Frauenfussball

Houghton: Die Unterstützung durch die Fussballfamilie ist unglaublich

Steph Houghton of England celebrates following her sides victory in the 2019 FIFA Women's World Cup France Quarter Final match between Norway and England.
© Getty Images
  • Steph Houghton sammelt Spendengelder für die Forschung zur Motoneuron-Erkrankung
  • Bei ihrem Ehemann Stephen Darby wurde die Krankheit 2018 diagnostiziert
  • Houghton blickt zurück auf ihre Karriere, Frankreich 2019 und den schicksalhaften Elfmeter im Spiel gegen die USA

Wie die meisten von uns musste auch Steph Houghton in den letzten Monaten ohne Fussball auskommen. "Das fehlt mir wirklich sehr", erzählt sie FIFA.com.

Allerdings schiebt sie hinterher, dass ihr die Kameradinnen im Fussball mehr fehlen als das eigentliche Spiel. "Man erkennt eben erst, wie gut man es wirklich hat, wenn so etwas passiert."

"Manchmal ist man im Leben einfach völlig gefangen und steckt mitten im größten Trubel, und dann denkt man sich: 'Ich könnte wirklich etwas Abstand von all dem brauchen'. Doch schon nach ein oder zwei Tagen habe ich all die großartigen Leute bei Man City und die tollen Unterhaltungen mit ihnen vermisst. Dadurch wurde mir klar: Diese Menschen sind jetzt wie eine Familie für mich."

"Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nicht alles schlecht. Wenn diese Zeit etwas Positives gebracht hat, dann ist es die Gelegenheit, mal wieder aufzutanken – und zwar mehr mental als körperlich – denn in den letzten Jahren lief bei mir eigentlich alles ununterbrochen auf Hochtouren. Natürlich ist es auch mit Druck verbunden, Spielführerin von Man City und England zu sein. Und dann kommt noch die Werbung dazu, und andere Aktivitäten abseits des Spielfelds."

"Am schönsten war es allerdings, endlich mal Zeit mit Stephen [Darby, Stephs Ehemann] zu verbringen. Wir sind jetzt seit fünf Jahren zusammen und dies ist definitiv und mit Abstand die längste Zeitspanne, die wir jemals wirklich zusammen verbracht haben."

Wer nun allerdings denkt, dass Houghton während der COVID-19-Ausgangssperre die Füße hochgelegt und sich ein gutes Buch und ein Glas Wein gegönnt hätte, der liegt völlig daneben. In ihrer Rolle als Spielführerin von England und Manchester City hat sie Zoom-Chats und Quizspiele mit Teamkameradinnen organisiert, bei Online-Trainingseinheiten geschwitzt und auch noch an der #PlayersTogether-Kampagne mitgearbeitet.

Und dann ist da noch eine Kampagne, die ihr ganz besonders am Herzen liegt. Bei der Challenge '100K in May' (100 km im Mai) kam bereits das Dreifache der ursprünglich angepeilten GBP 50.000 zusammen. Alle Einnahmen gehen an die Darby Rimmer Motor Neurone Disease (MND) Foundation, eine Stiftung, die ihr Mann (selbst ein ehemaliger Profifussballer) nach seiner MND-Diagnose gründete.

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Darby Rimmer MND Foundation

"Sofort nach der Diagnose war Stephens erster Gedanke: 'Wie kann ich anderen Menschen helfen?'", erinnert sich Houghton. "Wir sind beide dank unserer Stellung in der Fussballfamilie in einer sehr glücklichen Lage. Und so beschloss Stephen, gemeinsam mit seinem guten Freund Chris Rimmer, der ebenfalls an MND leidet, die Stiftung zu gründen."

"Die Idee für die Aktion '100K in May' kam von einer guten Freundin. Sie ist einfach fabelhaft. Ich selbst bin meine 100 Kilometer gelaufen. Meine Mutter hat sie beim Gassigehen mit dem Hund erreicht und Stephens Eltern haben sich aufs Rad geschwungen. Alle, die dabei waren, haben ein T-Shirt bekommen. Und wenn es mal besonders schwer scheint, dann können wir es anschauen und uns damit erinnern, warum wir das machen.

"Am Anfang haben gerade einmal 15 Leute teilgenommen. Aber ich habe all meinen Teamkameradinnen Nachrichten geschickt und geschrieben: 'Wir trainieren ohnehin schon hart und spulen viele Kilometer ab – Warum versuchen wir nicht, damit gleichzeitig etwas Geld aufzubringen?' Seitdem hat sich das Ganze enorm entwickelt. Wir sind völlig überwältigt von der enormen Unterstützung, die wir erhalten."

Die überwältigende Reaktion bestätigt Houghton nur einmal mehr, dass es keineswegs übertrieben oder sentimental ist, ihre Kolleginnen und Mitspielerinnen als 'Familie' zu bezeichnen. Schließlich waren sie alle – wie es sich für eine gute Familie gehört – in schwierigen Zeiten für sie und ihren Mann zur Stelle.

"Als klar wurde, dass Stephen seine Karriere beenden musste, war die Unterstützung der Fussballfamilie vom ersten Moment an absolut unglaublich. Das beweist die Stärke der Fussballgemeinschaft und wie viele wirklich gute Menschen man im Fussball findet. Das haben wir wirklich aus erster Hand erfahren."

Die Herausforderungen und Erfahrungen der letzten Jahre haben Houghton auch geholfen, die Dinge auf dem Spielfeld in der richtigen Perspektive zu sehen. Natürlich hätte sie liebend gern die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ im vergangenen Jahr gewonnen und war auch davon überzeugt, dass England das Zeug dazu hatte. Dennoch hat sie sich seitdem nicht selbst ununterbrochen mit Erinnerungen an die Halbfinalniederlage und den vieldiskutierten verschossenen Elfmeter gequält.

"Die Leute bringen diesen Elfmeter natürlich immer wieder zur Sprache, aber für mich definiert diese eine Aktion keineswegs das Turnier", sagt sie. "Ich war sehr enttäuscht, das ist ja klar. Aber mehr, weil ich wirklich daran geglaubt habe, dass wir die Trophäe holen können.

"Aber ich weiß, dass wir alles gegeben haben und ganz sicher eines der besten Teams des Turniers waren. Ich persönlich weiß, dass ich nicht mehr hätte geben können, um die beste Verteidigerin in Frankreich zu sein und mein Team auf die bestmögliche Weise zu führen. Und obwohl es nicht so ausgegangen ist, wie ich es wollte, kann ich ehrlich zurückblicken und sagen, dass ich jede einzelne Minute genossen habe."

Die COVID-Ausgangssperre sorgte für genügend Zeit für derartige Betrachtungen, bei denen Houghton längst nicht nur auf Frankreich 2019 zurück blickt. "Ich habe viel über die letzten zehn Jahre nachgedacht. Dabei wurde mir klar, wie verrückt das alles lief und wie schnell die Zeit vergangen ist. Es war alles völlig vollgepackt. Jetzt habe ich endlich und zum ersten Mal etwas Zeit, mal durchzuatmen, etwas Abstand zu gewinnen und das alles genauer zu betrachten. Das ist gut, denn dabei ist mir klar geworden, wie viel ich erreicht habe und wie weit der Frauenfussball in England es gebracht hat."

Und es liegen aufregende Zeiten vor uns. Das nächste Olympische Fussballturnier der Frauen – bei dessen Auflage 2012 in London Houghton sich ins Rampenlicht spielte, lockt bereits wieder, und bei Manchester City und der englischen Nationalmannschaft geht es mit Neubesetzungen auf der Trainerbank weiter.

Entsprechend sieht Houghton bei ihrem Klub und beim Nationalteam" viele aufregende Entwicklungen". Doch für den Moment muss die Zukunft noch etwas warten. Ihre 100 km im Mai hat sie geschafft und die Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens werden auch in England allmählich etwas gelockert. Und so kann Houghton noch etwas wertvolle und wohlverdiente Zeit mit ihrem Mann verbringen – und natürlich mit der großen Fussballfamilie.

Steph Houghton of England poses for a portrait during the official FIFA Women's World Cup 2019 portrait session 
© Getty Images

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