Frauenfussball

Glasgow City – ein herausragender Ausnahmeklub

Glasgow City players celebrate after a penalty shoot out victory during the UEFA Women's Champions League Round of 16 Second Leg match between Glasgow City and Brondby IF.
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  • Glasgow City gedeiht trotz viel namhafterer Rivalen
  • Die Schottinnen stehen im Viertelfinale der UEFA Champions League der Frauen
  • Gründerin Laura Montgomery über die Situation unabhängiger Klubs

Bei Glasgow City ist man bestens mit der Rolle des ewigen Außenseiters vertraut, der eigentlich nicht dazu gehört. Doch nie zuvor hat dieser außergewöhnliche Klub derart herausgestochen wie in der aktuellen Situation.

Die Liste der Teams in der Viertelfinalrunde der UEFA Champions League der Frauen zeigt dies auf perfekte Weise. Von Arsenal bis Bayern München, von Barcelona bis Paris Saint-Germain sind in der Runde der letzten Acht ausnahmslos Spitzenklubs vertreten. Ausnahmslos? Nicht ganz. Denn mitten unter diesen Schwergewichten mit enormen finanziellen Möglichkeiten findet sich eben auch Glasgow City – die stolze Ausnahme.

Der schottische Serienmeister hat diese Runde bereits zuvor ein Mal erreicht. 2014 allerdings standen noch weitere unabhängige Teams aus Deutschland, aus Skandinavien und anderen Ländern im Viertelfinale. Heute ist von jenen Klubs keine Spur mehr zu sehen. Der stetig wachsende finanzielle Rückhalt durch große Männerteams hat zu einem grundlegenden Wandel im Frauenfussball geführt.

"Es ist wirklich unglaublich, dass wir in dieser Runde der Champions League unter all den Großen stehen. Darauf sind wir überaus stolz", so die Klubmanagerin und Gründerin Laura Montgomery, die selbst früher für Glasgow City spielte, gegenüber FIFA.com. "Ich bin sicher, dass das so manchem gegen den Strich geht, denn es gibt Leute, die hier nur die ganz Großen sehen wollen."

"Der Frauenfussball hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker dem Vorbild des Männerfussballs angenähert. Aber ich denke, dass es noch Raum für einen anderen Ansatz gibt, bei dem Frauen und Mädchen unabhängig und eigenständig im Mittelpunkt stehen. Wir haben in den vergangenen Jahren mehrere Angebote erhalten, eine Partnerschaft mit einem Männerklub einzugehen, haben aber genau aus diesem Grund stets abgelehnt."

"Es hat ganz sicher viele Vorteile, wenn sich große Männerklubs im Frauenfussball engagieren und ich begrüße alles, was mehr Investitionen und mehr Möglichkeiten für Spielerinnen bringt. Meine Sorge ist allerdings, ob die Frauenteams dann auch in schwereren Zeiten noch ins Konzept der Klubs passen, zumal sie meistens mit Verlust arbeiten. Wir haben in den vergangenen Jahren oft beobachtet, dass Männerklubs in England in finanzielle Schwierigkeiten kommen – Sunderland, Charlton, Fulham, Notts County… und mit das erste, was zurückgefahren oder ganz abgeschafft wird, ist dann das Frauenteam."

"Wir bei Glasgow City hingegen haben den Klub immer nachhaltig entwickelt und werden das auch weiterhin tun. Doch die Voraussetzungen sind definitiv eher gegen uns und andere unabhängige Klubs. Ehrlich gesagt habe ich schon damals, als wir es ins Viertelfinale der Champions League 2014/15 geschafft hatten, nicht damit gerechnet, dass wir das jemals nochmal schaffen würden. Die Entwicklung war schon damals deutlich. Wenn man das Budget, mit dem wir auskommen müssen, mit dem vergleicht, was unsere Gegner zur Verfügung haben, dann ist es ziemlich unglaublich, dass wir es geschafft haben."

Laura Montgomery the co-founder of Glasgow City is seen during the UEFA Women's Champions League Round of 32 2nd Leg match between Glasgow City and Somatio Barcelona on September 27, 2018.
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Unglaublich ist auch die Rekordserie von Glasgow City, das 13 Mal in Folge die schottische Meisterschaft gewann. Doch auch hier wird die Herausforderung von Jahr zu Jahr größer, die bemerkenswerte Serie noch weiter auszubauen.

Das gilt insbesondere in der laufenden Saison, denn die Frauenteams von Celtic und den Rangers, den beiden dominierenden Klubs im schottischen Männerfussball, werden jetzt als Profiteams geführt. Somit haben nun die mächtigen Glasgower Kontrahenten den Vorteil, Spielerinnen Vollzeitverträge anbieten zu können. Dennoch will der kleine Stadtrivale seinen bisherigen Spitzenplatz nicht kampflos aufgeben.

"Ob ich aufgestöhnt habe, als ich erfuhr, dass Celtic und Rangers Profiteams werden? Nein, überhaupt nicht", so Montgomery. "Alles, was das Niveau der Liga und des schottischen Frauenfussballs insgesamt hebt, ist mir willkommen. Wird es dadurch schwerer für Glasgow City? **Mit ziemlicher Sicherheit.** Doch wir haben als Klub neue Herausforderungen immer gern angenommen und sagen:  'Zeigt, was ihr könnt!' "

"Wir waren schon immer finanziell und ressourcenmäßig unterlegen, schon bevor Celtic und Rangers als Vollzeitprofiteams arbeiten. Schon zuvor konnten sie die Trainingsanlagen, die sportwissenschaftlichen Einrichtungen, das Fachwissen, die Trikotwerbung etc. von den Männern nutzen, und alles was noch damit einhergeht."

"Indem wir selbst uns voll und ganz auf Frauen konzentrieren, haben wir es bisher geschafft, diese Nachteile zu überwinden. Dass Celtic und Rangers jetzt Vollzeitprofiteams sind, ist somit nur eine neue Herausforderung für uns, der wir uns stellen."

Was Glasgow City angeht, ist Montgomery für die Zeit nach der durch den Coronavirus bedingten Zwangspause sehr optimistisch; weniger hingegen, was den schottischen Frauenfussball insgesamt angeht. Ein Nachteil der Erfolge ihres Klubs und der starken Leistungen des Nationalteams, das sich für zwei internationale Endrunden in Folge qualifizierte, könnte darin bestehen, dass möglicherweise Unzulänglichkeiten und Defizite übertüncht wurden.

"Wir haben eine sehr erfolgreiche Phase hinter uns", so ihre Einschätzung. "Allerdings denke ich, dass die Herausforderungen in den Hintergrund getreten sind, vor denen der schottische Frauenfussball steht, weil das Nationalteam stark spielt und wir mit Glasgow City auf internationalem Parkett eigentlich über unsere Verhältnisse spielen."

"Ich fürchte, dass so mancher nur die Fortschritte und Erfolge sieht und dann denkt, dass es dem Frauenfussball bestens geht und dass keine noch größere Unterstützung und Investitionen mehr benötigt werden. Aber genau das ist der Fall. Wenn wir das hohe Niveau halten wollen, das wir in den vergangenen Jahren erreicht haben, dann haben wir viel Arbeit vor uns."

Es ist eben nicht leicht, herausragend und außergewöhnlich zu sein. Doch sofern der notwendige Rückhalt gesichert ist, könnte man durchaus darauf wetten, dass Glasgow City noch viele Jahre lang Außenseiter mit besten Chancen bleiben kann.

 Nicola Docherty of Glasgow City celebrates with team mates after victory in a penalty shoot out during the UEFA Women's Champions League Round of 16 Second Leg match between Glasgow City and Brondby IF.
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