Frauenfussball

Van de Sanden: Marozsan ist auf einem anderen Niveau

Shanice van de Sanden and Lyon celebrate victory in the UEFA Women's Champions League final
© imago images
  • Shanice van de Sanden erinnert sich an ihren 'verrückten' Weg zum Fussball
  • Sie spricht über Lyons Jagd nach zwei weiteren Trophäen in diesem Monat
  • 2023 "wird einfach irre", so die niederländische Angreiferin

Wenn sie tanzt, tanzen alle Oranjeleeuwinnen mit ihr. Wenn sie lächelt, lächelt der ganze Raum mit ihr. Und wenn sie gerade nicht im orangenen oder weißen Trikot auf dem Spielfeld glänzt, fängt sie mit ihrer geradezu magnetischen Sphäre von allen Seiten bewundernde Blicke auf.

Wenn Shanice van de Sanden am Abend nach dem Spiel zum Dinner erscheint, wirkt sie nicht, als hätte sie kurz zuvor 90 Minuten lang auf dem Platz geackert, sondern als käme sie direkt von einem Fotoshooting für das Titelbild der Vogue oder ELLE. Sie ist überaus fotogen, charismatisch und hat ihren ganz eigenen Stil. Shanice van de Sanden ist die Antwort des Fussballs auf Zendaya.

Und sie ist dabei ähnlich kreativ wie auf dem Rasen. Sie stammt aus der gleichen Stadt wie Wesley Sneijder und Marco van Basten und hat in den letzten zwei Endspielen der UEFA Champions League der Frauen fünf Torvorlagen gespielt.

Nun steht Van de Sanden erneut vor einem Finale gegen Paris Saint-Germain im Pokalwettbewerb Coupe de France. In wenigen Wochen wartet dann Bayern München im Viertelfinale der kontinentalen Königsklasse. Van de Sanden sprach mit FIFA.com über die Titeljagden ihres Klubs im August, ihr Fitnessprogramm während des Lockdowns, ihre Vorliebe für Vorlagen, die Fans der Niederlande, die Olympischen Spiele in Tokio und die nächste FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™.

FIFA.com: Shanice, zunächst einmal, wie haben Sie sich während des Lockdowns fit gehalten?

Shanice van de Sanden: Viele Spielerinnen aus der Nationalmannschaft waren drüben in Holland: Jill Rood, Lieke Martens, Danielle van de Donk, Sari van Veenendaal, Kika van Es, Inessa Kaagman, Danique Kerkdijk und noch einige mehr. Wir haben also mit zehn, elf Spielerinnen zusammen trainiert, das hat ziemlichen Spaß gemacht. Wir mussten zwar eineinhalb Meter Abstand halten, aber wir konnten Flanken und Pässe trainieren und Lauftraining machen. Aber trotzdem war es nicht leicht, fit zu bleiben. Man kann es so machen wie wir, oder auch mal einen Waldlauf machen, aber das ist natürlich alles nicht das gleiche wie richtiges Fussballtraining. Aber wenn die innere Einstellung stimmt, ist alles in Ordnung. Wir hatten eine großartige Zeit. Wir haben zwei Mal pro Woche zusammen trainiert, Dienstag und Donnerstag Vormittag. An den anderen Tagen habe ich Lauftraining und zu Hause etwas Krafttraining gemacht. Und ich hatte meine Freundin zu Hause. Wir haben etwas Tabata gemacht, das hat auch Spaß gemacht.

Was haben Sie sonst noch gemacht, um sich die Zeit zu vertreiben?

Ehrlich gesagt brauchte ich diesen Abstand mal. Die Zeit nach der WM war ziemlich schwer. Mein Privatleben hat sich in den vergangenen drei Jahren enorm verändert und ich brauchte mal etwas Auszeit. Ich habe mich ziemlich wohl gefühlt und ich habe mir die Zeit genommen, an meiner Einstellung zu arbeiten, denn im vergangenen Jahr hatte sich doch schon Einiges angestaut. Man arbeitet wirklich hart und gibt seine bestes auf dem Feld, und wenn dann die Ergebnisse nicht stimmen, ist man ärgerlich und enttäuscht. So war es bei mir in der Zeit nach der WM. Daher brauchte ich während Corona meinen Raum. Jetzt fühle ich mich besser.

Für Lyon ging es mit dem Coupe-de-France-Halbfinale gleich wieder zur Sache. Als nächstes wartet im Finale am Sonntag Paris Saint-Germain. Was halten Sie von PSG?

PSG gegen Lyon ist immer ein Topspiel. Ich freue mich schon sehr darauf. PSG war schon zuvor sehr stark und hat einige neue Spielerinnen geholt. Ramona Bachmann kann den Verlauf eines Spieles enorm beeinflussen. Kadidiatou Diani und Nadia Nadim sind großartige Stürmerinnen. Dann wäre da noch Formiga im Mittelfeld. PSG hat sehr viele sehr gute Spielerinnen, aber wir bei Lyon haben auch einige der allerbesten. Es wird sicher sehr interessant, für die Spielerinnen und für die Zuschauer.

Sie haben in den zwei letzten Endspielen der UEFA Champions League der Frauen fünf Torvorlagen gespielt. Wie kommt es, dass Shanice van de Sanden in den ganz großen Spielen immer wieder Wunder vollbringt?

Ich denke, ich bin als Spielerin einfach für Endspiele gemacht. Ich konzentriere mich auf jedes Spiel, aber in Endspielen kommt immer noch etwas Besonderes hinzu. Man steht ganz kurz vor dem Gewinn einer Trophäe. Daher gebe ich einfach absolut alles für mein Team. Und es gibt keinen Grund, nicht einfach absolut alles zu geben. Ich treibe mich selbst an. Ich brauche niemanden, der mich antreibt. Ich kenne das Gefühl, Titel zu gewinnen, und ich will mehr davon. Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass ich fünf Vorlagen in zwei Champions League-Endspielen gespielt habe. Das ist irre und ich bin sehr stolz darauf. Hoffentlich geht es so weiter, und hoffentlich schieße ich auch einmal selbst ein Tor in einem Finale.

Bereitet Ihnen eine Vorlage genau so viel Vergnügen wie ein Tor?

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich auf das Tor zulaufe, kann ich vielleicht ein Tor schießen. Aber wenn eine Mitspielerin in einer besseren Position ist – auch nur ein kleines bisschen – dann spiele ich den Ball zu ihr. Ich finde das sehr wichtig. Das schweißt die Spielerinnen enger zusammen und macht das Team stärker. Ich finde es ist ein großartiges Gefühl, wenn ich eine erfolgreiche Vorlage spiele. Das ist für mich das Gleiche wie ein Tor zu schießen.

Lyon trifft in wenigen Wochen im Champions-League-Viertelfinale auf Bayern München. Was sagen Sie zu Bayern?

Das ist ein großartiges Team mit einigen neuen Spielerinnen. Einige Spielerinnen kenne ich schon. Sie haben während des Lockdowns trainiert und viel früher als wir wieder mit dem Spielen angefangen. Die Bundesliga wurde gerade zu Ende gespielt, anders als in Frankreich. Sie dürften also ziemlich fit sein. Aber auch wir haben im vergangenen Monat ziemlich intensiv trainiert. Ich denke, auch wir werden gut auf dieses Spiel vorbereitet sein. Ich denke, es wird ein tolles Spiel.

Denken Sie, dass angesichts der Verletzung von Ada Hegerberg und der Tatsache, dass in Spanien im K.o.-System gespielt wird, der Gewinn der Champions League in diesem Jahr die größte Leistung Lyons wäre?

Ja, ich denke schon. Wenn man im ersten Spiel nicht gut spielt, hat man normalerweise eine Chance, es noch zu richten. Jetzt aber sind wir bei einer Niederlage sofort draußen. Genau so ist es auch bei Europa- und Weltmeisterschaften. Alles kann passieren. Es geht darum, welches Team besser in den Spielfluss findet. Wir konzentrieren uns voll auf das erste Spiel gegen Bayern. Das wird sehr schwer. Aber wenn wir (das Turnier) gewinnen, ist das vielleicht unsere größte Leistung.

Was sagen Sie zu Ada Hegerberg?

Sie ist einfach eine absolut großartige Spielerin. Ganz schön irre, wenn man bedenkt, dass sie gerade erst 25 geworden ist, denn sie hat schon so viel erreicht. Sie ist sehr wichtig für unser Team, sogar dann noch, wenn sie verletzt ist. Sie macht eine schwere Zeit durch, doch sie ist eine starke Persönlichkeit, auf und abseits des Platzes. Sie ist einfach unglaublich erwachsen.

Wo wir gerade von Jugend sprechen: Wie sind Sie selbst als Youngster zum Fussball gekommen. Wer waren ihre Idole?

Eigentlich war ich schon ziemlich alt, als es losging. Ich habe erst mit zwölf mit dem Fussball angefangen. Einer der Nachbarsjungs kam bei uns vorbei und fragte: 'Shanice, warum bist du immer zu Hause und nie draußen, um Freunde zu finden?' Ich sagte, dass ich mich allein zu Hause einfach wohl fühlte. Er meinte, ich solle es einmal mit Fussball versuchen und fragte gleich bei einem Klub nach, ob Platz für ein Mädchen im Team wäre. An dem Tag, an dem ich das erste Mal Training hatte, war es um mich geschehen. Vier Jahre später feierte ich mein Debüt in der Nationalmannschaft. Das ist ziemlich verrückt. Nach meiner Karriere werde ich zurückblicken und denken: 'Das war ein verrückter Weg, viele Menschen träumen davon, dass es so läuft'. Doch mein Weg ist ja noch lange nicht zu Ende. Ich konzentriere mich darauf, weitere Titel zu gewinnen. Da Fussball keine große Rolle gespielt hat, hatte ich in meiner Kindheit auch keine Idole. Aber mittlerweile habe ich größten Respekt für Cristiano Ronaldo, auf und abseits des Platzes. Er ist einer meiner Helden.

Wie war für Sie die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ im vergangenen Jahr?

Das war ein fantastisches Erlebnis. Es war ein echt riesiges Turnier, das dem Frauenfussball viel Aufmerksamkeit eingebracht hat. Ich denke, dass sich seitdem im Frauenfussball vieles zum Positiven entwickelt hat. Darauf bin ich wirklich ziemlich stolz. Und ich bin auch sehr stolz auf die Silbermedaille. Es war eine harte WM, aber wir haben gut gespielt und es bis ins Finale geschafft. Ich hätte mit dem Team natürlich gern noch etwas mehr erreicht. Aber es sollte nicht sein. Doch alles geschieht mit einem Grund und auch die Silbermedaille ist fantastisch.

Was sagen Sie zu den Fans der Oranjeleeuwinnen 2019 in Frankreich?

Wir waren im Hotel und haben uns auf die Spiele konzentriert. Aber natürlich haben wir Bilder, Videos und all die Berichte in den Sozialen Medien gesehen - all die Leute auf den Straßen, alle in orange, singend und tanzend! Das gibt noch einen weiteren Schub. Man will für diese fantastischen Fans einfach noch ein bisschen besser spielen. Auch darauf bin ich wirklich stolz – unser Land ist klein, aber unsere Fans sind einfach riesig, und sie sind überall.

Freuen Sie sich darauf, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein?

Ich brenne förmlich darauf, bei den Olympischen Spielen anzutreten. Dass wir uns dafür qualifiziert haben, ist schon eine große Leistung. Wir müssen zwar jetzt noch ein Jahr länger warten, aber das fällt mir sehr schwer. Ich wollte schon immer bei den Olympischen Spielen dabei sein und nun wird es bald so weit sein. Die Olympischen Spiele habe ich immer im Fernsehen geschaut. Ich habe einfach alle Sportarten gesehen, denn das ist eine wirklich großartige Veranstaltung.

Finden Sie, dass die USA auf einem anderen Niveau sind als die Niederlande?

Ich denke, die Niederlande können es mit den USA aufnehmen, aber ich denke auch, dass die USA eine Klasse für sich sind. Bei einigen Aspekten sind sie uns weit voraus. Aber auf dem Platz können wir ihnen Paroli bieten, wenn wir einen guten Tag erwischen und sehr konzentriert bleiben. Ich denke, die USA gewinnen viele Titel, weil sie großartige Spielerinnen und enorm viel Erfahrung haben, und natürlich viel Unterstützung von ihrem Land. Hoffentlich gilt dies für immer mehr Länder, aber für so etwas braucht man Zeit.

Was sagen Sie dazu, dass die nächste FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ in Australien und Neuseeland stattfindet?

Oh, ich kann es kaum noch erwarten! Ich habe schon immer zu meiner Mutter und meinen Freundinnen gesagt, dass ich unbedingt einmal Australien und Neuseeland besuchen will. Ich bin absolut begeistert und aufgeregt und freue mich sehr auf diese WM. Das wird einfach irre.

Zum Abschluss noch: Wen halten Sie derzeit für die beste Spielerin der Welt?

Das ist eine sehr schwere Frage. [Megan] Rapinoe ist natürlich eine absolut großartige Spielerin. Aber da ist auch noch [Dzsenifer] Marozsan. Ich sehe sie jeden Tag im Training und sie ist ganz sicher ebenfalls eine der allerbesten Spielerinnen der Welt. Ihre Technik und was sie alles macht – sie ist auf einem anderen Niveau.

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