Im Mannschaftsquartier der ungarischen Auswahl in New Plymouth herrschen Ruhe und Ausgeglichenheit. Das erste Hindernis ist überwunden, die jungen Magyaren setzten sich mit einer brillanten Leistung gegen Korea DVR durch (5:1). Nun gilt es, zu regenerieren, denn am 4. Juni um 16:00 Uhr will das Team im Stadium Taranaki gegen Brasilien im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Ein Spiel, mit dem sich Bernd Storck, der Trainer der Ungarn, gedanklich bereits im Voraus beschäftigt hat.

"Brasilien ähnelt uns insofern, als die Mannschaft erst kürzlich rundum erneuert wurde und ein neuer Trainer gekommen ist", sagt Storck im Gespräch mit FIFA.com. Er selbst hat nur drei Monate vor Beginn der FIFA U-20-Weltmeisterschaft Neuseeland 2015 die Leitung der ungarischen Juniorenauswahl übernommen. "Wir haben keine Angst vor dieser Mannschaft. Ich werde meine so vorbereiten, wie ich sie auf Korea DVR vorbereitet habe. Ich kenne ihre Spielweise, ich weiß, wie wir gegen sie spielen müssen."

Hinter dieser Selbstgewissheit steckt eine lange Erfahrung im Fussball. Nach einer beachtlichen Karriere als Profifussballer, zu deren Höhepunkten der Gewinn des DFB-Pokals 1989 mit Borussia Dortmund gehörte, stürzte sich Storck in den Trainerberuf. Wobei er sich selbst wohl eher als Fussballlehrer bezeichnen würde: "Ich liebe es, Dinge zu vermitteln. Für mich ist ein Trainer nicht mehr und nicht weniger als ein Lehrer. Das Ziel besteht darin, den Schülern dabei zu helfen, sich zu entwickeln und alle erforderlichen taktischen, technischen und körperlichen Voraussetzungen zu erwerben, um das höchste Niveau erreichen und sich entfalten zu können", sagt er und verbirgt dabei nicht seine Bewunderung für Ottmar Hitzfeld. "Er hat mich sehr inspiriert. Ich habe im Umgang mit ihm enorm viel gelernt."

So kam es, dass der ehemalige Verteidiger nach den ersten Stationen als Trainerassistent bei Hertha BSC Berlin, dem VfL Wolfsburg und Borussia Dortmund 2008 beschloss, auf eigenen Beinen zu stehen und sich dem zu widmen, was ihm am meisten Spaß macht: der Arbeit mit jungen Spielern als Sportdirektor. Er begann als Trainer der U-21-Auswahl Kasachstans, übernahm später für zwei Jahre die Leitung der A-Nationalmannschaft, bevor er wieder zu seiner größten Leidenschaft zurückkehrte. Nach einer zweijährigen Tätigkeit als Leiter der Nachwuchsabteilung von Olympiakos Piräus wurde ihm 2015 der Posten als Sportdirektor der ungarischen Auswahlen angeboten.

"Ich bin verantwortlich für die Jugendmannschaften. In dieser Funktion habe ich eine gemeinsame Entwicklungsstrategie für alle Alterskategorien eingeführt. Das umfasst zahlreiche Aspekte: Disziplin, Kondition, Spielphilosophie, taktische Kenntnisse. Das Ziel besteht darin, von der U-15 bis zur U-21 einheitlich zu arbeiten und diese ganze kleine Welt für morgen vorzubereiten. Das ist eine große Herausforderung, aber ich mag das", sagt er. "Der Versuch, einen Weg zu finden, der es den Spielern ermöglicht, sich zu entfalten, ist eine spannende Aufgabe!"

Taktische Lektion
Und was gäbe es für eine bessere Gelegenheit als eine FIFA U-20-Weltmeisterschaft, um den Prozess zu beschleunigen? Dies war der Moment für Storck, ein wenig von seinen Aufgaben als Sportdirektor abzuweichen und angesichts dieser Chance die Leitung der U-20-Mannschaft zu übernehmen. "In so kurzer Zeit eine Mannschaft zusammenzustellen, war eine Herausforderung. Bei der Wahl meiner Spieler war das reine Talent das einzige Kriterium, deshalb ist mein Team im Durchschnitt jünger als die anderen. Die körperliche Fitness stellte ein gewisses Problem dar, doch wir haben in diesem Bereich sehr viel gearbeitet, und die Partie gegen Korea DVR hat uns Recht gegeben", analysiert er. "Objektiv gesehen haben sie große Fortschritte gemacht. Sie wollen der Welt zeigen, dass auch Ungarn über Spieler von hoher Qualität verfügt."

Die jungen Ungarn haben beim Sieg gegen die Koreaner natürlich eine große Rolle gespielt, doch gleichzeitig können sie sich auch bei ihrem Coach für seine taktische Erfahrung bedanken. Trotz der 2:1-Führung zur Halbzeit nahm Storck in der Pause zwei Änderungen vor, die vermutlich spielentscheidend waren. "Es ist mir klar, dass das ein ganz schönes Ding ist, in der Halbzeit darauf zu achten, als das Team in Führung lag. Aber ich war nicht völlig zufrieden mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben. Wir haben von einem 4-3-3 auf ein 4-4-2 umgestellt. Wir mussten unbedingt ihre langen Pässe stoppen. Ich musste meiner Mannschaft helfen! Ich weiß nicht, ob wir das Spiel gewonnen hätten, wenn wir bei unserer ursprünglichen Taktik geblieben wären." Stattdessen gewann sein Team mit 5:1.

Aber Storck gehört nicht zu den Menschen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Doch sein Ehrgeiz dient ausschließlich seinen Schülern. "Als ich meine Zusammenarbeit mit Ungarn begonnen habe, bekam ich oft zu hören, dass es uns an Talenten mangelt. Das Spiel gestern hat klar das Gegenteil bewiesen", betont er, bevor er zum Abschied ergänzt: "Ich versuche nur, meine Arbeit zu machen - den Spielern bei ihrer Entwicklung zu helfen, ihnen das Selbstvertrauen zu geben, um auf internationaler Ebene spielen zu können, und ihnen das zu vermitteln, was ich über den Fussball weiß." Klingt logisch, aus dem Mund eines Lehrers.