Nachwuchskicker von Seoul bis Busan stellen auf den Schulhöfen noch immer Szenen vom märchenhaften Einzug der Republik Korea ins Halbfinale der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Korea/Japan 2002™ nach. Park Jisungs Volleyschuss gegen Portugal in der Gruppenphase und die nachfolgende Umarmung mit Guus Hiddink, Ahn Junghwans Golden Goal gegen Italien und der verwandelte Elfmeter von Kapitän Hong Myungbo gegen Iker Casillas, der den Sieg gegen Spanien brachte, zählen zweifellos zu den am häufigsten aufgegriffenen Momenten. Sie alle haben sich tief in das kollektive Gedächtnis des Landes eingegraben. Noch vor der Zeit von Park, Hong oder Ahn gab es allerdings einen Spieler, der als Wegbereiter für den koreanischen Fussball fungierte und dafür sorgte, dass auf globaler Ebene der nächste Schritt getan werden konnte. Sein Name wird für immer ein Synonym für den asiatischen Fussball sein: Cha Bum

Offiziell hört er auf den Namen Cha Bum-kun, und er war in vielerlei Hinsicht ein Pionier. 1978 unterzeichnete er als erster Spieler aus der Republik Korea einen Vertrag bei einem europäischen Klub, nämlich bei Darmstadt 98. Den größten Teil seiner Karriere spielte er dann für Eintracht Frankfurt und Bayer 04 Leverkusen. Cha steht außerdem für eine erfolgreiche Zeit in den Junioren-Nationalmannschaften seines Landes. Aus diesem Grund ist er auch die perfekte Besetzung für die Rolle des stellvertretenden Vorsitzenden des Lokalen Organisationskomitees der FIFA U-20-Weltmeisterschaft Korea Republik 2017. Er ist nicht nur aufgrund seiner hervorragenden Leistungen auf dem Spielfeld ein großes Vorbild für aufstrebende Nachwuchsspieler, sondern auch aufgrund seiner Bescheidenheit und Disziplin – Attribute, die für alle Jungprofis erstrebenswert sind. Cha Bum-kun hat bemerkenswerterweise in seiner gesamten Karriere nur eine einzige Gelbe Karte kassiert.

Anlässlich des 100-Tage-Countdowns zur FIFA U-20-Weltmeisterschaft Korea Republik 2017 führte FIFA.com ein Exklusiv-Interview mit einem der größten Taeguk Warriors aller Zeiten. Gesprächsthemen waren das bevorstehende Weltturnier sowie seine Karriere.

FIFA.com: Sie gelten nicht nur als einer der besten Spieler in der Geschichte der Republik Korea, sondern haben auch persönlich eine starke Bindung zur U-20-Ebene. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Zeit im System der südkoreanischen Nationalmannschaften?
Cha Bum-kun: Als ich den Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft geschafft habe, war ich noch Schüler an der High School. Ich war nur ein einfacher Junge vom Land, der noch nie zuvor die Chance gehabt hatte, ein Flugzeug zu besteigen, und dann wurde ich Junioren-Nationalspieler und flog nach Japan [zur AFC U-19-Meisterschaft 1971]. Ich kann gar nicht in Worte fassen, was ich damals gefühlt habe, denn Taeguk Warrior zu werden, war mein Kindheitstraum. Alles war noch frisch und neu, denn das war mein erstes internationales Turnier und auch mein erster Flug. Ich kann mich noch immer an diesen ganz speziellen Geruch im Apartment für die Sportler erinnern – so einen Geruch hatte ich noch nie zuvor wahrgenommen.

Du wirst nervös, wenn du neue Orte bereist. Alles war neu, als ich Nationalspieler wurde, deshalb war ich sehr aufgeregt und auch ängstlich. Im ersten Spiel konnte ich noch nicht einmal gerade stehen, weil meine Beine zitterten, und ich konnte buchstäblich nichts sehen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich 90 Minuten lang gerannt bin. Im weiteren Verlauf wurde es besser, aber im Halbfinale gegen Japan habe ich mir dann die Nase gebrochen und das Finale verpasst. Nach dem Turnier spürte ich, dass die Erfahrung und die Eindrücke meinen Horizont erweitert hatten. Gleichzeitig hatte ich genügend Selbstvertrauen und Willenskraft für eine neue Herausforderung gesammelt. Mir wurde bewusst, dass ich durch solche Erfahrungen in großen Wettbewerben als Spieler reifen konnte.

Können Sie uns einige wichtige Lektionen nennen, die Sie als Jugend-Nationalspieler gelernt haben und die Sie in ihrer gesamten erfolgreichen Karriere begleitet haben?
Zunächst einmal ist es sehr wichtig, Erfahrungen gegen Spieler aus anderen Ländern zu sammeln. Und dann habe ich gelernt, dass ich mich spielerisch verbessern und mein Selbstvertrauen stärken kann, indem ich gegen stärkere Mannschaften kämpfe. Nach der Juniorenmeisterschaft bin ich auf Erwachsenenebene auf stärkere Gegner getroffen, die robuster und schneller waren. Alles, was mir auf Juniorenebene problemlos gelungen war, war gegen stärkere Teams schwieriger, und ich merkte, wie ich durch die Erfahrung besser wurde. Ich glaube, es ist wirklich wichtig für junge Spieler, bei Spielen gegen gute Gegner auf internationaler Ebene ein Gespür für den Fussball zu bekommen und ihre Fähigkeiten auszubauen. Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass ich durch solche Turniere gewachsen bin.

Was hat Sie dazu motiviert, schon als Juniorenspieler ins A-Team vorzustoßen? Was war dazu erforderlich?
Es war mein Kindheitstraum, Taeguk Warrior zu werden, weil ich [meine Familie] so arm war. Nachdem ich Nationalspieler geworden war, begann ich davon zu träumen, ein Weltklassespieler zu werden. Solche Ziele haben mich angespornt und mir geholfen, Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn du keine Ziele, Träume oder Hoffnungen hast, kommst du mit so anspruchsvollen Trainingseinheiten und Prozessen nicht zurecht. Ich hatte einen Traum, und dadurch habe ich mich etwas von anderen Spielern unterschieden: Während sie sich ausruhten, bin ich früh morgens aufgestanden, um laufen zu gehen oder die Dinge zu trainieren, die ich nicht gut gemacht hatte. Das war möglich, weil ich einen Traum hatte, und deshalb sage ich jungen Spielern auch, dass sie einen Traum haben sollen. Mein Traum ist am Ende wahr geworden. Ich habe davon geträumt, in der deutschen Bundesliga zu spielen, während ich mir die Spiele im Fernsehen angesehen habe. Eines Tages kam ein Trainer aus Deutschland auf mich zu und sagte: 'Du kannst es schaffen. Warum kommst du nicht her?' Und genau so ist es gekommen. Träume werden wahr.

Sie waren für Ihre Kopfballstärke und Ihre Schnelligkeit mit dem Ball am Fuß bekannt. Gibt es aktuelle Spieler, die Sie an Ihre damalige Spielweise erinnern?
Son Heungmin versucht, die gegnerische Abwehr mit frechen Dribblings auszuspielen. Wenn ich das sehe, erinnert es mich an meine eigene Zeit als Spieler.  Hwang Heechan [Stürmer der Republik Korea] erinnert mich auch an mich selbst, wenn er die Abwehrreihen durchbricht. Allerdings hat er im Abschluss einen etwas anderen Stil als ich. So explosive Sololäufe wie man sie heute bei [Cristiano] Ronaldo sieht, sehe ich auch bei diesen beiden koreanischen Spielern, die Chancen herausspielen und selbst zum Abschluss bringen können.

Was ist wichtiger für einen U-20-Spieler: sich als Spieler zu entwickeln oder zu lernen, im Team und mit unterschiedlichen Spielsystemen zu arbeiten?
Fussball ist kein Einzelsport. Grundsätzlich muss man gut zusammenspielen. Aber es kommt darauf an, dass du im Team eigene Akzente setzt. Das ist es, was das Team von dir will: Du sollst klare eigene Akzente setzen, wissen, was du am besten kannst. Im koreanischen Fussball geht es beispielsweise um Schnelligkeit, das Durchbrechen der gegnerischen Abwehr – auch das wollen die Fans sehen, weil es unser Markenzeichen ist. Es ist ganz wichtig ihnen zu zeigen, welche Art von Spieler du bist. Die Organisation des Teams kann dann auf solche Charakteristika abgestimmt werden. 

Würden Sie sagen, dass das Lernen aus Niederlagen auf U-20-Ebene fast so wichtig ist wie Siege?
Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es ist, dass man versucht, zu gewinnen. Gleichzeitig sollten junge Spieler aber auch aus Niederlagen lernen, auch wenn sie ihr Bestes gegeben haben. Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, hatte ich noch nie für eine Profimannschaft gespielt und mit dem Ligasystem hatte ich auch noch keine Erfahrung. Ich kann mich nicht mehr wirklich an Niederlagen in Korea oder auf der asiatischen Bühne erinnern. Aber als ich in Deutschland das erste Spiel verloren hatte, fühlte sich das an, als würde mir der Himmel auf den Kopf fallen. Ich konnte beim Gedanken daran, dass ich verloren hatte, kaum etwas essen. Die anderen Spieler schienen hingegen ganz gelassen damit umzugehen und sich schon auf das nächste Spiel zu konzentrieren. Bald wurde mir bewusst, dass sie über die Niederlagen Erfahrungen und Knowhow sammelten und innerlich daran wuchsen. Für junge Spieler und auch für erfahrenere sind Siege nicht alles, doch Niederlagen könnten eine gute Lektion sein, um sich als Spieler zu verbessern. Natürlich muss man sein Bestes geben, um zu gewinnen, aber selbst wenn man verliert, muss man etwas daraus lernen.