Frauenfussball

Jill Ellis glaubt an die Zukunft von Trainerinnen

Jill Ellis prepares for a training session during the 2018 SheBelieves Cup
© imago images
  • Jill Ellis nahm am ersten FIFA Trainerinnen-Mentorenprogramm teil
  • Jetzt startete sie ein eigenes Mentorenprogramm und unterstützt damit Trainerinnen in den USA
  • "Wenn man selbst von etwas profitieren kann, dann sollten auch andere davon profitieren können"

Jill Ellis, die frühere Trainerin der US-Frauen-Nationalteams, könnte die Füße hochlegen und es ruhig angehen lassen. Nach zwei Titeln bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ könnte sie sich durchaus auf ihren Lorbeeren ausruhen. Stattdessen hat sie sich gerade in ein neues Projekt gestürzt.

Im vergangenen Monat kündigte der amerikanische Fussballverband US Soccer den Jill Ellis Scholarship Fund und das Mentorenprogramm SheChampions an. Die Ankündigung ging weit über eine übliche Pressemitteilung und eine Wohlfühlstory hinaus. Es geht um viel mehr, nämlich um dauerhafte strukturelle Veränderungen.

Die Idee geht auf den Herbst 2018 zurück. Damals nahm Ellis am ersten FIFA Trainerinnen-Mentorenprogramm am FIFA-Hauptsitz in Zürich teil.

"Ich dachte mir damals: "Wir sprechen hier sehr viel von Hilfe und von den Herausforderungen bei der Anzahl von Trainerinnen und deren Anteil und auch darüber, wie viele Trainerinnen sich aus dem Fussball zurückziehen. Aber was können wir konkret tun und erreichen", sagte sie in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. "Es geht ja nicht unbedingt darum, das gesamte Problem zu lösen, aber wir wollen auf jeden Fall die Situation verbessern."

Nach der Einrichtung des Stipendiumfonds sprachen Ellis und ihr Team mit rund 4.000 Trainerinnen in den USA, um mehr über die unzähligen Herausforderungen zu erfahren, denen sie sich gegenüber sehen. Diese Befragungen und das Feedback zeigten zwei Aspekte überdeutlich: Es mangelt an Gemeinschaft und Unterstützung für Trainerinnen, und es gibt finanzielle und persönliche Hürden für viele Frauen.

"Es gab potentielle finanzielle Hürden, da Frauen die Trainerlizenzen oft selbst finanzieren müssen und vielleicht auch noch für Kinderbetreuung und andere Dinge aufkommen müssen. Ich persönlich musste mir damals Geld von meinen Eltern leihen, um meine ersten Trainerlizenzen machen zu können. Können wir genügend Licht auf Frauen im Trainerberuf werfen, damit es nicht nur ein rentabler, sondern auch ein stärker wahrgenommener Beruf wird? Wenn man Menschen in einer bestimmten Position wahrnimmt, dann kann man eine solche Position auch selbst anstreben."

Das von US Soccer etablierte System betrifft die finanzielle Komponente, indem 50 Prozent der Kosten für den Lizenzerwerb übernommen werden. Für Ellis allerdings war die Etablierung und der Aufbau einer Gemeinschaft der Trainerinnen im Land noch wichtiger. "Hier griff ich auf meine Erfahrungen aus dem FIFA-Mentorenprogramm zurück. Das war eine der wertvollsten und lohnendsten Erfahrungen, an denen ich teilhatte. Besonders beeindruckend fand ich die Ernsthaftigkeit und Seriosität, mit der die FIFA die Sache anging."

Das Mentorenprogramm SheChampions

Das Mentorenprogramm von U.S. Soccer wir von der Trainer-Instruktorin Karla Thompson geleitet, die sich mit 40 führenden Trainerinnen und Trainern in Verbindung setzte, die zu den ersten Mentoren gehören und somit besonders einflussreich bei der Förderung und dem Einsatz für den Frauenfussball in den USA sind. Auf der Liste finden sich neben Ellis auch die U-20-Nationaltrainerin Laura Harvey und auch der legendäre UNC-Cheftrainer Anson Dorrance.

"Mentorschaft ist extrem wichtig", so Thompson gegenüber FIFA.com."Ich habe mich in den letzten sechs, sieben Jahren damit beschäftigt, wie man die Anzahl der Trainerinnen nachhaltig erhöhen kann. Wenn man sich in einem derart von Männern dominierten Umfeld befindet, ist das von entscheidender Bedeutung, besonders wenn es um Frauen in Führungspositionen geht. Man kann es überall auf der Welt beobachten: Wenn Trainer auf Spitzenniveau arbeiten und in einer Führungsrolle nicht sonderlich erfolgreich sind und ersetzt werden, verschwinden sie nicht in der Versenkung, sondern finden meist eine andere, ähnliche oder sogar bessere Position. Das liegt an dem Unterstützungssystem, das sie unter sich haben. Bei Frauen sieht man das hingegen nicht sehr oft. Frauen in Spitzenpositionen, die nicht erfolgreich sind, sieht man nie wieder, weil sie dieses Unterstützungssystem nicht haben."

Am Anfang gab es für Ellis und Thompson kaum Trainerinnen, an denen sie sich als Mentorinnen hätten orientieren können.

"Ich hatte zwar mehrere Mentoren, aber leider war keine einzige Frau dabei", so Thompson. "Ich hatte das Glück, einige männliche Mentoren zu haben, die mich in verschiedenen Bereichen sehr unterstützt haben und mich aus meiner Komfortzone heraus und in neue Bereiche führen konnten, die mich dorthin brachten, wo ich heute bin. Ich hatte aber keine weiblichen Vorbilder, in deren Position ich mich hätte wünschen können. Viele Frauen um mein Alter herum haben wahrscheinlich nur mit den Hufen gescharrt, da wir nicht wirklich wussten, was wir erreichen und was wir sein könnten."

Thompsons größte Hoffnung in Bezug auf die Initiative besteht darin, Frauen ins Rampenlicht zu rücken, die Durchbrüche geschafft haben, damit sie zu Vorbildern für die nächste Generation werden. "Es geht nicht um die Zahlen und Daten und darum, wie viele Spiele sie gewonnen haben. Es geht darum, Frauen in Position für Erfolge zu bringen, wobei sie auf Unterstützung zählen können. Es gibt viele Frauen im Fussball, die eine Menge guter Dinge für andere Frauen tun. Das andere Ziel besteht darin, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der sich Frauen sicher fühlen können, als wären sie nicht die einzige Frau im Raum oder bei einem Zoom-Gespräch. Wir wollen die Anzahl der Frauen im Klub- und College-Umfeld und auch im Profi-Umfeld erhöhen. Das ist gerade jetzt besonders wichtig."

Die Bedeutung des Mentorenwesens und der Vielfalt des Denkens in Führungspositionen

In der Erinnerung an die Erfahrung bei der FIFA wurde Ellis klar, dass Mentorenschaft in jeder Lebenslage extrem wichtig ist.

"Wir lernen sicherlich viel auf unseren eigenen Wegen, aber es ist sehr wichtig zu wissen, dass es jemanden gibt, den wir um Rat fragen können, mit dem wir Ideen diskutieren können und bei dem man auch mal verletzlich sein kann. Manchmal darf man seinen Mitarbeitern gegenüber nicht verletzlich wirken, weil sie sich auf einen verlassen. Aber ich bin jemand, den man jederzeit anrufen kann und zu dem man völlig ehrlich und offen sein kann und bei dem man weiß, dass man nicht verurteilt wird."

Je länger Ellis als Nationaltrainerin des US-Teams aktiv war, desto klare wurde ihr, wie wichtig ihre Vorbildfunktion war und dass sie ihre Position nutzen konnte, um positive Veränderungen zu bewirken.

"Wir brauchen Frauen in profilierten Positionen, damit es etwas zu sehen gibt, aber genauso wichtig ist es, dass wir Trainerinnen für den Jugendbereich bekommen, wo sie sich die Krallen schärfen können. Wir müssen in jedem Bereich und auf jeder Plattform sehen, wie wir etwas bewirken können."

"Ich bin überzeugt, dass wir dadurch stärker werden", so Ellis. "Derselbe Grundgedanke und dasselbe Verständnis gelten, wenn man eine Organisation aufbaut. Ich schaue durch eine Linse, die anders ist als die von jemandem, der andere Erfahrungen hat. Wenn man Führungspersönlichkeiten mit unterschiedlichen Perspektiven und Ansichten hat, macht das alles zu einer viel reicheren, stärkeren Erfahrung. Wenn wir mehr Vielfalt in höheren Positionen und in Führungspositionen haben können, dann bekommen wir viel mehr Tiefgang."

Zum Ende eines Kapitels ihrer Laufbahn als Trainerin des US-Nationalteams nahm sich Ellis etwas Zeit für eine Pause, die sie zum Nachdenken nutzte.

"Rückblickend dachte ich: 'Wow, das war ein absolut unglaublicher Weg und eine erstaunliche Erfahrung'. Man möchte, dass auch andere Menschen die Möglichkeit bekommen, so etwas zu erleben. Ich war die erste in meiner Familie, die aufs College ging. Diese Erfahrung hat dafür gesorgt, dass ich das auch für meine Tochter wollte. Wenn man selbst von etwas profitieren kann, dann sollten auch andere davon profitieren können. Ich dachte darüber nach, was auf meiner Reise eine Herausforderung war, und dass wir 25 Jahre später immer noch vor den gleichen Herausforderungen stehen. Was also können wir tun, um einige dieser Herausforderungen abzuschwächen oder zu erleichtern, damit dieser oder ein ähnlicher Weg für mehr Frauen realistisch wird?"

Der Fonds mit ihrem Namen und das Mentorenprogramm SheChampions sind jedenfalls der Beginn der Lösung, so dass es ganz sicher in Zukunft viele weitere Frauen wie Jill Ellis als Führungsfiguren für Frauen und auch Männer an der Spitze des Fussballs geben wird.

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