Frauenfussball

Corinne Diacre: "Habe mir meine Entscheidung reiflich überlegt"

Corinne Diacres große blaue und klare Augen strahlten stets Entschlossenheit aus. So auch dieses Mal, als es darum ging, eine enorm wichtige Entscheidung zu treffen und ihre charakterliche Stärke erneut unter Beweis zu stellen. Denn dem Entschluss zum Rückzug aus der französischen Nationalmannschaft waren lange und reifliche Überlegungen voraus gegangen. Fest steht, dass die Gründe für diese Entscheidung im persönlichen Bereich liegen. "Ich höre aus persönlichen Gründen auf. In der Tat habe ich früher geäußert, dass ich in einer solch erfolgreichen Phase wie nach der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2003 nicht an das Ende meiner Karriere denken würde. Und die bevorstehende Weltmeisterschaft 2007 ist ja auch ein lohnenswertes Ziel. Aber meine Entscheidung ist gefallen."

Somit übergibt die 31-jährige Spielführerin der Französinnen den Staffelstab an ihre Nachfolgerin. Mit insgesamt 121 Länderspieleinsätzen zählt sie zu den Top 50 im Frauenfussball der Welt und befindet sich damit in Gesellschaft von Mia Hamm, Birgit Prinz und Charmaine Hooper. Eine Aufnahme in die "Hall of Fame" der Fussballfrauen gehört indes zu ihren geringsten Sorgen. Bescheiden und ihrem Klub Soyaux stets die Treue haltend stand Corinne Diacre nie im großen Rampenlicht oder zog die Aufmerksamkeit der großen Klubs auf sich.

"Ich habe nichts gewonnen. Es ist kaum zu glauben, aber ich habe weder mit meinem Klub noch mit der französischen Nationalmannschaft einen Titel gewonnen. Für mich ist das nicht frustrierend. Ich hätte zu jederzeit zu einem größeren und finanzkräftigerem Verein als Soyaux wechseln können, das stimmt. Auch wurde mir angeboten, in der U.S.-Liga zu spielen, aber ich habe das abgelehnt. Auch diese Entscheidung habe ich mir, wie übrigens alle, die ich in meinem Leben getroffen habe, reiflich und lange überlegt. Ich hatte gerade einen Job gefunden, der mir Freude bereitete, und ich hatte keine Lust, ihn gleich wieder aufzugeben. Darüber hinaus hatte ich mit meinem Klub auch eigene Pläne. Ich habe darüber mit Marinette Pichon gesprochen, die zwei Jahre lang mit mir in Soyaux zusammen gespielt hat. Aber sie ist Stürmerin und ich Verteidigerin. Im Rückblick bereue ich jedoch überhaupt nichts." Corinne begann 1993 als 18-Jährige ihre Karriere als Nationalspielerin und erlebte so die gesamte Entwicklung und den Aufschwung des Frauenfussballs in Frankreich mit. Nachdem der Frauenfussball in Frankreich noch Anfang der neunziger Jahre kaum eine Rolle spielte, gelang es Corinne Diacre und ihren Mitspielerinnen, diesen Sport nach und nach sowie durch zunehmende Erfolge salonfähig zu machen. "Seit dem Beginn meiner Karriere hat sich der Frauenfussball bei uns in mehrerer Hinsicht weiter entwickelt, vor allem im physischen und taktischen Bereich. Besonders die Arbeit auf der Ebene der Klubs ist inzwischen viel besser geworden. Unsere Frauen sind zwar immer noch Amateure, spielen aber immer professioneller. Und die Tatsache, dass den Trainern im Frauenfussball eine höhere Qualifikation abgefordert wurde, hat ebenfalls dazu beigetragen, auch wenn dies teilweise nur Zähne knirschend akzeptiert wurde", so Corinne rückblickend.

*220 Kilometer Anreise zum Spiel *Corinne ist dem Fussball eigentlich schon seit ihrer frühesten Kindheit verbunden. Ihr Vater, der als Sportlehrer arbeitete, nahm sie am Mittwochnachmittag lieber zum Fussball mit, als dass er seine Tochter dem Kindermädchen überließ. Eine glückliche Entscheidung, wie sich später heraus stellen sollte. Schon bald begann Corinne selbst Fussball zu spielen und kam dann nicht mehr davon los. Als 12-Jährige spielte sie bereits in einer gemischten Mannschaft, da im Frankreich der achtziger Jahre an reinen Frauenfussball noch nicht zu denken war. "Am Anfang waren meine Eltern nicht gerade begeisterte Anhänger des Frauenfussballs. Aber mein Vater, der ein leidenschaftlicher Fussballanhänger ist, wurde bald auf mein fussballerisches Talent aufmerksam. Seitdem hat er mich eigentlich nur unterstützt, ohne jemals Druck auf mich auszuüben."

Mehr noch, die Eltern von Corinne verschrieben sich voll und ganz der Leidenschaft ihrer Tochter. Sie setzten alles daran, um Corinne die Möglichkeit zu bieten, in einer Frauenfussballmannschaft zu spielen. "So kamen wir auf die Mannschaft von Soyaux. Meine Eltern fuhren 220 Kilometer, damit ich dort trainieren konnte. Nun werden Sie verstehen, warum ich diesem Klub für immer verbunden geblieben bin", so Corinne in voller Dankbarkeit für ihre Eltern.

In der Folge durchlebte sie hautnah die gesamte Entwicklung des französischen Frauenfussballs. Seit ihrem Auswahldebüt im Jahre 1991 bis zum Jahr 2005, da die französische Frauen-U-19-Auswahl Vize-Europameister wurde, hat sich viel geändert. Dennoch ist auch heute bei weitem noch nicht alles perfekt. "Allem Anschein nach haben wir gegenüber den großen Fussball-Nationen noch Nachholbedarf. Was uns vor allem noch fehlt, ist die Erfahrung, auf international höchstem Niveau zu spielen. Unsere deutschen Nachbarn liefern hierfür ein gutes Beispiel. Deutschland verfügt über eine Sportkultur, wie wir sie nicht haben. Aber immerhin haben wir 45.000 Lizenzspielerinnen, das ist schon mal nicht schlecht", gibt Corinne Entwarnung.

Dabei ist ihr sehr wohl bewusst, dass eine Sportart vor allem über die Medien reflektiert wird. "Wir sind ein Land mit romanischen Wurzeln, da fällt es schwer, Veränderungen in der Mentalität herbeizuführen, die Medien eingeschlossen. Es genügt nicht mehr, nur Aufmerksamkeit zu erregen, sondern wir müssen endlich auch die Ziellinie überqueren, rein bildlich gesprochen. Andererseits stürzten sich die Medien noch vor wenigen Jahren förmlich auf alles, was mit Frauenfussball zu tun hatte. Heute ist dies viel weniger der Fall. Das beweist, dass sich dieser Bereich weiter entwickelt hat." Und der jüngste Erfolg unserer U-19-Frauenauswahl dürfte für weitere Impulse sorgen. Das ist sicher auch einer der Gründe dafür, dass sich Corinne jetzt zurückzieht, denn die nachfolgende Generation steht bereits in den Startlöchern. Gleiches gilt für Stéphanie Mugneret-Beghe, die ebenfalls ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gab. Andere wie Marinette Pichon behalten sich eine diesbezügliche Entscheidung noch vor.

Diacre: "Qualifikation für die Weltmeisterschaft war eine tolle Sache"
Es ist eine Tatsache, dass die Qualifikation für die FIFA Frauenfussball-Weltmeisterschaft USA 2003 völlig anders gewürdigt wurde, nachdem die Teilnahme an den Europameisterschaften 1997 und 2001 nur wenig Resonanz in den Medien gefunden hatte. Und Diacre hat das nicht vergessen. "Es ist meine schönste Erinnerung an die Zeit mit der Nationalmannschaft, gar keine Frage. Beim entscheidenden Qualifikationsspiel gegen England in Saint-Etienne waren 25.000 Zuschauer im Stadion. Nie zuvor hatten wir so viele Zuschauer angelockt, und die Partie wurde auch noch im Fernsehen übertragen. Am Ende hatten wir uns zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Sie können sich vorstellen, was für ein glücklicher Moment das für uns war." Obendrein erzielte Corinne Diacre in jener Partie auch noch den Siegtreffer. Es war dies ihr elftes Tor von insgesamt 14 im Auswahltrikot. Bis dahin hatte sie jedoch auch magere Zeiten über sich ergehen lassen müssen, in denen es manche Niederlage gab und zeitweilig auch eine gewisse Gleichgültigkeit aufkam. "Sicher, es gab auch Enttäuschungen (lacht)! Die schwierigste Phase, um wieder nach oben zu kommen, war in meinen Augen das Jahr 1998. Damals unterlagen wir in der WM-Qualifikation mit 0:1 gegen Finnland. Ein Remis hätte uns gereicht. Die Enttäuschung war riesengroß, da wir dem Ziel schon so nahe waren."

Wie dem auch sei, Corinne Diacre wird ihre Jahre mit der französischen Nationalmannschaft jedenfalls in guter Erinnerung behalten. Und vor allem wird sie dem Frauenfussball auch weiterhin erhalten bleiben. Wenn man sie nach ihrer Zukunft fragt, antwortet sie in der für sie typischen Art und sagt: einfach und ohne große Ambitionen. "Ich habe eine Lizenz mit Diplom und kümmere mich um die 13-jährigen Mädchen in der Nachwuchsabteilung von Soyaux. Darüber hinaus leite ich eine Sportgruppe an einem Gymnasium, die für alle Schülerinnen offen ist."

So ist sie nun mal, die Diacre. Selbst ihr Idol ist wohl nur noch eingefleischten Frauenfussball-Fans ein Begriff. "Die Norwegerin Linda Medalen hat mich als Spielerin am meisten beeindruckt. Sie hat zwar ihre Karriere schon vor der Europameisterschaft 2001 beendet, dennoch hatte ich die Gelegenheit, ein Mal mit ihr zusammen zu spielen. Das war 1999 bei anlässlich einer Partie der All-Star-Auswahl der FIFA, die vor der Auslosung für die Weltmeisterschaft stattfand. An jenem Tag spielte ich mit ihr in der Innenverteidigung und ich habe viel von ihr gelernt. Es war wirklich eine große Ehre, mit ihr in einer Mannschaft spielen zu können." Wir haben nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich die jungen Nachwuchsspielerinnen von heute später einmal in ähnlicher Weise über Corinne Diacre äußern werden.

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