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Jon Holmes – Befreiungsschlag nach 13 Jahren

Jon Holmes gives a speech at a Sports Media LGBT+ event
© Others
  • Jon Holmes ließ seine Arbeitskollegen erst nach 13 Jahren wissen, dass er schwul ist
  • Er gründete Sports Media LGBT+, um anderen in ähnlicher Situation zu helfen
  • "Es gab eindeutig Bereiche mit Verbesserungsbedarf"

Jon Holmes wollte die Last auf seinen Schultern endlich abschütteln. Er war 20 Jahre alt und hatte gerade seine erste Arbeitsstelle angetreten. Doch in der Welt der von Machos und Imponiergehabe geprägten britischen Fussballmedien, in der am Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert noch ein Schwulenwitz nach dem anderen gerissen wurde, lähmte ihn die Angst. Er musste fürchten, dass seine Kollegen ihn aus ihrem Kreis ausstoßen und aufs soziale Abstellgleis schieben würden, wenn sie erfuhren, dass er schwul war.

Daher entschied sich der aus Devon stammende Journalist dafür, noch etwas Mut zu schöpfen und das quälende Versteckspiel eine Weile zu ertragen. So vergingen sechs Monate, dann ein Jahr und schließlich ein Jahrzehnt.

"Im Jahr 2000 war der Unterschied zwischen einer Fussballredaktion und der Kabine eines Fussballteams nicht wirklich groß", so Holmes im Gespräch mit FIFA.com. "Beides war sehr von Männern dominiert. Es gab kaum Frauen oder People of Colour. Die Diskussion über Diversität und Inklusion am Arbeitsplatz kam erst viel später auf."

"Wenn du nicht sicher bist, ob du als schwuler Mann in das demographische Raster passt, ist es sehr schwer, deinen Platz zu finden. In deinem Kopf macht sich das Gefühl breit, dass du hier nicht reinpasst. Es war wirklich schwer. Ich habe mich emotional vollkommen abgekapselt."

Nach 13 Jahren lernte Holmes dann seinen Lebenspartner Chris kennen und schöpfte endlich Mut.

"Das Entscheidende war für mich, dass ich jemanden außerhalb der Arbeitswelt kennen gelernt, mich verliebt hatte und mit anderen darüber reden wollte", erklärt er. "Für mich gab es jetzt einen Ort, an dem ich viel glücklicher war und mich viel sicherer fühlte."

"Die Reaktionen waren sehr positiv. Die Leute verstanden, dass mich die Situation schon lange gequält hatte."

Nun könnte man denken, dass Jon Holmes angesichts der Kombination aus einer komfortablen beruflichen Situation und privatem Glück rundherum zufrieden war. Er ist jedoch ein Mensch, der nicht nur an sich selbst denkt, und es bedrückte ihn, dass andere noch immer ebenso litten, wie er es all die Jahre getan hatte.

Holmes dazu: "Erst seit sechs oder sieben Jahren gibt es Kampagnen wie Rainbow Laces, Football versus Homophobia und andere Inklusionsinitiativen, durch die den Menschen langsam bewusst wird, welche Erfahrungen LGBT-Personen am Arbeitsplatz machen und warum es für sie oftmals schwierig ist."

"Ende 2016 kam auch mein Arbeitgeber Sky Sports an Bord, und zwar mit der Kampagne *Rainbow Laces*. Eine ganze Reihe von Unternehmen und Marken sind daran beteiligt, beispielsweise adidas, Barclays und Coca-Cola. Wir sind als Team Pride bekannt."

"Dadurch habe ich ein besseres Bild davon bekommen, was in den Medien passiert. Es gab eindeutig Bereiche mit Verbesserungsbedarf."

"Wir alle wissen, wie Premier-League-Spieler, die möglicherweise schwul oder bisexuell sein könnten, in den Boulevardzeitungen dargestellt werden – mit vielen Bildern auf den Titelseiten."

"Im Sommer 2017 habe ich gemeinsam mit einem Freund über die sozialen Medien einen Vorstoß unternommen: 'LGBT-Netzwerke sind aus anderen Branchen bekannt. Wer Interesse hat, ein LGBT-Netzwerk für Sportmedien aufzubauen, kann sich an einem Abend in dieser Kneipe mit uns treffen, um über das Thema zu diskutieren.'

"Beim ersten Treffen waren wir etwa zwölf Personen. Eine gute Mischung aus älteren und jüngeren Leuten. Einige von ihnen waren an ihrem Arbeitsplatz sehr souverän, andere hatten sich noch nicht einmal in ihren Redaktionen oder Büros zu ihrer sexuellen Identität bekannt.

"Wir haben alles ausdiskutiert. Es gab rege Zustimmung für die Schaffung eines Netzwerks. Wir haben ein Konzept für Sports Media LGBT+ erstellt und sind im November 2017 damit an den Start gegangen.

"Im Oktober 2018 haben wir dann die erste Veranstaltung auf den Weg gebracht, und zwar in der BBC-Zentrale in Manchester. Wir hatten mit Tom Bosworth, Olympionike im Team GB, und Charlie Martin, Rennfahrerin und Transgender, zwei Gastredner. Sie sprachen über ihren persönlichen Werdegang im Sport."

"Das Ganze fand viel Zuspruch. Wir hatten viele Leute eingeladen und viele Leute aus der LGBT-Gemeinde in Manchester sind unserer Einladung gefolgt."

"Im Oktober des folgenden Jahres wollten wir ein noch größeres Event veranstalten und wählten dafür die Twitter-Zentrale in London. Es wurde eine große Veranstaltung mit Schwerpunkt auf den Olympischen Spielen. Matthew Mitcham, Olympiasieger im Turmspringen für Australien, Susannah Townsend, die mit dem Hockeyteam der Frauen in Rio Gold für das Team GB gewann, und viele Basisaktivisten und LGBT-Personen aus der Sportwelt sprachen über ihre Erfahrungen."

"Jetzt arbeiten wir mit unterschiedlichen Organisationen, Sportgremien und anderen LGBT-Gruppen zusammen, um die Inklusion stärker ins Rampenlicht zu rücken. Die Leute können sich an uns wenden, wenn sie Rat oder Ressourcen benötigen. Wir haben unter #RainbowReady gerade unser erstes Ressourcenpaket für die Kommunikation der LGBT-Inklusion in der Medien- oder Kommunikationswelt zusammengestellt."

"Eine weitere Initiative, die wir gestartet haben, ist #AuthenticMe. Die psychische Gesundheit rückt immer mehr in den Blickpunkt. Das Verbergen der sexuellen Identität ist eine große Belastung für die Psyche und kann sich erheblich auf die Leistungsfähigkeit auswirken."

"Wir versuchen, den Leuten klarzumachen, dass LGBT-Personen in der Sport- und Sportmedienbranche viel mehr erreichen und leisten können, wenn sie einfach sie selbst sein können und ihr Verhalten nicht anpassen müssen, um ins Raster zu passen."

Heute endet die Woche "Fussball gegen Transphobie" mit dem International Transgender Day of Visibility (dem internationalen Tag für Trans-Sichtbarkeit). Jon Holmes wird in seinem Bemühen nicht nachlassen.

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