Frauenfussball

Lily Parr, eine wahre Pionierin des Frauenfussballs

Lily Parr, from St Helen's, practises the javelin as part of her training with Preston Ladies football team
© Getty Images
  • Lily Parr hätte heute, 26 April 2020, ihren 115. Geburtstag gefeiert
  • Symbolfigur für den Frauenfussball
  • "Das beste natürliche Timing, das ich je erlebt habe"

"Es wurden Beschwerden gegen die Ausübung des Fussballsports durch Frauen vorgebracht. Der Rat fühlt sich gehalten, seine feste Überzeugung auszudrücken, dass das Fussballspiel für Frauen nicht geeignet ist und deshalb nicht gefördert werden sollte."

Diese im Jahre 1921 vom englischen Fussballverband herausgegebene Erklärung, mit der der Frauenfussball in Stadien der FA-Clubs untersagt wurde, behinderte die Entwicklung des Frauenfussballs, der sich damals wachsender Beliebtheit erfreute. Die Partien der Frauen wurden in dieser Zeit vor beeindruckenden Kulissen ausgetragen. Die Beliebtheit des Frauenfussballs war zum Teil auch den frühen Stars geschuldet. Eine davon war die wohl außergewöhnlichste Spielerin des frühen 20. Jahrhunderts.

Lily Parr war eine unübersehbare Person mit bemerkenswertem Charakter, die ein geradezu unglaubliches Leben führte. Sie war fast 1,80 Meter groß, eine Kettenraucherin mit rabenschwarzem Haar und einem berüchtigten linken Fuß. Ihre Karriere als Fussballerin begann bereits im Jahr 1919, als sie gerade einmal 14 Jahre alt war. In ihrem zweiten Spiel für St. Helens Ladies gegen Dick, Kerr's Ladies aus Preston, beeindruckte sie den Trainer Alfred Frankland von Kerr derart, dass er ihr einen Platz in seinem ohnehin schon sehr stark besetzten Team anbot. Sie zog nach Preston und hatte damit den perfekten Klub gefunden, wo sie sich zu einer der torgerfährlichsten Spielerinnen aller Zeiten entwickeln konnte.

Bis zu dem Verbot von 1921 war das Team von Dick, Kerr's Ladies (das im 1. Weltkrieg von der weiblichen Notbelegschaft des Eisenbahnwerks Dick, Kerr & Co. in Preston gegründet worden war), als karitatives Team unterwegs und brachte durch seine Spiele Geld für den Kriegsversehrten-Hilfsbund (National Association of Discharged and Disabled Soldiers and Sailors) auf. 1920 bereiste eine französische Mannschaft England und bestritt vier Spiele gegen Dick, Kerr's Ladies. Als inoffizielle englische Nationalmannschaft gewann das Team zwei Spiele, zudem gab es ein Unentschieden und eine Niederlage. Dabei brachte man fast GBP 3.000 für wohltätige Zwecke zusammen, nach heutigem Wert über GBP 100.000.

A team photograph of Dick, Kerr Ladies football team, founded in Preston, Lancashire, during World War One, who were undefeated British champions during the 1920-1921 season.

Torfestivals vor Rekordkulissen

Bei einem Gegenbesuch in Frankreich absolvierten die Mannschaften weitere Partien. Dadurch wuchs das Interesse an Dick, Kerr's weiter, und nach der Rückkehr nach Großbritannien bestritt das Frauenteam Spiele vor Rekordkulissen (bis zu 53.000 Zuschauer im Goodison Park). Im Laufe dieser Zeit kamen weit über GBP 5.000 für wohltätige Zwecke zusammen (mehr als GBP 200.000 nach heutigem Wert). 1921 erzielte Parr bei einem 9:1-Kantersieg gegen eine Großbritannien-Auswahl fünf Tore. In einem "Länderspiel" gegen Frankreich besorgte sie beim 5:1-Sieg vor 15.000 Zuschauern alle fünf Tore für ihr Team.

Doch gleichzeitig mit der stetig steigenden Popularität von Parr, dem Team und dem Frauenfussball insgesamt, sowie angesichts der enormen aufgebrachten Gelder, wurde das Team Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Die Kerr's Ladies bestritten damals auch Spiele zur Unterstützung von Bergarbeitern. Das Team stand der Arbeiterbewegung nahe und es dauerte nicht lang, bis die FA Schritte zur Unterdrückung des Frauenfusballs einleitete. Die FA fügte der Erklärung, Fussball sei "für Frauen gänzlich ungeeignet", noch hinzu: "Der Rat ist ferner der Auffassung, dass ein übermäßig hoher Anteil der Einnahmen für Kosten aufgewendet wird und dass kein angemessener Anteil tatsächlich wohltätigen Zwecken zugute kommt."

Obgleich "Fussball für Frauen nicht geeignet" war, trat das Team von Kerr eine Reise in die USA an. Hier absolvierten die Frauen insgesamt neun Spiele, davon auch einige gegen Männermannschaften. Parr war der große Star dieser Begegnungen. In amerikanischen Zeitungsberichten wurde sie als "die brillanteste Spielerin der Welt" bezeichnet.

Auch nach der Rückkehr bestritt Kerr's Ladies weiterhin Benefizspiele, doch da nun der Zugang zu den großen Stadien verwehrt war, kamen nicht mehr so große Summen zusammen wie vor dem entsprechenden FA-Beschluss. Parr indes spielte weiterhin unverzagt und erzielte Tore wie am Fließband. Letztlich wurde Dick, Kerr & Co. von English Electric übernommen. Zahlreiche Teammitglieder wurden entlassen, darunter auch Parr.

Die Ursprünge des Frauenfussballs

Siehe auch

Die Ursprünge des Frauenfussballs

Symbolfigur für den Frauenfussball

Sie fand eine neue Arbeit im Whittingham Hospital and Lunatic Asylum, einem der Nutznießer der karitativen Arbeit Kerrs. Trainer Frankland eröffnete einen Gemüseladen in Preston und betreute das Team auch weiterhin. Während der Arbeit lernte Parr ihre zukünftige Partnerin Mary kennen. Gemeinsam kauften sie ein Haus in Preston. Sie versuchten gar nicht erst, ihre Beziehung geheim zu halten, so wie es viele andere gleichgeschlechtliche Paare damals tun mussten.

Obgleich nun die frühere Unterstützung durch Dick, Kerr & Co. fehlte, blieben die Preston Ladies auch weiterhin das beste Team Englands. 1927 feierte man einen 11:2-Kantersieg gegen die Blackpool Ladies, bei dem sich selbstverständlich auch Parr in die Torschützenliste eintrug. Während einige Teammitglieder heirateten oder emigrierten und dem Team den Rücken kehrten, machte Parr weiter und erlangte immer größere Bekanntheit.

Bobby Walker, ein schottischer Nationalspieler, attestierte ihr "das beste natürliche Timing, dass ich je erlebt habe."

"Sie hatte einen Schuss wie ein Maultier", so ihre Teamkameradin Joan Whalley. "Ich kannte keine andere Person, die den ruhenden Ball, und es war der damalige schwere Lederball, von rechts über das gesamte Feld zu mir nach links wuchten konnte. Und die Kraft ihres Schusses hätte mich dabei fast umgehauen."

1937 feierten die Preston Ladies einen 5:1-Sieg gegen die Edinburgh Ladies und gewannen damit die "Meisterschaft von Großbritannien und der Welt". Unter den Torschützen waren sowohl Parr als auch die damals 15-jährige Whalley. Trainer Frankland fasste in seiner Ansprache anlässlich des Sieges noch einmal die beeindruckenden Verdienste des Teams zusammen

"Seit unserer Gründung haben wir 437 Spiele bestritten und davon 424 gewonnen. Verloren haben wir nur sieben Mal, und es gab sechs Unentschieden. Wir haben 2.863 Tore erzielt und nur 207 Gegentore zugelassen", so seine Zahlen. "Insgesamt haben wir hier und im Ausland mehr als GBP 100.000 für wohltätige Zwecke aufgebracht."

Sofern Franklands Zahlen zutreffen, hätten Dick, Kerr's und die Preston Ladies mit ihrer Starspielerin Lily Par einen Betrag aufgebracht, der heute mehreren Millionen Pfund entsprechen würde.

Nachdem das Team während des 2. Weltkriegs aufgrund der Benzin-Rationierung und wegen Franklands Einsatz als Luftraumbeobachter nur wenige Partien bestreiten konnte, wurde Parr 1946, also nach 26 Jahren im Dienst des Teams, zur Spielführerin ernannt. Ihr letztes Spiel bestritt sie am 12. August 1950 im Alter von 45 Jahren. Beim 11:1-Sieg gegen Schottland verewigte sie sich ein letztes Mal in der Torschützenliste. In ihrer gesamten Karriere erzielte Parr mehr als 900 Tore.

Anfang der 1960-er Jahre ging sie in Rente und erkrankte 1967 an einem Krebsleiden, dem sie 1978 schließlich erlag. 1971 erlebte Parr allerdings noch, wie die FA ihren Beschluss von 1921 zurücknahm, der Frauen das Fussballspielen in Stadien von FA-Clubs untersagte. Auch über ihren Tod hinaus bleibt Parr eine Symbolfigur für den Frauenfussball und für die Rechte Homosexueller. Als 2002 die English Football Hall of Fame im nationalen Fussball-Museum gegründet wurde, war Parr die einzige Spielerin, die berücksichtigt wurde. Von 2007 bis 2009 wurde zudem die Lily Parr Exhibition Trophy zwischen LGBT-Teams aus England, Frankreich und den USA ausgespielt – eine Reminiszenz an die Reisen von Dick, Kerr's Ladies Anfang des 20. Jahrhunderts.

Parr wäre sicher sehr zufrieden, wenn sie sähe, dass gut ein Jahrhundert nach ihrer Geburt der Frauenfussball in ihrem Heimatland blüht, die FAWSL immer mehr Zuschauer anzieht und das Finale des Olympischen Fussballturniers der Frauen von London 2012 vor einer Rekordkulisse von mehr als 80.000 Fans ausgetragen wurde. Diese Fans wären ganz sicher ebenfalls gekommen, um Lilly Parr zu sehen, eine echte Pionierin des Frauenfussballs.

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