Frauen im Fussball

Boudaoud: Die Facettenreiche

Sarah Boudaoud during her 1st cap with Algeria
© Others
  • Sarah Boudaoud spielt in der französischen Division 1 für GPSO 92 Issy
  • Zudem ist sie Parlamentsreferentin
  • Seit Januar 2020 spielt sie für die algerische Nationalmannschaft

"Als Fussballerin spielst du, bis du 30, 35 bist. Dann ist Schluss. Ich gehe also davon aus, dass ich noch sieben oder acht Jahre im Fussball aktiv sein kann."

Während sich viele Spielerinnen und Spieler erst zum Karriereende hin mit der Zeit danach befassen, plant Sarah Boudaoud (24) lieber voraus. So spielt sie aktuell nicht nur in der höchsten französischen Frauen-Liga, sondern studiert parallel dazu auch noch Politikwissenschaft und arbeitet als parlamentarische Referentin.

Dabei hat die 1996 in Lyon geborene Sarah schnell begriffen, dass Fussball ihr Ding ist. Bereits mit zehn Jahren schloss sie sich dem europäischen Spitzenklub Olympique Lyon an, den sie jedoch wieder verließ, um im Großraum Paris ihr Studium zu beginnen. Seit sechs Jahren spielt sie daher nun schon für GPSO 92 Issy.

Für ihr Studium hat Boudaoud dabei einen sehr konkreten Grund und eine überaus realistische Selbsteinschätzung. "Mir fehlten die finanziellen und geschäftsstrategischen Fähigkeiten, um auf lange Sicht meine eigene Beratungsfirma zu gründen. Also benötige ich einen Master-Abschluss."

Zusätzlich zu den Stunden, die sie für den Erwerb eines Diploms aufwendet, verbringt Boudaoud viel Zeit zwischen der Nationalversammlung und Arbeitssitzungen mit ihrem Abgeordneten, für den sie als parlamentarische Referentin tätig ist. "Ich kam im Dezember 2018 in das Team meines Abgeordneten und wurde sehr gut aufgenommen, auch wenn ich nicht unbedingt über die nötige Erfahrung auf diesem Gebiet verfügte. Aber ich habe mich rasch eingearbeitet. Ich halte es für wichtige gesetzgeberische Arbeit, die verabschiedeten Texte zu verstehen, zusammenzufassen und gegebenenfalls zu ändern", sagt sie.

Kurz gesagt hat Sarah Boudaoud also arbeitsreiche Tage. Tagtäglich wechselt sie je nach Uhrzeit und Anlass das Outfit. "Mein Leben ist total durchgetaktet: Fussball am Abend, Unterricht tagsüber in zweistündigen Zeitabschnitten über die Woche verteilt. Die restliche Zeit gehört meiner Arbeit als Parlamentsreferentin und der Nachbereitung meiner Kurse." Und wenn sie sich mal erholen kann? "Dann schlafe ich ... lange. Das Gute an der Division 1 ist, dass wir samstags spielen. Dadurch habe ich sonntags frei und kann regenerieren."

Sarah Bouadoud working at l'Assemblée Nationale
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Als wäre ihr Stundenplan nicht schon voll genug, geht Sarah noch einer vierten Tätigkeit nach. Stolz berichtet sie: "Ich habe vor einigen Monaten einen Verein gegründet: Wogether (kurz für "Woman Together"), der Spitzensportlerinnen bei ihrem Einstieg ins Berufsleben und persönlichen Entwicklung begleitet."

Verständnisvolles Umfeld

Was Sarah schätzt und was ihr erlaubt, ihr Vierfach-Leben nachhaltig und stabil zu leben, sind die Menschen um sie herum. "Ich habe das Glück, einen Abgeordneten zu haben, der meinen Aktivitäten gegenüber sehr tolerant ist. Er weiß um meine Einschränkungen und nimmt sie gelassen."

Auf der anderen Seite kann es auch schon mal vorkommen, dass Boudaoud eine Trainingseinheit verpasst. Aber auch ihr Trainer ist nachsichtig. "Er weiß, dass ich mein Bestes tue, und versuche, so oft wie möglich anwesend zu sein. Wenn ich mich wirklich nicht frei machen kann, zeigt er Verständnis. Schließlich bin ich auch sehr professionell. Wenn ich mal vom Parlament her ein Arbeitsessen habe, gehe ich danach joggen oder mache mein Krafttraining, wenn ich zurückkomme, um das verpasste Abendtraining auszugleichen."

Blickrichtung Afrika- und Weltmeisterschaft

Boudaoud macht also viel – und keine halben Sachen. So war ihr Jahr 2020 trotz Covid-19 fussballerisch sehr erfolgreich. Mit GPSO 92 Issy ist sie wieder in die Division 1 aufgestiegen und sagt: Die Freude war groß, aber wegen der Kontaktbeschränkungen konnten wir den Aufstieg nicht so feiern, wie es sich eigentlich gehört." Außerdem war 2020 das Jahr von Sarah Boudaouds Debüt in der algerischen Nationalmannschaft. Zwar hatte sie zuvor für Frankreichs U-17-Auswahl gespielt, sich dann aber für einen Wechsel zum Verband ihres Herkunftslands entschieden. Und wie üblich hat Boudaoud große Ziele.

"Eine Weltmeisterschaft zu spielen, wäre traumhaft. Algerien hat das Potenzial, mit den großen afrikanischen Mannschaften mitzuhalten. Wir sind technisch stark. Und auch von der Physis her machen wir Fortschritte. Mannschaften wie Nigeria oder Kamerun bringen Robustheit auf den Rasen, da müssen wir gegenhalten. Aber spielerisch trennt uns nicht viel von diesen Ländern. Der Gewinn des nächsten CAF Afrikanischen Nationenpokals der Frauen ist so gesehen ein realistisches Ziel."

Zukunft im Gleichgewicht

Doch bei allem Ehrgeiz weiß Sarah, dass nicht nur Siege im Fussball wichtig sind. "Wenn man ein wichtiges Treffen mit seinem Abgeordneten hat und sieht, dass es zu Gesetzestexten führt und einen ganzen Bereich im Gesundheitssektor voranbringen kann (Anm. d. Red.: Boudaouds Abgeordneter sitzt im Ausschuss für Soziales und ist Mitglied des Arbeitskreises Gesundheit und Digitales), ist das wirklich lohnend. Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, und das ist genau so toll, wie ein Sieg im Fussball. Ich fühle mich dadurch nützlich und erfüllter."

Dabei hat Sarah Boudaoud mit ihren 24 Jahren eigentlich noch viele Jahre im Fussball vor sich. "Ich habe immer gesagt, ich will den Fussball voll und ganz leben. Nicht zehn oder fünfzehn Jahre nebenher, sondern vielleicht eher ein oder zwei Jahre, dafür aber volle Kanne. Nun spiele ich bereits seit mehr als fünfzehn Jahren Fussball und ich sage mir, es wäre ein reines Vergnügen, meine Tage nur mit Aufstehen und Training zu verbringen", erklärt Boudaoud. "Aber ich war eben immer schon der Typ, der auch andere Aktivitäten braucht, um sich erfüllt zu fühlen."

Sarah Boudaoud on her right wing
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