Frauenfussball

Bareman: "Der Frauenfussball kann stärker, größer und noch beliebter zurückkommen"

 Sarai Bareman speaks during the FIFA Women's Football Convention
© Getty Images
  • Frankreich 2019 war für den Frauenfussball ein Wendepunkt
  • Sarai Bareman über das Turnier und die aktuellen Herausforderungen
  • Sie spricht über den COVID-19-Hilfsplan und die FIFA Frauen-WM 2023™

Im vergangenen Jahr um diese Zeit steckte Sarai Bareman bis über beide Ohren in den Vorbereitungen für das Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™.

Schon am Vorabend des Turnierhöhepunkts wusste die leitende Beauftragte für den Frauenfussball, dass das Turnier unzählige Rekorde gebrochen hatte und damit das Fundament für eine neue, strahlende Ära des Frauenfussballs gelegt war.

Damals konnte allerdings noch niemand etwas von COVID-19 und dessen beispiellosen Auswirkungen auf den Fussball und die gesamte Welt ahnen. Bareman spielt die Herausforderungen durch die Pandemie keinesfalls herunter, zeichnet aber dennoch ein optimistisches Bild der Zukfunft des Frauenfussballs.

Sie blickte zurück auf den großartigen Fussballsommer in Frankreich und ein unvergessliches Turnier, bevor sie sich dem FIFA-Hilfsplan sowie der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Australien/Neuseeland 2023™ zuwandte.

FIFA.com: Aus technischer, taktischer und physischer Perspektive war Frankreich 2019 die beste FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ aller Zeiten. Warum war das Turnier auch für Sie das beste?

Sarai Bareman: Für mich war es die beste Frauen-WM aller Zeiten, weil sie das optimale Resultat all der vielen Stunden, Tage, Wochen und Monate harter Arbeit war. Alle Beteiligten hatten enorm viel Aufwand in die Vorbereitung gesteckt, damit diese WM so erfolgreich werden konnte. Was wir in Frankreich abgeliefert haben, war definitiv einer der stolzesten Momente meiner Karriere.

Die WM war ein riesiger Erfolg, was die Zuschauerzahlen in den Stadien und im TV angeht. Das machte es nur noch schöner In der Welt des Frauenfussballs ist die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ der weithin strahlende Leuchtturm, die oberste Spitze der Pyramide. Sie ist das größte Event, das wir alle vier Jahre ausrichten, um unseren Sport und die Sportlerinnen zu präsentieren. Genau dies ist mit der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™ optimal gelungen. Sie hat der Welt die Augen geöffnet, was Frauenfussball tatsächlich bedeutet.

Insgesamt haben 1,12 Milliarden Zuschauer Bilder von Frankreich 2019 gesehen – einer von vielen Rekorden. Hatten Sie einen derart großen Erfolg erwartet?

Wir hatten eine Milliarde Zuschauer für die TV-Übertragungen angepeilt und konnten dieses Ziel sogar deutlich übertreffen. Das war phänomenal. Ich denke, darin hat sich Frankreich am stärksten von den vorherigen Turnierauflagen unterschieden. Weit mehr als eine Milliarde Menschen haben einen Zugang zu unserem Sport gefunden, haben sich vor die Geräte gesetzt, um zuzuschauen. Das war tatsächlich ein Wendepunkt für den Frauenfussball.

Wie könnte die zukünftige Entwicklung des Frauenfussballs mit der Hilfe der FIFA aussehen?

Ich denke, der Stellenwert des Frauenfussballs bei der FIFA ist höher als je zuvor, insbesondere nach dem Turnier in Frankreich. Wir planen in den kommenden vier Jahren Investitionen von USD 1 Mrd. Wir haben maßgeschneiderte Entwicklungsprogramme für die 211 Mitgliedsverbände erarbeitet. Wir haben eine sehr detaillierte Strategie für den Frauenfussball, an deren Umsetzung wir arbeiten. Zudem gibt es zielgerichtete Untersuchungen, um die Professionalisierung des Frauenfussballs zu beschleunigen.

Wir arbeiten mit Partneragenturen und Organisationen außerhalb des Fussballs zusammen, durch deren Unterstützung wir die positiven gesellschaftlichen Auswirkungen unseres Sports noch verstärken können. Dabei geht es nicht nur um die Akteure auf dem Feld, die Spielerinnen und Trainerinnen/Trainer, sondern um Frauen im Fussball insgesamt. Wir schenken Weiterbildungen und Schulungen zur Erweiterung der Kompetenzen viel Aufmerksamkeit. Wir versuchen, die Anzahl der Frauen in der Fussball-Administration und in Entscheidungsgremien zu erhöhen. Ich bin sehr stolz auf diese Entwicklung, die von allen Interessengruppen mit großem Enthusiasmus mitgetragen wird.

Welches war für Sie bei Frankreich 2019 der herausragende Moment?

Das kann ich leicht beantworten: Für mich war es das Eröffnungsspiel in Paris. Daran kann ich mich noch sehr genau erinnern. Ich saß mit vielen Kolleginnen und Kollegen auf der Tribüne, wir genossen die Eröffnungsfeier, wir sahen den Überflug der Flugzeugformation, wir hörten den Jubel der Fans, als die Teams das Spielfeld betraten... ein Meer koreanischer und französischer Fahnen im ganzen Stadion, das bis auf den letzten Platz gefüllt war.

Ich musste tatsächlich etwas weinen. So viel hatte sich bis zu diesem Moment aufgestaut. Und wie dann alles in diesem ausverkauften Stadion wahr wurde, war einfach unglaublich emotional. Das war ein unvergesslicher, eindrücklicher Moment für mich.

Wer hat Sie am meisten beeindruckt oder überrascht?

Sie erwarten wahrscheinlich eine Antwort mit Bezug auf die Ereignisse auf dem Spielfeld, aber ich gebe eine andere Antwort. Für mich waren die Fans die größte Überraschung. Sicher hatten wir damit gerechnet, dass viele Fans kommen würden. Doch mich hat wirklich überrascht, wie unglaublich und leidenschaftlich die Fans waren. Ihr Engagement, ihre Unterstützung für die Teams und die wundervolle Vielfalt bei allen Spielen, die wir gesehen haben.

Es war fantastisch, so viele Familien zu sehen. Mehrere Generationen zusammen, Großeltern, Eltern, Kinder. Die Leidenschaft hat mich wirklich vom Hocker gehauen. Die Fans wussten, dass Sie Teil von etwas Größerem als dieser WM waren. Sie waren Teil einer Bewegung. Es ging um viel mehr als nur das Geschehen auf dem Rasen vor ihren Augen. Diese Energie konnte man deutlich spüren.

Sie sagten, die Anzahl der Frauen im Fussball solle erhöht werden. Die Gleichberechtigung ist ein wichtiges Thema, nicht nur im Fussball. Wie lässt sich die Situation verbessern?

Frankreich lieferte die perfekte Plattform für genau diese Diskussionen, das fand ich besonders wichtig. Das ist die Macht des Fussballs – die Macht des Frauenfussballs. Er bietet einen Ort, an dem die Menschen zusammenkommen und solch offene Diskussionen führen können. Und auch die Sportlerinnen können diese Plattform nutzen, um Ihren Ansichten Ausdruck zu geben.

Ganz einfach gesagt – und das ist meine persönliche Ansicht ebenso wie die der FIFA – sollte jeder Mensch gleich behandelt werden. So einfach ist das für mich. Unsere Aufgabe bei der FIFA in Bezug auf den Frauenfussball besteht darin, ihn auf das gleiche Niveau zu bringen. Es sollte in Zukunft keine getrennten Diskussionen mehr über Männer- und Frauenfussball geben. Es sollte einfach nur um den Fussball gehen. Bis zu dem Moment, in dem wir sehen, dass alle für den Fussball Verantwortlichen den Männer- und den Frauenfussball gleichberechtigt vertreten, werden wir weiter auf dieses Ziel hinarbeiten.

Nach der WM 2019 schien sich der Frauenfussball unaufhaltsam in die richtige Richtung zu bewegen. Jetzt fürchten viele, die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie könnten dieser Entwicklung schaden. Ist das so, und wie kann man dem entgegenwirken?

Ich denke, die gesamte Fussballwelt ist stark betroffen und wir müssen dies auch klar ansprechen. Die Gesellschaft als Ganzes ist betroffen und ebenso auch der Fussball. Dies wurde schon sehr früh klar, als wir begannen mit unseren Interessengruppen zu sprechen – Klubs, Konföderationen, Mitgliedsverbände, Ligen und Spieler – um die vorherrschende Meinung zu ermitteln. Wie wirkt sich all dies auf die Menschen aus, körperlich, seelisch und auch finanziell? Dadurch haben wir einen guten Überblick erhalten, der uns die Entwicklung des FIFA-Hilfsprogramms für die Fussballfamilie ermöglicht hat.

Ich bin besonders stolz und zufrieden, wie die FIFA in Bezug auf den Frauenfussball reagiert hat. Von Beginn an gab es die klare Botschaft von ganz oben, beginnend mit dem Präsidenten: Der Frauenfussall ist wichtig und muss weiterhin zu den Prioritäten gehören. Diese Prämisse war ein entscheidender Aspekt bei der Entwicklung des Hilfsplans. Die von uns als Organisation vorgenommenen Investitionen steigen aufgrund der Ereignisse deutlich. Allen Mitgliedsverbänden werden zweckgebundene Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, insbesondere für den Frauenfussball, und zwar über die Beträge hinaus, die bisher schon bereitstanden.

Ich weiß, dass es große Befürchtungen gibt und ehrlich gesagt habe ich diese Befürchtungen zu Beginn auch geteilt. Aber ich denke, dass wir das alles auf positive Weise angehen müssen. Es war schon immer meine Erfahrung – insbesondere in der Welt des Fussballs – dass besonders schwierige Momente und Situationen zu den größten Chancen führen. Der Frauenfussball sollte dies beherzigen. Dann können wir noch stärker, größer und noch beliebter zurückkommen.

Australien und Neuseeland werden die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2023™ ausrichten. Was bedeutet dies für den Frauenfussball in den Ländern der asiatisch-pazifischen Region?

Das ist überaus wichtig. Erstmals wird eine FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ in dieser Region ausgetragen. Und erstmals richten zwei Konföderationen gemeinsam eine FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ aus . Das wird enorme Auswirkungen haben.

Wir haben ja auch schon nach Frankreich 2019 gesehen, wie die Teilhabe am Frauenfussall wächst, insbesondere natürlich in Europa Ich habe beispielsweise die Zahlen zu England gesehen. Mehr als 800.000 Mädchen und junge Frauen haben sich nach Frankreich im Grassroots-Fussball engagiert. Ich bin sicher, dass es im asiatisch-pazifischen Raum genau so kommen wird. Und das finde ich toll, denn es wird den Mädchen in der Region ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Ich hatte das große Glück, in Neuseeland aufzuwachsen, wo ich in einem Klub spielen und die gute Infrastruktur nutzen konnte. Ich konnte spielen und habe dabei viel Unterstützung erhalten. Ich denke, diese Frauen-WM wird als Katalysator fungieren und vielen Menschen die Augen öffnen, wie groß der Frauenfussball bereits ist und welch enormen Entwicklungsmöglichkeiten noch bestehen.

An der ersten FIFA Frauen-WM™ ihm Jahre 1991 nahmen zwölf Teams teil. 2019 waren es 24. Und 2023 werden es 32 sein. Man darf wohl mit Fug und Recht sagen, dass sich in den vergangenen 28 Jahren Vieles verändert hat. Was sollte Ihrer Meinung nach der nächste Schritt sein, um den Frauenfussball auf die nächste Stufe zu bringen und den Wert des Turniers weiter zu steigern?

Aus kommerzieller Sicht gibt es eine ganze Menge, was wir noch tun können, um die bestehenden Partnerschaften weiter zu aktivieren. Mehr Menschen sollen einbezogen werden, und alle Fans, die ins Stadion kommen oder am TV Spiele verfolgen möchten, sollten ein noch besseres Erlebnis bekommen. In dieses Vorhaben wollen wir in den kommenden drei Jahren viel Engagement stecken. Insbesondere auch in Technologien und digitale Innovationen. Wir können umfangreiche Daten sammeln, Laufwege verfolgen und das Geschehen auf dem Spielfeld sowie viele physische Aspekte visualisieren. Schon allein damit können wir, wenn wir das optimal nutzen, das Erlebnis für die Fans enorm intensivieren.

Es geht auch darum, das Erlebnis für die Spielerinnen selbst zu verbessern. Wir haben die besten Spielerinnen der Welt am Start. Es ist für uns und für sie die größte Gelegenheit, ihr Können und ihre Fähigkeiten zu zeigen. Daher ist es wichtig, dass wir weiterhin auch die Bedingungen für die Spielerinnen verbessern. Damit sie auch weiterhin Bestleistungen bringen können und für alle Fans, die 2023 kommen um sie zu sehen, ein echtes Spektakel abliefern können.

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