Nachhaltigkeit

Boateng: "Wir können den Rassismus besiegen"

FIFA President Joseph S. Blatter and Kevin-Prince Boateng at the Home of FIFA in Zurich on 22 March 2013
© Foto-net

Am 3. Januar, bei einem Testspiel zwischen Pro Patria und dem AC Mailand, waren der ghanaische Nationalspieler Kevin-Prince Boateng und mehrere Mannschaftskameraden von den Fans der Heimmannschaft mit rassistischen Gesängen beleidigt worden.

Boateng reagierte, indem er den Ball in die Menge schoss und den Platz verließ. Seine Mannschaftskameraden und der Trainerstab des AC Mailand taten es ihm gleich, um ihm den Rücken zu stärken. Diese kraftvolle Geste erregte in der Fussballwelt und sogar bei den Vereinten Nationen Aufmerksamkeit.

Da kamen so viele Gefühle auf: Trauer, Wut, Enttäuschung. Ich möchte nicht, dass sich jemals wieder jemand so fühlen muss. Das steht fest.

Am 21. März war Boateng anlässlich des von der UN ausgerufenen Internationalen Tages für die Beseitigung der Rassendiskriminierung nach Genf eingeladen. Dort erklärte er: "Der Rassismus ist noch immer unter uns und noch immer ein Problem. Wenn wir nicht gegen die Stagnation ankämpfen, dann könnten viele mit einer der gefährlichsten Krankheiten aller Zeiten infiziert werden."

Auf Einladung des FIFA-Präsidenten weilte der 26-Jährige nun im Home of FIFA in Zürich, um über Diskriminierungsprobleme im Fussball zu diskutieren. Im Anschluss an das Treffen nahm er sich Zeit für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com.

Können Sie uns sagen, worüber Sie heute im Home of FIFA gesprochen haben?Ich hatte ein Treffen mit Präsident Blatter. Wir haben über Rassismus im Fussball gesprochen und darüber, wie wir einen Weg finden können, ihn zu bekämpfen. Außerdem hat er mich eingeladen, in der Task-Force mitzuarbeiten.

Was kann die Fussballgemeinde Ihrer Meinung nach tun, um einen Beitrag zur Beseitigung des Rassismus zu leisten?Zunächst einmal müssen wir uns klarmachen, dass dies ein sehr kompliziertes Thema ist. Es ist nicht immer leicht, jemanden mit Sanktionen zu belegen oder zu bestrafen. Aber da so viele intelligente Menschen mittlerweile hinter dieser Sache stehen, glaube ich, dass wir einen Weg finden werden. Hoffentlich machen wir heute den Anfang dazu.

Gestern haben Sie an der Konferenz der Vereinten Nationen in Genf teilgenommen. Was haben Sie aus dieser Veranstaltung gelernt?Das war eine unglaubliche Erfahrung, etwas ganz anderes für mich. Am Ende der Konferenz war ich zuversichtlich, was die Zukunft betrifft. Ich glaube, wir haben gute Zukunftsaussichten, weil ich gesehen habe, dass viele Leute helfen wollen, dass andere in der gleichen Situation waren wie ich und dass wir den Kampf gegen den Rassismus gemeinsam vorantreiben und gewinnen können.

In Ihrer Rede haben Sie gestern Muhammad Ali, Martin Luther King und Nelson Mandela zitiert. Sind das Vorbilder für Sie?Ja, auf jeden Fall. Nicht nur, weil sie farbig sind, sondern auch, weil sie gegen den Rassismus gekämpft haben. Das sind Idole für mich.

Fühlen Sie sich verpflichtet, gegen Rassismus vorzugehen, weil Sie selbst Vorbildfunktion für junge Leute haben?Ich hoffe, dass ich ein Vorbild sein kann. Aber [als ich den Platz verlassen habe], war das eine emotionale Reaktion. Ich hätte nicht gedacht, dass das einen so großen Nachhall haben würde. Aber ich freue mich, dass die Leute gesehen haben, was ich getan habe, und mir den Rücken gestärkt haben. Auf dieser Basis werden wir aufbauen und den Kampf gewinnen.

Können Sie uns sagen, wie Sie sich gefühlt haben, als Sie in der Partie gegen Pro Patria vom Platz marschiert sind?Das ist schwer in Worte zu fassen. Da kamen so viele Gefühle auf: Trauer, Wut, Enttäuschung. Ich möchte nicht, dass sich jemals wieder jemand so fühlen muss. Das steht fest.

Haben Sie mit anderen Spielern über Diskriminierung geredet?Ja, natürlich. Und ich bekomme eine Menge Unterstützung, auch von Spielern, die nicht farbig sind. Das gibt mir Zuversicht und Kraft - die Tatsache, dass andere hinter mir stehen.

Sie sind in Berlin aufgewachsen. Hatten Sie dort unter Diskriminierung zu leiden?Oh ja, obwohl das eine Stadt ist, in der viele unterschiedliche Kulturen und Nationalitäten zu Hause sind, habe ich gelitten. Aber als ich jünger war, habe ich einfach versucht, diese Dinge zu ignorieren, weil ich nicht mit den Problemen konfrontiert werden wollte. Jetzt bin ich etwas älter und habe selbst ein Kind. Ich möchte mein Bestes tun, damit mein Kind aufwachsen kann, ohne das Wort 'Rassismus' auch nur zu hören. Das wäre eine perfekte Welt.

Es wurde zur Diskussion gestellt, dass ein Punktabzug möglicherweise abschreckend wirken und die Fans davon abhalten würde, rassistische Gesänge anzustimmen. Wie denken Sie darüber?Na ja, ich bin Fussballer und es ist nicht an mir, diese Entscheidung zu treffen. Allerdings weiß ich nicht wirklich, ob es mir gefallen würde, wenn einige Fans die Macht hätten, bei meinem Team für einen Punktabzug zu sorgen. Eine weitere Option könnten Geisterspiele sein. Aber letztendlich müssen wir strikt und hart sein, den Kampf gegen den Rassismus irgendwie weiterführen und dürfen niemals den Fokus verlieren.

Was sagen Sie zu Leuten, die der Ansicht sind, rassistische Gesänge 'gehören nun mal zum Fussball dazu'?Das gehört nicht zum Fussball. Das gehört zu keiner Sportart und ist nicht Teil des Lebens. Es gibt so viele unterstützende Gesänge, die man in einem Stadion anstimmen kann.

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