Frauenfussball

50 Jahre Frauenfussball in Deutschland

TuS Wörrstadt - Erster Deutscher Frauenfussball Meister 1974
  • Am 31. Oktober 1970 wurde der Frauenfussball in die DFB-Satzung aufgenommen
  • Das erste offizielle Länderspiel trug Deutschland am 26. November 1982 aus
  • Erfolge der DFB-Frauen seitdem: 2 WM-Titel, 8 EM-Titel, 3x Bronze und 1x Gold bei Olympia

Man stelle sich einmal vor, das Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2019 zwischen den USA und den Niederlanden wäre mit folgenden Worten kommentiert worden: "Decken, decken, nicht Tisch decken, richtig Manndecken, so ist recht. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder!" Der Aufschrei – nicht nur in den Sozialen Medien – wäre groß, der bekannte Shitstorm vorprogrammiert.

Im Jahr 2020 kaum denkbar, vor 50 Jahren aber genau das, was sich Spielerinnen der inoffiziellen deutschen Frauennationalmannschaft am 28. März 1970 in der Sendung "Das aktuelle Sportstudio" anhören mussten. Eine Zeit, in der Frauenfussball in den Augen der Männer nichts Seriöses war. Frauen dürfen alles – nur Fussball eben nicht! Es war ihnen seit 1955 sogar untersagt. Ein Verbot, dass der Deutsche Fussball-Bund einstimmig beschlossen hatte.

Erst 15 Jahre später, am 31. Oktober 1970, wurde der Frauenfussball offiziell in die Satzung des DFB aufgenommen. Ein absoluter Meilenstein in der Geschichte des deutschen Frauenfussballs, an den sich Hannelore Ratzeburg (Vizepräsidentin für Gleichstellung, Frauen- und Mädchenfussball beim DFB) zurückerinnert.

"Ich bin ein Kind der 50er-Jahre, da durften Frauen noch vergleichsweise wenig. Bei uns in der Familie spielte Fussball seinerzeit keine Rolle. 1970 hat der DFB das Frauenfussballverbot aufgehoben. Zu der Zeit hatte ich einen Freund, der im Verein spielte und auf der Weihnachtsfeier wurde darüber gesprochen. Ich war neugierig und auch ein bisschen angepiekst durch die 68er, die Studentenbewegung, den Widerspruchsgeist. Da habe ich gesagt: Das möchte ich auch mal ausprobieren", erzählt Ratzeburg auf der Internetseite des DFB.

"Ich habe dann einige andere Frauen dafür gewinnen können. Ich weiß noch, die meisten kamen mit Gymnastikschläppchen zum Training in die Halle. Ich wollte nur in die Halle, damit uns am Anfang keiner zuschaut. Wir wussten ja noch nicht so richtig, wie wir uns überhaupt anstellen würden. Meine Eltern haben die Hände überm Kopf zusammengeschlagen. Aber ich bin dabeigeblieben."

Viele Männer waren nur gekommen, um den Trikot-Tausch nach dem Spiel zu sehen. So ein Schwachsinn!

Silvia Neid

1970 – 2020

Fünf Jahrzehnte, in denen sich Deutschland zu einer der stärksten Nationen im Frauenfussball gemausert und unzählige Titel auf internationaler Ebene feiern konnte – sei es nun auf Vereinsbasis oder mit der Nationalmannschaft. Fünf Jahrzehnte, in denen viele Persönlichkeiten den Weg geebnet und der weiblichen Seite des Sports ein Profil gegeben haben. Persönlichkeiten wie Ratzeburg, Gero Bisanz (erste Trainer der Frauen-Nationalmannschaft), Tina Theune, Renate Lingor (seit 2019 Mitglied der "Hall of Fame" des Frauenfussballs) Bärbel Wohlleben (erzielte 1974 als erste Frau ein "Tor des Monats"), um nur einige von vielen zu nennen.

Und natürlich Silvia Neid, die als Spielerin, Assistenztrainerin oder Cheftrainerin an allen acht Europameistertiteln, den beiden Weltmeistertiteln der deutschen Frauen-Nationalmannschaft und dem erstmaligen Gewinn der Goldmedaille beim Olympischen Fussballturnier der Frauen beteiligt war.

"Für mich war natürlich auch unser erstes Länderspiel 1982 ein Meilenstein. Gero Bisanz hat da hervorragende Arbeit geleistet. Er musste erst mal schauen, woher er überhaupt die Spielerinnen bekommt", erzählt Neid auf dfb.de. "Eine Frauen-Bundesliga gab es ja noch nicht. Es gab zwei Lehrgänge, einen im Norden, einen im Süden, à 30 Spielerinnen. 16 blieben übrig und die waren beim ersten Länderspiel dabei. Es waren 5000 Zuschauer in Koblenz, aber man merkte schon, dass einige nur gekommen waren, weil sie sich lustig machen wollten. Das hat uns genervt. Aber als Startschuss war dieses Spiel natürlich wichtig. Außerdem die Endspiele um den DFB-Pokal der Frauen in Berlin vor dem Finale der Männer. 1988 ist mir dabei das 'Tor des Monats' gelungen."

Auch Neid und ihren Erfolgen mit der Nationalmannschaft ist es zu verdanken, dass sich der Stellenwert des Frauenfussballs in Deutschland enorm erhöht hat und er sich dort befindet, wo er jetzt ist. "Erfolg war und ist das A und O. Ohne Erfolg hätten wir nicht das mediale Interesse gehabt und ohne das mediale Interesse nicht den Zulauf in den Vereinen. Auch für uns als Nationalmannschaft war das enorm wichtig: Wir konnten dann sagen, wir brauchen noch einen Co-Trainer oder einen Physiotherapeuten. Die Bedingungen haben sich dann immer mehr verbessert", betont sie.

Jetzt liegt es an der neuen Generation diesen Weg fortzusetzen, zu gestalten, zu motivieren und zu inspirieren und dadurch den Wunsch von Neid wahr werden zu lassen. "Das ewige Kämpfen um Anerkennung muss ein Ende haben. Wir spielen auf höchstem Niveau in der Welt, müssen uns nicht verstecken. Wir haben Frauen mit unheimlich viel Fachwissen, die stärker eingebunden werden sollten. Und vielleicht steht bis dahin ja sogar mal eine Frau an der Spitze des DFB."

Meilensteine

  • 31. Oktober 1970: Der Frauenfussball wird offiziell in die Satzung des DFB aufgenommen
  • 08. September 1974: Der TuS Wörrstadt gewinnt die erste deutsche Meisterschaft
  • 02. Mai 1981: Bergisch Gladbach gewinnt den erstmals ausgespielten DFB-Pokalwettbewerb
  • 26. November 1982: Erstes Länderspiel der (inzwischen) offiziellen Frauen-Nationalmannschaft. Austragungsort: Koblenz. Ergebnis: 5:1 gegen die Schweiz. Zwei Treffer gingen dabei auf das Konto von Silvia Neid
  • 02. Juli 1989: Deutschland gewinnt erstmals die EM (4:1-Sieg gegen Norwegen)
  • 23. Mai 2002: Der 1. FFC Frankfurt gewinnt den erstmals ausgespielten UEFA Women's Cup (später UEFA Women's Champions League)
  • 12. Oktober 2003: Deutschland wird Weltmeister
  • 30. September 2007: Gelungene Verteidigung des WM-Titels
  • 19. August 2016: Die DFB-Frauen können Olympia-Gold zur Trophäensammlung hinzufügen

2020: Mehr als 1,1 Millionen Frauen und Mädchen sind in Deutschland Mitglied in einem Fussballverein. Fast 10.000 Mannschaften nehmen am Spielbetrieb teil

Ich finde es wird weder dem Frauenfussball noch dem Herrenfussball gerecht, die Dinge zu vergleichen. Das mache ich auch nicht. Der Frauenfussball steht für sich und ist eine wunderbare Sportart. Die Geschwindigkeit und die Dynamik des Spiels sind so viel schneller geworden, so viel athletischer und umkämpfter. Der Frauenfussball steht dem Herrenfussball in nichts nach.

Bibiana Steinhaus in der ARD-Dokumentation "Der größte Gegner ist das Klischee"

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel