Frauen im Fussball

Als Julie Welch die Fleet Street aufmischte

Fleet Street in London
© Getty Images
  • Julie Welch ist die erste Frau, die in der Fleet Street über Fussball berichtete
  • Seit dem 18. Jahrhundert war die Fleet Street traditionell die Heimat der britischen Presse
  • In ihrem Buch "Fleet Street Girls" blickt sie auf die Zeit zurück

In den 70er-Jahren sahen sich Frauen, die Fussball spielten, mit jeder Menge Vorurteile konfrontiert. Männer hielten es einfach für unpassend, es widerspräche der weiblichen Natur und würde den Frauen körperlichen und seelischen Schaden zufügen. Doch nicht nur die Frauen auf dem Platz mussten um Anerkennung kämpfen, sondern auch die, die sich anmaßten über den Fussball schreiben zu wollen.

Eine von ihnen war Julie Welch, die als erste Frau in der Fleet Street, die seit dem 18. Jahrhundert die Heimat der britischen Presse war, über Fussball berichtete. "Die Fussballsaison rückte näher und ich saß zu der Zeit mit Ron und Arthur Hopcraft [Sportjournalist für The Guardian & The Observer, Drehbuchautor, Anm. d. Red] in einem Lokal", erzählt Welch, die damals als Sekretärin in der Sportabteilung des Observer tätig war, in der Sports Gazette.

"Arthur hatte eine seiner ‘Drama Queen’-Ankündigungen, dass er es nicht mehr ertragen könne, über Fussball zu schreiben. Ich dachte, hier ist meine Chance, da sie zu wenig Fussballreporter hatten. Ich wandte mich an Ron und sagte: ‘Warum schickst du nicht mich?’ Zu meiner großen Überraschung sagte Ron, er hätte darüber nachgedacht und so ging ich zu Coventry gegen Spurs."

Es war der August 1973 als die in Loughton, Essex aufgewachsene Welch ihren ersten Fussballbericht beim Observer einreichte und damit in eine – zu der Zeit – reine Männerdomäne vordrang. Ein Spiel an das sich die damals 24-Jährige immer noch sehr gut erinnern kann.

"Über dieses erste Spiel zu berichten, fühlte sich fast wie eine Herausforderung an. Wie ein Streich, den man in der Schule ausprobiert und schaut, ob man damit durchkommt. Ich habe erwartet, dass mir jemand auf die Schulter klopft und sagt, dass ich gehen muss“, erinnert sie sich gegenüber The Guardian.

Eine Rolle für die sie hart kämpfen und sich gegen die National Union of Journalists durchsetzen musste. Diese hatte beinahe einen Streik ausgerufen, als Welch es wagte, als Sekretärin einen Artikel zu schreiben, obwohl sie es Männern erlaubte, die keine Journalisten waren. So beschreibt es die 71-Jährige in ihrem Buch The Fleet Street Girls.

Als Welch damals ihren ersten Bericht via Telefon durchgab, verstummte der gesamte Raum, in dem nur Männer anwesend waren. Mit großem Herzklopfen wartete sie darauf, dass die Stimme am anderen Ende zufrieden mit dem war, was sie hörte. Es hatte gefallen und Welch avancierte zur ersten Fussballreporterin.

Es mag heutzutage befremdlich klingen, aber damals musste Peter Corrigan, der damalige Chef-Fussballberichterstatter des Observer, die Pressevertreter an der Highfield Road darüber informieren, dass sie kommen würde.

"Er war mit dem Mann befreundet, der die Pressearbeit in Coventry leitete, und er warnte ihn im Voraus, dass eine 'Frau einmarschieren würde'. Also kümmerten sie sich um mich. Es gab eine Mikrosekunde Stille, als ich den Presseraum betrat und alle taten so, als hätten sie nicht bemerkt, dass ich Brüste habe und Lippenstift trage. Es war wirklich einfach wunderschön", so Welch gegenüber Sports Gazette. Man hielt es damals also für notwendig, die anwesenden Herren vorzuwarnen...

Und nicht alle von ihnen waren erfreut über die Tatsache, dass ausgerechnet eine Frau ihnen das Wasser abgraben könnte. Es ist wenig verwunderlich, dass die Erfahrungen, die Welch in den Anfängen ihrer Karriere als Journalistin sammelte, nicht immer positiv waren. "Es war furchtbar frustrierend, weil ich das Spiel geliebt habe. Ich hatte ein Gehirn und wusste, wie man einem Spiel folgt, sowie die bärtigen, verschwitzten Männer neben mir.“

Auf der anderen Seite hatte es auch fast etwas Romantisches für sie, Teil der Fleet-Street-Tradition zu sein. "Ich glaube nicht, dass ich mich daran erinnern kann, einen unfreundlichen Fussballer getroffen zu haben", sagt sie The Guardian. "Sie waren alle einfach super. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages mit Brian Clough spazieren gegangen bin. Lucas, mein mittlerer Sohn, sein Patensohn, war dabei und er war sehr lieb zu ihm, hat ihn in die Luft geworfen. Ich sagte nur: 'Oh Brian, du bist ein guter Mann' und er lachte und sagte: 'Ich wünschte ich wäre es, Liebes, ich wünschte ich wäre es.’ Aber für mich war er es. Seine Frau Barbara war es auch. Sie waren einfach nette Leute."

Seit August 1973 hat sich einiges im Leben von Welch getan, und sie konnte sich eine erfolgreiche Karriere als Dramaturgin und Drehbuchautorin aufbauen. Zu ihren Werken gehören unter anderem das Drehbuch zum Fernsehfilm Those Glory Glory Days, der von ihrer Liebe zum Fussball in ihrer Kindheit inspiriert wurde, und die Bücher The Biography of Tottenham Hotspur (2012), Too Marvellous For Words (2017) oder The Fleet Street Girls (2020)

"Es klingt grimmig zu sagen, dass es nie wieder eine Zeit in meinem Leben geben wird, die sich so anfühlt. Aber es ist wahr. In diesem Sinne war das Betreten des Observer wie das Betreten des Himmels. Wenn ich zurückblicke, war es wirklich ein wunderbares Leben."

Ein Leben, das vielen Sportjournalistinnen nach ihr den Weg geebnet hat.

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