Areal ab."

Was Ma nicht erwähnt, sind ihre herausragenden Fähigkeiten in der Luft, die sie zuvor als ausgesprochen erfolgreiche Basketballspielerin erlernt hat. Tatsächlich hatte sie mit ihrem Mittelschulteam fast alle lokalen Basketballturniere gewonnen, bevor man sie überredete zum Fussball zu wechseln. Die Spätstarterin machte schnell Fortschritte und ging in der Rolle der Verteidigerin auf.

"Ich war groß (171 cm) und konnte gut springen. Daher waren meine Trainer der Ansicht, die Position in der Abwehr sei das Richtige für mich. Ich habe nicht lange gebraucht, um in der neuen Sportart zurechtzukommen. Wenn ich hochsprang, um den Ball per Kopf ins Netz zu befördern, war das ähnlich wie das Springen und Werfen beim Basketball", fügt sie lächelnd hinzu.

Rivalität mit Michelle Akers
Motiviert durch den Auftaktsieg setzte China die Gruppenphase mit einem hervorragenden 2:2 gegen Dänemark und einem 4:1-Kantersieg gegen Neuseeland fort und zog damit in die nächste Runde ein. Eine unerwartete 0:1-Niederlage gegen Schweden im Viertelfinale bedeutete dann jedoch das abrupte Aus für die Gastgeberinnen.

Auch 25 Jahre später ist Ma dies noch ein Dorn im Auge. "Wir sind praktisch als Topfavoriten ins Turnier gestartet, daher hat es uns das Herz gebrochen, dass der Wettbewerb für uns auf diese Weise endete. Wir waren unglaublich traurig, und es sind viele Tränen geflossen. Noch heute ist dies für mich ein Stachel, der tief sitzt. Dieser Schmerz ist größer als Liebeskummer."

"Dennoch ist die erste Frauen-Weltmeisterschaft eine Erinnerung, die ich in Ehren halte. Ich vermisse meine Teamkameradinnen, die Trainer. Wir haben in der Vorbereitung auf das Turnier eine unvergessliche Zeit miteinander verbracht."

Ma und ihre Teamkameradinnen mussten nun von der Tribüne aus mit ansehen, wie Norwegen, das sie im Auftaktspiel noch geschlagen hatten, bis in Finale durchmarschierte. Dort trafen die Skandinavierinnen auf die USA. Ma ist der Ansicht, dass China ohne weiteres in der Lage gewesen wäre, das Endspiel des Turniers zu erreichen und dort auch die Amerikanerinnen zu schlagen und den ersten Weltmeistertitel zu holen.

"Wir hielten die Amerikanerinnen für das einzige Team, das uns beim Turnier ebenbürtig sein könnte", so Ma. "Und wir hatten keine Angst vor ihnen. Wir hatten in der Vorbereitung bereits eine Reihe von Freundschaftsspielen gegen sie bestritten und gezeigt, dass wir es mit ihnen aufnehmen konnten."

Ma verrät uns, dass sie eine Art persönliche Rivalität mit Michelle Akers, der Starstürmerin und Spielführerin der USA verband. Akers erzielte im Finale gegen Norwegen zwei Treffer und holte nach anfänglichem Rückstand mit ihrem Team die heiß begehrte Trophäe. "In den Freundschaftsspielen war es meine Aufgabe, sie [Akers] auszubremsen", so Ma über die FIFA-Fussballerin des Jahrhunderts. "Sie war eine Spielerin, die hart einsteigt. Nach jedem Aufeinandertreffen mit ihr war ich überall lädiert, und ich schätze, ihr ging es ebenso. Ich glaube, sie hatte Angst vor mir [lacht]. Wer weiß, was passiert wäre, wenn unsere beiden Teams im Finale aufeinandergetroffen wären."

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