Frauenfussball

Karishma Ali inspiriert in Pakistan 

Karishma Ali training young players in Pakistan.
  • Karishma Ali repräsentierte Pakistan international
  • Die erst 22-Jährige hat bereits einen bahnbrechenden Sportklub in ihrer Heimat gegründet
  • Alis Talent führte sie zudem bis nach Mailand und ins Forbes Magazine

Als Kind in einem kleinen Dorf in der entlegenen pakistanischen Region Chitral wurde Karishma Ali von ihrem Vater gefragt, was sie im Leben erreichen wolle. "Etwas anderes", antwortete sie instinktiv und ohne zu zögern.

Ali selbst kann kaum glauben, was sie seitdem dank ihrer Beharrlichkeit beim Verfolgen ihrer Träume erreicht hat.

Dass sie ihr Land bereits international repräsentierte, obwohl es in Chitral keinerlei Frauen-Fussballtradition gibt, ist schon bemerkenswert genug. Vollends unglaublich wird es aber, wenn man bedenkt, dass sie auch den ersten Frauen-Sportklub der Region aufgebaut hat, bei der Mailänder Modewoche im vergangenen Jahr auf dem Laufsteg stand und in der Forbes-Liste '30 Under 30' für Innovation und Unternehmergeist auftauchte – und das alles, noch bevor sie 22 wurde.

Und selbst in der aktuellen Zeit, in der durch COVID-19 Vieles zum Erliegen kommt, schafft Ali es, Mittel aufzubringen um bedürftigen Familien Lebensmittel zu verschaffen und den Arbeitern im Gesundheitswesen dringend benötigte Schutzausrüstung zu besorgen. Dazwischen fand sie irgendwie auch noch Zeit für ein Gespräch mit FIFA.com indem sie uns über ihr außergewöhnliches Leben und ihre Antriebskräfte erzählte.

"Ich wuchs in einer streng patriarchalischen Gesellschaft auf, aber ich wollte etwas anderes", sagt sie. "Sport war für Mädchen grundsätzlich nicht akzeptabel. Ein gutes Mädchen wurde früh verheiratet, sprach nie über ihre Rechte und blieb in der Küche."

"Ich aber wollte Fussball spielen. Das war damals für ein Mädchen aus Chitral mehr als ungewöhnlich. Ich konnte nur spielen, wenn ich mit meinem Vater zum Picknick ging. Aber ich habe schon immer daran geglaubt, das Unmögliche möglich zu machen. Ich wusste, dass ich eines Tages eine Fussballerin werden würde.

"Nach der Grundschule zog ich nach Islamabad, kam aber immer wieder in meinen Heimatort zurück und gab Englischunterricht an einer Schule. 2016 wurde ich ausgewählt und sollte bei den Jubilee Games für Pakistan antreten. Damals las ich in einem Posting auf Facebook, dass ich das einzige Mädchen aus Chitral war, das Fussball spielte. Ich war darauf sehr stolz, doch ich wurde auch nachdenklich. Bei mehr als 220.000 Frauen in Chitral sollte ich nicht die einzige sein, die Fussball spielt."

"Da habe ich kurzerhand beschlossen, den Frauen-Sportklub von Chitral zu gründen. Ich wollte Veränderungen für die Mädchen und Frauen in meiner Heimat erreichen, die davon träumten, etwas zu tun und mehr als nur Hausfrau zu sein."

Chitral Womens Sports Club
 training.

Diese Entscheidung zeigt nicht nur Alis Ambitionen sondern auch ihren Mut. Dabei wäre es durchaus verständlich gewesen, wenn sie nach den Reaktionen auf ihre eigenen sportlichen Aktivitäten und Erfolge eher unauffällig geblieben wäre.

"Als ich für Pakistan nominiert wurde, sah ich auf einer Facebook-Seite aus Chitral ein Posting über mich. Die Kommentare waren mehr als verstörend. Einer schrieb, meine Beine sollten 'abgehackt werden' und ein anderer ich solle 'getötet werden, bevor ich noch andere Mädchen zum Fussball anstifte'."

"Aber ich habe weiterhin für die jungen Mädchen in meiner Heimat gekämpft und denke, dass ich gewonnen habe. Früher war ich das einzige Mädchen in ganz Chitral, das Fussball spielte. Heute spielen mehr als 100 Mädchen in unserem Sportklub.

"Die Mädchen, die an unseren Trainingscamps teilnehmen, kommen aus benachteiligten Familien. Daher werden die Kosten für ihre Aktivitäten vollständig übernommen. Ich will diese junge Mädchen stärken und den Leuten beweisen, dass Mädchen alles erreichen können, wenn man ihnen die gleichen Möglichkeiten bietet."

Ali selbst ist die perfekte Verkörperung des geflügelten Wortes "Nach oben gibt es keine Grenzen". Denn neben ihren fussballerischen Erfolgen übertraf sie selbst ihre kühnsten Kindheitsträume durch eine Zusammenarbeit mit der haitianisch-italienischen Designerin Stella Jean, dank der sie bei der Mailänder Modewoche Handarbeiten aus Chitral weithin bekannt machte.

"Danach habe ich wirklich daran geglaubt, dass auf dieser Welt alles möglich ist", meint sie. "Ich studiere Wirtschaft an der Universität und hatte schon lange über eine Initiative nachgedacht, die den Frauen zu Hause helfen könnte. Anfang 2019 habe ich das Frauen-Handarbeitszentrum Chitral gegründet, das sich darauf konzentriert, traditionelle Handarbeitsprodukte, die das kulturelle Erbe Chitrals pflegen, auf moderne Weise umzusetzen.

"Dann wurde ich Stella vorgestellt, die mittlerweile eine gute Freundin geworden ist. Sie wollte Chitrali-Kalash-Stickereien auf ihren Kleidern zeigen und die Stickerinnen im Handarbeitszentrum haben innerhalb eines Monats volle 400 Meter hergestellt. Dann wurde ich von Stella nach Mailand eingeladen, um die Präsentation dieser Handarbeitsprodukte mitzuerleben. Das war schon eine Riesenüberraschung, aber es kam noch viel besser, als sie mich einlud, mit ihr zusammen auf dem Laufsteg die Show zu beenden!"

Angesichts all dieser Erfolge in einem derart jungen Alter kann es kaum überraschen, dass Ali noch große Pläne für die Zukunft hat. Diese Pläne sind durch COVID-19 zwar zunächst einmal auf Eis gelegt, doch auch auf die Pandemie hat sie auf entschlossene, produktive und beeindruckende Weise reagiert.

"Die meisten Menschen aus Chitral arbeiten in anderen Städten, doch wegen der Abriegelung haben sie ihre Arbeit verloren und sind nach Hause zurückgekehrt. Viele haben nicht genug Geld, um ihre Familien zu ernähren, deshalb habe ich begonnen, Gelder zu sammeln, um Rationen für Bedürftige zu beschaffen und Ausrüstung für Ärzte und medizinisches Personal bereitzustellen."

"Bisher haben wir es geschafft, Lebensmittelpakete für 125 Familien bereitzustellen und Schutzausrüstung wie Anzüge, Masken, Handschuhe, Gesichtsschutz und Schutzbrillen für Ärzte im lokalen Krankenhaus aufzutreiben. Ich werde auch weiterhin tun was ich kann, um zu helfen, denn wir sitzen alle im gleichen Boot."

Chitral steht wie so viele andere Dörfer, Orte und Städte vor einer schweren und ungewissen Zukunft nach der Pandemie. Doch wenn Karishma Ali stellvertretend für die Entschlossenheit und die Tatkraft der Menschen steht, dann darf man sich darauf verlassen, dass die Region einen Weg finden wird.

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