• Ex-Weltmeister Jürgen Klinsmann feuert in Korea seinen Sohn an
  • Jonathan steht bei den USA als Torhüter zwischen den Pfosten
  • "Natürlich sprechen wir über Fussball. In unserem Haus dreht sich alles um Fussball"

Man sollte denken, dass Jürgen Klinsmann im Fussball schon so ziemlich alles erlebt hat, was es zu erleben gibt. Er war in den unterschiedlichsten Rollen aktiv, als Spieler ebenso wie als Trainer und als TV-Experte. Doch an eine ganz bestimmte Rolle muss er sich noch etwas gewöhnen, nämlich an die Vaterrolle.

Klinsmann ist in der Republik Korea dabei, um seinen Sohn Jonathan anzufeuern, der als Torhüter der USA an der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2017 teilnimmt. "Es macht großen Spaß, dieser Altersgruppe zuzuschauen, ganz unabhängig davon, dass mein Sohn dabei ist. Denn man erlebt all die Emotionen mit, die diese Jungs durchmachen", so Jürgen in einem Exklusivinterview mit FIFA.com, nachdem sein Sohn gerade erstmals ein WM-Spiel mit weißer Weste absolviert hatte. "Man fühlt mit ihnen, denn sie sind nervös. Es gibt keinen echten Favoriten. Jeder kann jeden schlagen. Das macht die ganze Sache sehr unterhaltsam. Natürlich drücke ich meinem Sohn die Daumen, wenn er spielt! Es ist schon ein bisschen schwierig, weil er sich für die Torwartposition entschieden hat (lacht). Es wäre für mich leichter, wenn er Stürmer wäre, aber er genießt es offensichtlich und hat großen Spaß."

Jürgen Klinsmann gilt als einer der besten Stürmer aller Zeiten. Wie also kam es dazu, dass sich sein Sohn entschied, sich zwischen die Pfosten zu stellen?

"Das war, als er zwölf Jahre alt war", erzählt Jürgen. "Bis dahin war er offensiver Mittelfeldspieler, und er war sehr talentiert. Dann hat er plötzlich gesagt, dass er als Torhüter spielen will. Nebenher hat er auch sehr gern Basketball gespielt, er war also sehr fangsicher. Seitdem ist er also Torwart, und er wird immer besser!"

Viele Eltern neigen dazu, ihre Kinder in eine bestimmte Richtung zu lenken oder zu beeinflussen, wenn es um Interessen und Hobbys geht. War dies bei Jürgen auch so?

"Nein, nein. Ich habe nur gehofft, dass er Spaß an einer Mannschaftssportart findet. Bis er 16 war, wusste er noch nicht so richtig, ob er sich nun für Basketball oder Fussball entscheiden sollte. Dann hat er den Fussball gewählt. Aber er war auch im Basketball sehr talentiert."

Jürgen war bei drei WM-Endrunden dabei und wurde 1990 Weltmeister. Welche Ratschläge hat er seinem Sohn mitgegeben, bevor der mit der Mannschaft das Flugzeug nach Korea bestieg?

"Natürlich sprechen wir viel über Fussball", so Jürgen. "In unserem Haus dreht sich alles um Fussball. Ich habe ihm geraten, sich immer voll zu konzentrieren, wenn es darauf ankommt, und zuverlässig und beständig gute Leistungen zu zeigen. Als Torhüter hat man es nicht leicht, denn man darf sich wirklich keine Fehler leisten. Ich hoffe, dass er große Beständigkeit zeigt."

"Natürlich kann man ein paar Ratschläge geben, wie man bei so einem Turnier für etwas Ausgleich sorgen kann, wie man mal auf andere Gedanken kommen kann. Wenn man mental zu sehr belastet ist, sollte man beispielsweise Spaziergänge machen. Die Freizeit nimmt viel Raum ein. Die Jungs trainieren ein Mal täglich. Was also machen sie mit der ganzen Zeit? Die Chemie im Team ist sehr wichtig. Außerdem müssen sie eigene Wege finden, sich zu beschäftigen. Man kann ein paar Ideen und Ratschläge geben, wie das funktionieren kann. Aber schließlich und endlich entwachsen sie all dem und gehen ihren eigenen Weg."

Jonathan trug mit einer zuverlässigen Leistung zum 1:0-Sieg der USA im zweiten Gruppenspiel gegen Senegal bei. Anschließend erzählte er uns, was es ihm bedeutet, dass sein Vater auf der Tribüne saß und diesen Erfolg miterlebte.

"Es ist immer schön, wenn die Familie dabei ist und man sie auf der Tribüne sieht. Und bei einem WM-Spiel ist das einfach eine ganz besonders tolle Sache", so Jonathan. "Ich kann es gar nicht richtig beschreiben."

Ob sein Vater ihn nie gedrängt habe, doch Stürmer zu werden? "Nein, er ließ die Entwicklung einfach so laufen. Und das gilt nicht nur für den Sport oder den Fussball. Meine Eltern haben mich nie zum Sport oder zu irgendetwas gedrängt. Sie haben mir die Wahl überlassen, damit ich meine Leidenschaft finden konnte. Und so wurde es am Ende eben Fussball und Torwart. Mein Vater hilft mir jeden Tag, und es macht ihm Riesenspaß."

Das Team der USA ist jetzt in Daejeon, wo das letzte Gruppenspiel gegen Saudiarabien stattfindet. Jonathan ist sicher: Wo auch immer die Reise des Teams hinführt, sein Vater wird dort sein. "Seinen Rückflug hat er, glaube ich, für den 12. Juni gebucht…"