Frauenfussball

Drei Brasilianerinnen erobern Europa

Warum verschlägt es eine olympische Silbermedaillen-Gewinnerin in die österreichische 7.000-Seelen-Gemeinde Neulengbach? Diese Frage stellten sich viele, als die brasilianische Nationalspielerin Rosana Dos Santos Augusto, genannt Rosana, im September 2004 erstmals österreichischen Boden betrat - knapp 10.000 Kilometer von der Heimat entfernt. Die Antwort ist einfach: Dass die Mittelfeldspielerin in der Alpenrepublik spielt, ist Bruno Mangl zu verdanken, der die Geschicke des österreichischen Serienmeisters SV Neulengbach leitet.

"Auf die Idee bin ich alleine gekommen. Ich wollte ganz einfach in Österreich einmal eine Weltklassefussballerin spielen sehen. Ich war bei der Weltmeisterschaft 2003 in den USA und habe mir dort einige Spiele angesehen. Schon vor dem Abflug machte mich die damalige Co-Trainerin auf Rosana aufmerksam. Ich wollte im österreichischen Frauenfussball einfach mal etwas bewegen - was mir auch - so glaube ich zumindest - ganz gut gelungen ist", so Mangl. Über unterschiedliche Kommunikationswege wie E-Mail, Brief und zahlreiche Telefonate wurde Kontakt geknüpft, bereits im April 2004 der Vertrag unterzeichnet - als noch keiner den tollen Erfolg der Brasilianerinnen in Athen 2004 erahnen konnte, wo die Frauen-Nationalmannschaft im Finale den USA nur knapp mit 1:2 nach Verlängerung unterlag.

So haben die Neulengbacherinnen seit gut einem Jahr eine Weltklassespielerin und Medaillengewinnerin in ihren Reihen, die schnell für Furore sorgte. 2005 wurde die 23-Jährige zu Österreichs Fussballerin des Jahres gewählt. Die Eingewöhnung fiel Rosana zu Beginn nicht leicht: "Am Anfang war es schon ein wenig schwierig, auch weil ich 2004 kaum zu Hause war. Immer wieder hatte ich Trainingslager wegen den Olympischen Spielen, dann kam das Turnier und im Anschluss dann bin ich nach Österreich gekommen. So konnte ich nicht mehr als vier Wochen das ganze Jahr über bei der Familie sein. Aber jetzt bin ich richtig glücklich über die Entscheidung nach Neulengbach gekommen zu sein", so Rosana gegenüber FIFA.com.

Bei den Mitspielerinnen steht die Frau mit den Sommersprossen hoch im Kurs. "Sie ist eine Weltklassespielerin, sportlich immer fair und wir können alle nur von ihr lernen. Leider werden wir in Österreich es nie schaffen, das zu erreichen, was sie mit Brasilien geschafft hat. Trotzdem ist es für uns super, das so eine Spielerin bei uns spielt", so Neulengbachs Spielführerin Maria Gstöttner, von 2001 bis 2005 fünfmal in Folge Torschützenkönigin in Österreich.

Rosana ist inzwischen bestens in das Vereinsleben integriert, da sie zusammen mit ihrer brasilianischen Freundin Liese von Zeit zu Zeit den Nachwuchs der 8 - 10-jährigen Jungen und Mädchen trainiert. Darüber hinaus spricht sie inzwischen auch sehr gut Deutsch, seit sie von einer pensionierten Deutschlehrerin Einzelunterricht erhält. So war es nicht verwunderlich, dass Rosanas Vertrag um ein Jahr bis September 2006 verlängert wurde. Mangl hofft sogar, dass Rosana noch ein paar Jahre in Neulengbach spielen wird. "Sie möchte noch drei bis vier Jahre in Österreich bleiben, das hat sie mir immer wieder mitgeteilt."

Trainerin Olga Hutter freut sich ebenfalls darüber, derart prominente Verstärkung im Team zu haben: "Rosana ist technisch hervorragend ausgebildet, antrittsschnell und sehr vielseitig einsetzbar. Sie ist enorm stark im Kopfballspiel, manchmal - typisch brasilianisch - etwas ballverliebt. Sie ist nicht nur eine herausragende Fussballerin, sondern auch eine Spielerin mit vielen menschlichen Qualitäten. Sie ist freundlich, hilfsbereit und hat Sinn für Humor. Rosana ist nicht nur eine große Bereicherung und Vorbild für unser Team, sondern für den gesamten Frauenfussball in Österreich."

Marta: UEFA-Cup-Siegerin und Torschützenkönigin
Es hat wohl auch ein wenig mit Schicksal zu tun, dass es die Brasilianerin Marta Anfang 2004 als erste der drei Spielerinnen nach Europa, ins hohe Nord-Schweden nach Umeå verschlug. Denn gleich zwei Ereignisse ebneten den Weg ins skandinavische Frauenfussball-Eldorado: Zum einen der Zusammenbruch der U.S.-Profiliga WUSA kurz vor der FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003, zum zweiten der Kreuzbandriss von Umeås Stürmerin Hanna Ljungberg Anfang 2004, der den schwedischen Klub zum Handeln zwang.

Heraus kam eine bis heute andauernde Erfolgsgeschichte. Noch 2004 wurde Marta mit Umeå IK Uefa-Cup-Sieger, im Jahr 2005 holte sie mit ihrem Verein nicht nur nach zweijähriger Abstinenz wieder die Meisterschaft, mit 21 Treffern in 22 Spielen trug sie maßgeblichen Anteil und wurde sogar Torschützenkönigin der schwedischen Frauenliga Damallsvenskan.

Große Eingewöhnungsprobleme hatte Marta nicht, obwohl sie bei Ihrer Ankunft verwundert meinte: "Wie soll man denn auf dem ganzen Schnee hier Fussball spielen?" Doch mit den klimatischen Bedingungen hat sie sich schnell abgefunden. "Umeå ist zwar eine der kälteren Städte in einem kalten Land, aber hier habe ich gute Voraussetzungen, um Fussball zu spielen und das hat höchste Priorität", so Marta. Die 1,69 große Ausnahmespielerin erlernte schnell die schwedische Sprache und die Gastfamilie machte es der Nord-Brasilianerin so einfach wie möglich, sich an die neue Umgebung anzupassen. Zudem kannte sie einige der Umeå-Spielerinnen bereits von der FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003, was ihr den Schritt ebenfalls erleichterte. Marta fühlt sich nach wie vor ausgesprochen wohl. "Das Leben hier ist ruhig und ich fühle mich geborgen. Das Beste ist der Zusammenhalt in der Mannschaft. Es ist zwar kalt hier, aber die Vorteile überwiegen die Nachteile."

In ihrer Freizeit bummelt sie gerne durch Umeå oder trifft sich mit Teamkolleginnen zum Kaffeetrinken. Auch Marta hat ihren Vertrag gerade verlängert, die schwedischen Frauenfussballfans dürfen sich auf ein weiteres Jahr Zauberfussball freuen. Kein Wunder, dass sie sich in Schweden hoher Beliebtheit erfreut. Marta selbst meint: "Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Leute gerne schönen Fussball sehen wollen. Das ist es, was ich auf dem Rasen zu zeigen versuche. Außerdem versuche ich, mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen, ich denke, das mögen die Leute." Cristiane mit Anlaufschwierigkeiten

Cristiane Rozeira de Souza Silva, kurz Cristiane, bekam große Augen, als sie Anfang 2005 aus dem brasilianischen Sommer in den deutschen Winter reiste, nachdem sie von Turbine Potsdam verpflichtet wurde. "Ich mag den Schnee, auch wenn er sehr kalt ist. So etwas hatte ich vorher noch nie gesehen", so die lebenslustige 20-Jährige damals. Die brasilianische Ausnahmefussballerin, die im vergangenen Jahr mit der Nationalmannschaft die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Athen holte, brauchte vor allem sportlich einige Zeit, um sich einzuleben.

In den ersten Monaten wurde sie oft nur in der Schlussphase als Einwechselspielerin eingesetzt, bei den Fans avancierte die Torschützenkönigin des Olympischen Fussballturniers mit ihrem ungewöhnlichen Bewegungstalent dennoch schnell zum Publikumsliebling.

"Ich mußte mich an die neue Spielweise, die neue Kultur und anfangs auch an die kalten Temperaturen gewöhnen", so Cristiane. Sie dachte sogar ans Aufgeben. "Mir kam öfters der Gedanke, hier alles hinzuschmeißen und nach Brasilien zurückzukehren", so die 1,70 Meter große Spielerin. Weit weg von den Eltern und den beiden Geschwistern in Osasco bei São Paulo hat sich Cristiane jedoch durchgebissen und von Aufgeben ist heute keine Rede mehr. "Ich bin sehr dankbar, dass die Fans mich so unglaublich unterstützt haben", sagt sie.

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