ÖSTERREICH

Fuhrmann: "Das Team zeichnet eine hohe taktische Flexibilität aus"

Irene Fuhrmann (Austria)
© Others
  • Irene Fuhrmann wurde im Juli 2020 zur Nationaltrainerin Österreichs ernannt
  • Sie ist die einzige Frau in Österreich mit einer UEFA Pro-Lizenz
  • Im EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan gab Fuhrmann ihr Debüt

Nach neun Jahren an der Seitenlinie verließ Dominik Thalhammer die österreichische Frauennationalmannschaft, die er von 2011 bis 2020 trainierte, und übergab das Zepter an Irene Fuhrmann, die zur ersten Frau avancierte, die dieses Amt bekleidet.

Eine Auszeichnung für die 40-Jährige, die schon als Spielerin Teil des Nationalteams und später unter Ernst Weber (2008 bis 2011) und zuletzt unter ihrem Vorgänger als Assistenztrainerin tätig war.

"Für mich persönlich ist es ein unheimliches Privileg, diesen Job machen zu dürfen. Ich würde mir wünschen, dass auch jeder männliche Kollege, der dieses Amt vielleicht einmal ausübt, dies genauso sieht. Für mich macht es keinen Unterschied, ob der Trainer eine Frau oder ein Mann ist. Für mich ist es das bisherige Highlight meiner Trainerinnen-Karriere", erzählt Fuhrmann im Interview mit FIFA.com.

"Seit 2011 habe ich die Möglichkeit, den Trainerjob in Österreich hauptberuflich auszuüben. Das ist im österreichischen Frauenfussball nicht üblich. Aber ich bin konsequent meinen Weg gegangen. Für mich persönlich ist diese neue Aufgabe ein großer Schritt gewesen – in meinen Augen der richtige."

Irene Fuhrmann (Austria)
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Auch in den Augen der Verantwortlichen, die auf das Wissen der ehemaligen Nationalspielerin setzen, die als einzige Frau in Österreich die UEFA Pro-Lizenz besitzt. Bereits seit mehreren Jahren ist Fuhrmann aktiv an der Entwicklung der weiblichen Seite des Sports involviert und hat die größten Meilensteine miterlebt.

"Ganz sicher die Eröffnung unserer ÖFB-Frauenakademie 2011. Bis dahin gab es keine durchgehende Förderung der besten weiblichen Talente. Mit der Installierung der Akademie wurde die Talentepyramide geschlossen", beschreibt sie.

"Man hat gesehen, dass unsere Nachwuchs-Nationalteams immer näher an die Spitze herankommen. Wir haben mit der U-17 und U-19 drei Mal die Qualifikation für eine Europameisterschaft geschafft. Der größte Erfolg war ganz sicher 2017, die erstmalige Teilnahme des Frauen-Nationalteams an einer EM-Endrunde und natürlich auch das Ergebnis dort. Dieser Erfolg war nur aufgrund der Installierung der ÖFB-Frauenakademie und durch die Arbeit von Dominik Thalhammer möglich. Dominik hat für die notwendigen Strukturen gesorgt und die Entwicklung sukzessive vorangetrieben. Er war der starke Mann hinter diesen Erfolgen, und ich durfte ihn auf diesem Weg begleiten."

Was sich ändern muss? Wenn ich speziell in Österreich in unsere Frauen-Bundesliga schaue, dann ist keine Trainerin und kein Trainer dort hauptberuflich tätig. Es müssen also Professionalisierungsschritte gesetzt werden, damit es mehr Möglichkeiten auf Hauptberuflichkeit gibt.

Irene Fuhrmann

Nun gilt es für die gebürtige Wienerin, an diese Erfolge anzuknüpfen. "Das Team zeichnet eine hohe taktische Flexibilität aus, und ich sehe keinen Grund dafür, jetzt alles über den Haufen zu werfen. Meine Bestellung war auch ein Zeichen dafür, diesen Weg in einer gewissen Art und Weise weiter fortzuführen – aber eben mit meiner Handschrift", erklärt Fuhrmann die durch die Herangehensweise und die Art, wie Thalhammer Fussball gedacht hat, in ihrer Entwicklung als Trainerin geprägt wurde.

Diese zeigte sich bereits bei ihrem Debüt in der Qualifikation für die UEFA Women’s EURO 2022. 5:0 wurde Kasachstan besiegt, der erste Platz in Gruppe G gefestigt und die weiße Weste gewahrt. "Es war eine unheimlich reife Leistung des Teams. Wir haben - für uns ungewöhnlich - sehr viele personelle Ausfälle gehabt. Wir hatten zwei Debütantinnen in der Startelf, und sind eine kleinere Fussballnation, die in früheren Jahren solch einen Gegner nicht in dieser Form dominieren konnte. Von daher war die Leistung extrem positiv", blickt die sympathische Österreicherin zurück und ergänz mit einem Schmunzeln. "Wenn mir im Vorfeld jemand sagt, dass wir dahinfahren und mit einem 5:0 zurück kommen… Dann hätte ich sofort gesagt: Ja, bitte! Aber in der Nachbetrachtung muss man sagen, dass der Sieg auch durchaus höher hätte ausfallen können."

Im Kampf um die direkte Qualifikation wartet nun auf das ÖFB-Team mit Frankreich die Nummer Drei in der der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste der Frauen - wahrlich kein einfacher Gegner. Sechs Mal standen sich beide Mannschaften bisher gegenüber, die Statistik ist dabei auf Seiten der Les Bleues. Fünf Siege konnte Frankreich feiern, die letzten Begegnung am 22. Juli 2017 endete 1:1.

"Wir können in dieses Spiel gehen und im Prinzip nur gewinnen. Wir vermissen derzeit leider sehr viele Schlüsselspielerinnen, auch junge Spielerinnen, die sich in den Kader gespielt haben, haben schwerere Verletzungen davongetragen. Frankreich wurde in dieser Qualifikation bisher noch nicht richtig gefordert. Es ist unser Anspruch, dieses Spiel so lange wie möglich offen zu halten und sie zu ärgern. Der Vorteil ist: Frankreich 'muss' gewinnen. Alles andere wäre eine gefühlte Niederlage. Wir wollen natürlich was holen, aber der Druck liegt nicht bei uns. Mit dieser Haltung möchte ich, dass wir in das Spiel gehen", so Fuhrmann.

"Natürlich ist auch in Österreich die Erwartungshaltung uns gegenüber gestiegen. Wir müssen aber auch realistisch bleiben. Die Breite und die Spitze ist in Frankreich einfach eine andere als bei uns. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass wir an einem guten Tag auch etwas holen können. Und wir werden alles geben, damit es ein guter Tag wird."

Bilder: ©ÖFB/Christopher Glanzl

Irene Fuhrmann (Austria)
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