Frauenfussball

Harder & Eriksson: Stolz und Power

Magdalena Eriksson of Sweden and her girlfriend Pernille Harder of Denmark kisses after Sweden™s win during the FIFA Women™s World Cup round of sixteen match between Sweden and Canada on June 24, 2019 in Paris.
  • Die Weltklassespielerinnen Pernille Harder und Magda Eriksson sind privat ein Paar
  • Ein Kuss bei der FIFA Frauen-WM Frankreich 2019 ging als Foto in den Sozialen Medien um die Welt
  • Harder erzählt FIFA.com, wie die beiden dadurch zu LGBTQ+-Vorbildern wurden

Es war nur ein Kuss. Bei großen Turnieren gibt es nach jedem Spiel solche Situationen, wenn die Spielerinnen oder Spieler mit ihren Liebsten zusammentreffen.

Doch aus der ganz gewöhnlichen Szene entwickelte sich etwas Außergewöhnliches. Pernille Harder bemerkte es am Abend, als ihr Telefon wieder und wieder summte. "Als ich dann drauf schaute, hatte ich auf Instagram 3.000 Follower mehr als zuvor", erinnert sie sich mit einem Lachen.

Die dänische Nationalspielerin und Starstürmerin des VfL Wolfsburg war eine der Partnerinnen bei diesem berühmt gewordenen Kuss. Die andere war Magda Eriksson von Chelsea, die im Prinzenparkstadion gerade mit Schweden gegen Kanada gewonnen hatte und damit ins Viertelfinale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ eingezogen war.

Die beiden ehemaligen Teamkameradinnen bei Linkopings hatten nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie zusammen waren. Doch sie hatten ihre Beziehung oder ihre sexuelle Orientierung auch nicht in der Öffentlichkeit zum Thema gemacht.

Das Foto und die Reaktionen darauf machten den beiden allerdings klar, dass etwas mehr Aufmerksamkeit durchaus vorteilhaft sein kann.

Magdalena Eriksson of Sweden and Pernille Harder of Denmark during the Algarve Cup match between Sweden and Denmark on March 7, 2020 in Faro.

"Diese ganze Sache entwickelte sich völlig unerwartet", so Harder gegenüber FIFA.com. "Zunächst einmal wusste ich gar nicht, dass ein Fotograf dabei war, daher war mir gar nicht klar, dass es dieses Foto überhaupt gab. Und die Reaktionen darauf waren einfach überraschend."

"Es war schön zu erleben, wie enorm und positiv das Feedback war und wie viele nette Kommentare aus der ganzen Welt kamen. Das Ganze hat viele Diskussionen ausgelöst und es gab kaum negative Stimmen. Das fand ich wirklich cool."

"Außerdem wurde Magda und mir dadurch klar, dass wir nicht nur im Fussball eine Vorbildfunktion haben, sondern auch in diesem Bereich. Das gefällt uns gut. Wir wissen, dass wir das Glück haben, offen zu unserer Beziehung stehen zu können und dabei ganz sicher und ruhig zu bleiben. Wenn wir anderen Menschen helfen können, sie selbst zu sein und sich dabei gut zu fühlen, dann wollen wir das wirklich gern tun."

Dass zwei Spitzenfussballerinnen so natürlich, offen und ungeniert ihre Zuneigung zeigen, ist für viele sehr inspirierend.

"Sehr viele Leute haben mir auf Instagram geschrieben, dass sie zu uns aufblicken und dass wir ihnen sehr geholfen haben", erzählte Eriksson später. "In dem Moment wurde mir klar, dass wir zusammen tatsächlich sehr einflussreich sind."

Mittlerweile nutzt das Paar diesen Einfluss in den Sozialen Medien und durch die Kampagne 'Play Proud', mit der junge LGBT+-Jugendliche unterstützt und gestärkt werden sollen. Die Konzentration auf Heranwachsende findet Harder besonders wichtig. "Es ist viel schwieriger, die Ansichten zur Homosexualität bei Menschen jenseits der 20 zu ändern, als bei Kindern, denen man vermitteln kann, dass das ganz normal ist", erklärt sie.

Die Normalität der Beziehung – und des Kusses – zwischen Harder und Eriksson trifft den Nerv der Menschen. Doch auch die beiden stehen vor einigen Herausforderungen. Eine davon haben sie nun gelöst: die Entfernung. Harder spielte zwischen 2017 und 2020 für den deutschen Spitzenklub Wolfsburg, Eriksson seit 2017 für den frisch gebackenen englischen Meister Chelsea. Zur neuen Saison wechselt die Wölfin aber zu den Blues - das Paar ist endlich wiedervereint.

Noch ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass beide schon mehrfach in besonders wichtigen Partien ihrer Teams aufeinander trafen. Im Halbfinale der UEFA Women's Champions League kam Stürmerin Harder zum Torerfolg und triumphierte, während Schweden mit Verteidigerin Eriksson in Viborg ohne Gegentor blieb, womit sich die Blågult auf Kosten Dänemarks für Frankreich 2019 qualifizierten.

Magdalena Eriksson of Sweden and Pernille Harder of Denmark during the Algarve Cup match between Sweden and Denmark on March 7, 2020 in Faro.

Und was sagt Harder selbst zu Spielen gegen ihre Partnerin?

"Ich mag das nicht besonders", meint sie mit einem Lächeln, "aber nur, weil Magda eine so starke und kompromisslose Verteidigerin ist! Wenn wir auf dem Platz stehen, ist unsere Beziehung kein Thema. Ich vergesse dann, dass sie meine Partnerin ist – und bei ihr ist es genau so. Sie hält sich jedenfalls ganz sicher nicht zurück!"

"Nur nach dem Spiel ist die Situation manchmal ein bisschen seltsam, denn wir haben ja tatsächlich schon in einigen wichtigen Partien gegeneinander gespielt, die uns beiden viel bedeutet haben. Doch ich denke wir sind beide gute Gewinnerinnen aber auch gute Verliererinnen und wir stützen uns gegenseitig, egal wie es nun ausgegangen ist. Es hat noch nie zu Problemen zwischen uns geführt."

Viel problematischer hingegen war die durch COVID-19 verursachte Situation. Durch die Reisebeschränkungen wurde das bereits überfällige Wiedersehen der beiden immer weiter aufgeschoben. Erst in der vergangenen Woche konnten sie sich nach Monaten der erzwungenen Trennung endlich wieder in die Arme schließen.

"Das war eine schwierige Zeit für uns beide. Es ist schön, dass sich die Situation für uns jetzt etwas entspannt hat", so Harder. "Wir sind zwar daran gewöhnt, voneinander getrennt zu sein, doch dieses Mal wussten wir ja nicht, wann wir wieder zusammen sein könnten. Dieses Gefühl hat die Situation so schwierig gemacht."

"Magda war mehrere Monate in Schweden und wartete auf eine Entscheidung des englischen Fussballverbands FA, bevor sie nach Deutschland reisen konnte. Und als diese Entscheidung dann getroffen wurde, war es angesichts all der Beschränkungen dennoch nicht leicht, nach Deutschland zu kommen. Und als sie dann endlich hier war, durften wir uns noch eine weitere Woche lang nicht sehen, weil sie sich in häusliche Isolation begeben musste. Es war jedenfalls ein sehr weiter Weg, bis es endlich so weit war."

Jeder dürfte die Frustration, Isolation und schließlich die Freude nachempfinden können, die Harder und Eriksson in den vergangenen Monaten durchlebt haben. Und genau diese Vertrautheit und Normalität macht die beiden Stars über ihren Status als Spitzenfussballerinen hinaus zu einer so starken positiven Kraft.

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