Frauen im Fussball

Fergusons Weg vom Spielfeld ins TV-Produktionsstudio

Alicia-Ferguson
  • Alicia Ferguson hat sich im Fernsehen eine vielseitige Karriere aufgebaut
  • Die vielfach ausgezeichnete australische Ex-Nationalspielerin lebt seit Jahren in London
  • Ferguson spricht über ihren Wechsel zum TV, die Entwicklung des Frauenfussballs und weitere Themen

Vor gut zehn Jahren nahm Alicia Fergusons Leben eine ganz neue Wendung. Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe nach ihrer aktiven Karriere mit den strengen Regeln ihrer Sportlerroutine sicherte sich die langjährige australische Mittelfeldspielerin eine Position als TV-Expertin bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™, mitten unter zahlreichen großen Namen beim U.S.-Sender ESPN.

Heute strotzt Fergusons Lebenslauf förmlich vor TV-Erfahrung vor und hinter der Kamera. Vor allem arbeitet sie jetzt als Produzentin für Ultimate Goal, eine sehr erfolgreiche britische Sportsendung, die weltweit nach dem nächsten weiblichen Fussballstar sucht.

Fergusons Spielerkarriere war ebenso ereignisreich. Die in Brisbane aufgewachsene Ferguson debütierte bereits als 15-Jährige und absolvierte 66 Länderspiele, war Spielführerin ihres Landes, nahm an den Olympischen Spielen im eigenen Land teil und spielte bei zwei FIFA Frauen-Weltmeisterschaften.

Kurioserweise hält sie allerdings auch den Rekord für die schnellste Rote Karte in der Geschichte der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft: Beim Turnier 1999 in den USA wurde sie als 17-Jährige nach nur zwei Minuten vom Platz gestellt. Die für ihre lockere Art und ihren Sinn für Humor bekannte Ferguson blickt mit Gleichmut auf diesen Moment zurück: "Es gab eine Menge Umstände, die mit dazu geführt haben. Ich hatte beispielsweise in dieser Nacht überhaupt nicht geschlafen", sagt Ferguson, "Es war eine sehr negative Erfahrung, doch das Ganze hat meine Sicht auf das Spiel verändert und mich reifen lassen."

Alicia Ferguson #13 of Australia looks to pass as she is chased down by Sissi #10 of Brazil
© FIFA.com

Eine neue Herausforderung

Wie auch für viele andere Athleten war der Übergang aus der Sportwelt in die Arbeitswelt eine große Herausforderung für Ferguson. "Als ich zum ersten Mal für eine TV-Produktion arbeitete und ganz unten anfing, musste ich komplett umgeschult werden", erzählt Ferguson, die seit 2012 in London lebt, gegenüber FIFA.com.

"Und eine solche Umschulung ist eine ziemliche Herausforderung für eine 30-Jährige. Man hat in gewisser Weise ein Hochstaplersyndrom, denkt aber bei sich: "Ich bin nicht gut genug dafür". Ich war gerade von Australien hergekommen und musste ohne Freunde und Familie auskommen. Alles war Stress. Ich musste sehr schnell alles für den Job lernen. Das Ganze ist allerdings ein bisschen wie ein Becken voller Piranhas, denn es gibt sehr viele Leute, die in der Fussball-Berichterstattung arbeiten wollen, insbesondere in Großbritannien.

Zu den Höhepunkten meiner Karriere nach dem Fussball zählt der Einstieg in die TV-Produktion, insbesondere die Arbeit als Produzentin bei Ultimate Goal. Das war eine riesige Leistung in einer so schwierigen Zeit, nach dem Lockdown, wo noch so vieles von COVID diktiert wird. Nun wird eine zweite Staffel der Serie produziert, was absolut phänomenal ist.

Ganz besonders toll finde ich, dass meine Arbeit sich zu 100 Prozent um den Frauenfussball dreht. Das liebe ich total und ich hätte nie gedacht, jemals dorthin zu gelangen. Es zeigt, wie sehr die Beliebtheit des Frauenfussballs gestiegen ist, insbesondere seit ich 2012 nach Großbritannien kam."

Unsichtbare Barrieren

Es kann kaum überraschen, dass Ferguson in der stellenweise männlich dominierten Welt des Fernsehens nicht immer und überall willkommen war. "Es gab definitiv Fälle, als ich dachte, wenn ich ein Mann mit dem gleichen Hintergrund und Kaliber gewesen wäre, der in der Branche Fuß fassen wollte, wäre ich wohl ganz anders behandelt worden.

"Ich habe nie Ratschläge für die TV-Produktion gegeben, weil ich immer noch lernte, aber es gab Beispiele, in denen ich meine Fussballkenntnisse und Analysen anbot, und ziemlich schnell abgewiesen wurde. Und dann gab es nicht selten einen männlichen Produzenten, der genau das Gleiche sagte, und das wurde dann angenommen. Ich wurde definitiv nicht so behandelt, als wäre ich ein Mann. Diese Voreingenommenheit war nicht leicht zu ertragen.

Es gibt immer noch nicht genug weibliche Produzenten im Sport und im Fussball. Es gibt jetzt mehr Möglichkeiten - die Welt nimmt die Scheuklappen ab und erkennt, dass Vielfalt und Inklusion dem Unternehmen bei einer Vielzahl von Prozessen hilft."

Von Erfolg zu Erfolg

Ferguson hat während ihrer Karriere den unglaublichen Aufschwung des Frauenfussballs miterlebt. Bei ihrem internationalen Debüt war gerade einmal eine Handvoll Zuschauer dabei. Bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2007 stieß Australien bis ins Viertelfinale vor und entsprechend umfangreicher war die Berichterstattung in den Medien. In der gerade beendeten Saison in der englischen WSL jagte eine Schlagzeile die nächste.

"Der große Unterschied in den vergangenen Jahren sind die enorm gesteigerten Investitionen der großen (englischen ) Klubs und die Erkenntnis, dass alle an einem Strang ziehen. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass es für jeden Klub sehr positiv ist, ein Frauenteam zu haben.

Das Niveau hat sich enorm gesteigert, seitdem die Spielerinnen alle Vollzeitprofis sind. Man sieht es an der Technik, an der Kondition, am Taktik-Bewusstsein. Die Rückendeckung, das Branding und all die Infrastruktur, die bei den großen Klubs zur Verfügung stehen, haben das Spiel vollständig umgekrempelt. Und trotzdem denke ich nicht, dass der Frauenfussball so schnell gewachsen ist, wie es sich jeder, der schon lange dabei ist, wünschen würde."

Die Welt kommt zu Besuch

Als begeisterte Verfechterin des Frauenfussballs in Down Under zählt Ferguson schon jetzt die Monate bis zum Beginn der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2023, die von Australien und Neuseeland ausgerichtet wird. "Dass ich begeistert und aufgeregt bin, wäre die totale Untertreibung", sagt sie. "Australien und Neuseeland als Gastgeber der WM - das ist absolut sinnvoll und die perfekte Wahl. Wir sind sportbegeisterte Nationen und haben die gesamte Infrastruktur vor Ort, mit tollen Stadien.

Ich hatte das große Glück, an Olympischen Spielen im eigenen Land teilzunehmen. Das war der Höhepunkt meiner Karriere. Die WM in Australien und Neuseeland wird für die heutigen Spielerinnen der Höhepunkt sein.

Vor dem Heimpublikum auf dem Spielfeld zu stehen, vor deinen Freunden und deiner Familie, und dann die Nationalhymne zu hören – das kann man mit keiner anderen Erfahrung im Sport vergleichen. Ich bekomme schon Gänsehaut, wenn ich nur davon spreche."

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