FIFA U-20-Weltmeisterschaft Polen 2019

23 Mai - 15 Juni

FIFA U-20 WM 2019

Morientes: "Genießt das Spiel!"

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  • Countdown zur U-20-WM läuft
  • FIFA Legend Morientes zu Gast in Lodz
  • "Ich hatte bei der U-20-WM etwas Pech"

Fernando Morientes war am Dienstag in Lodz, um sich ein Bild von den letzten Vorbereitungen für die FIFA U-20-Weltmeisterschaft Polen 2019 zu machen. Der ehemalige spanische Nationalspieler besuchte das Stadion der Stadt, in dem zehn WM-Partien stattfinden werden, darunter das Eröffnungsspiel, die Gruppenspiele Polens und das Finale. Er traf auch mit Studenten von der Universität für Technologie zusammen. Zbigniew Boniek, der Präsident des polnischen Fussballverbands, begleitete Morientes auf seiner Besichtigungstour durch die Stadt. Der frühere Stürmer zeigte sich sehr zufrieden und teilte seine Gedanken in einem Interview mit FIFA.com.

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FIFA.com: In gut einem Monat beginnt die FIFA U-20-Weltmeisterschaft, ein Turnier, an dem auch Sie selbst teilgenommen haben. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Fernando Morientes: Seitdem ist sehr viel passiert, schließlich reden wir hier von 1995. Aber ich muss sagen, dass es ein unvergessliches Erlebnis war, nicht zuletzt, weil es das erste große Turnier in meiner Karriere war. Ich war damals noch sehr jung, voller jugendlichem Überschwang und konnte es kaum erwarten, endlich zu spielen. Ich war stolz darauf, mein Land repräsentieren zu können.

Sie hatten damals eine sehr starke Mannschaft und wurden am Ende Vierter.War das ein Erfolg oder ein Fehlschlag?

Unser Ziel war, es ins Finale zu schaffen. Wir waren nicht restlos davon überzeugt, dass wir das Turnier auf jeden Fall gewinnen würden, aber das Finale wollten wir auf jeden Fall erreichen. Leider kam uns dabei Argentinien in die Quere...

Und sie verloren mit 0:3...

Ja, leider. Aber alles in allem war das Erlebnis in Katar unbezahlbar. Damals habe ich erkannt, worum es beim Fussball wirklich geht: Auch wenn du eigentlich immer gewinnen willst, wird es nicht immer gelingen.

Auf welche Weise profitieren die Spieler von der Teilnahme an einer FIFA U-20-WM?

Sie sammeln Erfahrungen in ganz verschiedenen Bereichen. Wenn junge Spieler bei solchen Turnieren spielen, lernen sie, dass Fussball nicht simpel ist und manchmal sogar extrem schwierig sein kann. Das ist auch die Lektion, an die ich mich erinnere. Man kann nicht alle hohen Ambitionen verwirklichen. Man muss darauf vorbereitet sein, dass man seine Ziele auch verfehlen kann. Dann muss man analysieren, was schief gelaufen ist, und sich weiter entwickeln. Natürlich bringen solche Wettbewerbe die Spieler auch als Fussballer weiter. Wenn man später auf die eigene Karriere zurückblickt und sich daran erinnert, als 18- oder 19-Jähriger bei einem solch prestigeträchtigen Turnier gespielt zu haben, ist das eine fantastische Sache. Solche Wettbewerbe tragen dazu bei, Spieler zu formen. Ich habe schon für die U-18-Auswahl gespielt, aber die U-20-WM war etwas ganz Besonderes. Wenn man das Nationaltrikot überstreift, empfindet man Freude und Ehre, aber auch Verantwortung.

Woran erinnern Sie sich am stärksten, wenn Sie auf das Turnier zurückblicken? Stärker an die Nervosität oder stärker an die Freude am Spielen?

Eine Mischung aus beidem. Wir hatten einen ziemlich leichten Start ins Turnier mit einem 5:1-Sieg gegen Burundi. Doch je weiter wir kamen, desto größer wurde der Druck. Wir wollten unbedingt siegen... Und ich wiederhole noch einmal, was ich schon gesagt habe: Wir haben es bei Turnieren schon oft erlebt: Selbst wenn man eine großartige Mannschaft hat, so wie wir damals, bedeutet das noch lange nicht, dass man jeden Gegner besiegt. Die Teilnahme an einem solchen Turnier verschafft den Spielern auch einen Vorgeschmack auf das, was sie in ihrer Karriere erwartet. Beim Fussball dreht sich vieles um Flugzeuge, Trainingslager, Hotelzimmer, viele Reisen und lange Zeiten fern der Heimat. Man lernt viel über das Leben in einer Gruppe, wie man Freundschaften und Beziehungen zu anderen Menschen entwickelt.

Sie haben fünf Tore bei zwei WM-Endrunden erzielt aber nur zwei bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft. Kann man daraus folgern, dass es bei der WM leichter ist?

(lacht) Ganz und gar nicht. Ich hatte bei der U-20-WM etwas Pech. Gegen Burundi habe ich getroffen, aber in unserem zweiten Spiel habe ich mich verletzt und musste pausieren. Bei den WM-Endrunden in Frankreich und in Japan/Korea war ich in guter Form und fit, daher mehr Tore.

Wir sitzen hier im Stadion von Lodz, wo zehn Spiele stattfinden, darunter auch das Eröffnungsspiel und das Finale. Was sagen Sie zu diesem Stadion?

Es erinnert mich ziemlich stark an das Stadion von Racing Santander. Es ist nicht besonders groß, aber dafür sind die Fans ganz nah dran am Geschehen. Ich kann mir vorstellen, dass die Atmosphäre hier im Stadion großartig sein wird, wenn es voll ist. Wenn ich mich hier umschaue, stelle ich mir vor, selbst in den Schuhen der Spieler zu stecken und die Emotionen zu erleben, die sie haben, wenn sie aufs Spielfeld hinausgehen. Es muss großartig sein, hier zu spielen.

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Was wissen Sie über den Fussball hier in Polen, dem Gastgeberland der FIFA U-20-WM?

Wir verfolgen die polnische Liga in Spanien nicht sehr intensiv, sondern eher die großen Ligen. Natürlich kennt man aber die bekanntesten polnischen Spieler, die im Ausland aktiv sind. Jeder Fussballfan weiß, wer Robert Lewandowski ist. Bei AC Mailand hat Piatek gerade seinen Durchbruch erlebt, und dann wäre da ja auch noch Krychowiak, der für Sevilla gespielt hat, bevor er nach Frankreich ging. Das sind die Namen, die ich mit Polen assoziiere. Und natürlich Jerzy Dudek beim FC Liverpool. Die polnische Liga gehört in Europa nicht unbedingt zu den Spitzenligen, aber es gibt immer ein paar sehr gute Spieler in den großen Ligen. Wenn ich Sportdirektor eines Klubs wäre, dann wäre Polen wohl eines meiner ersten Ziele, denn man kann hier einige wirklich sehr starke junge Spieler finden, die das Zeug dazu haben, sich in Europa zu bewähren.

Polen spielt bei der U-20-WM auf eigenem Boden. Ist das tatsächlich ein Heimvorteil oder eher eine Belastung?

Das ist eine schwierige Frage. Natürlich ist es großartig, vor den eigenen Fans in einem vollen Stadion zu spielen. Aber andererseits bedeutet dies auch höhere Erwartungen, mehr Druck und eine größere Verantwortung. Ich weiß nicht, welche Ziele sich die Polen gesteckt haben, aber sie wollen ganz sicher so weit wie möglich kommen. Die Spieler müssen allerdings nicht nur ihre Entschlossenheit demonstrieren, sondern auch die Reife, mit dem Druck umzugehen, der auf der Gastgebernation lastet.

Die Fussballwelt hat Sie noch bestens als Teil der legendären Partnerschaft mit Raúl bei Real Madrid in Erinnerung. Schon in der U-20-Auswahl haben Sie an seiner Seite gespielt. Denken Sie, dass wir vielleicht die Geburtsstunde einer ähnlichen Partnerschaft erleben werden? **Schließlich ist die FIFA U-20-WM ja eine Talentschmiede.

Ich denke, das Wort 'Talentschmiede' trifft es ganz gut. Wir alle wissen, wie viele spätere Topstars ihren Durchbruch bei der FIFA U-20-WM erlebt haben. Wir sprechen allerdings immer von einzelnen Spielern. Warum sollten wir nicht die Geburtsstunde eines Duos erleben? Es könnten zwei Innenverteidiger sein, zwei Mittelfeldspieler oder auch zwei Stürmer. Letzteres ist allerdings recht unwahrscheinlich, denn heute spielen kaum noch Mannschaften mit zwei echten Sturmspitzen. Meistens konzentriert sich alles auf einen einzigen echten Torjäger. Eine Partnerschaft wie die zwischen Raúl und Morientes ist daher heutzutage viel schwieriger.

Wenn Sie den besten Fussballer wählen müssten, mit dem Sie zusammengespielt haben, wäre es Raúl?

Er steht jedenfalls sehr weit oben auf der Liste, das steht fest. Aber ich habe mit sehr vielen großartigen Spielern gespielt, so dass ich nicht nur einen nennen könnte. Ich denke da an Zidane, Figo… Bei den Verteidigern fallen mir Fernando Hierro und Roberto Carlos ein... Und in England habe ich an der Seite von Gerrard gespielt – ein unglaublicher Spieler.

Vielleicht auch noch ein Torhüter...

Jerzy Dudek! Und natürlich Iker Casillas.

Haben Sie zum Abschluss eine Botschaft an die Fans und an die jungen Spieler, die in diesem Sommer in Polen antreten?

Ich würde Folgendes zu diesem Turnier sagen: Genießt das Spiel! Das ist das Allerwichtigste. Ihr seid in Eurem Alter absolut topfit. Geht raus aufs Spielfeld und zeigt es. Der Druck kommt später. Im Vergleich zur Erwachsenen-WM ist der Druck bei der U-20-WM viel geringer. Das Beste ist, das Turnier und die Spiele zu genießen und es in guter Erinnerung zu behalten. Es ist großartig, dass die FIFA die Ticketpreise so günstig angesetzt hat. Ich kann den polnischen Fans nur raten, zu den Spielen zu gehen. Ich selbst beobachte als Trainer sehr gern junge Spieler und wenn ich die Zeit finde, werde ich ganz sicher das ein oder andere Spiel besuchen. Man sollte nicht vergessen, dass hier die Stars von morgen geboren werden. Es ist doch toll, auf der Tribüne zu sitzen und zu beobachten, welche Spieler das Zeug zum künftigen Superstar haben. Irgendwann kann man dann vielleicht sagen: 'Ich war dabei, als dieser Spieler seinen Durchbruch gefeiert hat.' Aus der Sicht der Fans ist das eine fantastische Erfahrung. Die Fans in Polen haben eine tolle Gelegenheit, bei einem wirklich außergewöhnlichen Turnier dabei zu sein.

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