FIFA U-20-Weltmeisterschaft Kolumbien 2011

FIFA U-20-Weltmeisterschaft Kolumbien 2011

29 Juli - 20 August

FIFA U-20 Weltmeisterschaft 2011

Frankreichs Edeljoker Lacazette

Alexandre Lacazette of France celebrates his goal
© Getty Images

Im Deutschen nennt man sie Edeljoker, im Englischen "super sub". Beide Bezeichnungen stehen für jene Ergänzungsspieler, die jedes Mal, wenn sie eingewechselt werden, für entscheidende Momente zugunsten ihrer Mannschaft sorgen. Ein Status, der auf Seiten des betroffenen Spielers aber auch Zwiespalt hervorruft, denn er schwankt ständig zwischen der Freude, seinem Team zum Erfolg zu verhelfen, und der Enttäuschung, nicht der Startformation anzugehören.

Alexandre Lacazette, Stürmer der französischen U-20-Auswahl, liefert dafür das perfekte Beispiel. Der Angreifer von Olympique Lyon, der seine gesamte fussballerische Ausbildung bei seinem Heimatklub erhielt, wurde in Kolumbien 2011 in allen drei Gruppenspielen der Bleuets eingewechselt und hatte dabei jedes Mal, zumindest zu einem bestimmten Teil, entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Spiels.

Bei der Auftaktniederlage gegen Gastgeber Kolumbien kam er nach der Halbzeitpause ins Spiel und erarbeitete sich danach eine dicke Torchance, konnte sie aber nicht nutzen. "Ich hatte den Torwart ausgespielt und gedacht, meinen Gegenspieler im Nacken zu haben. Deshalb habe ich überstürzt gehandelt. Wenn ich dieses Tor gemacht hätte, wäre die Partie ganz anders verlaufen, denn das 2:2 hätte uns wieder ins Spiel zurück gebracht", hatte er bereits nach dem Spiel gesagt.

Für ihn also eine besonders bittere Erkenntnis, die ihm indes niemand aus seiner Mannschaft übel nahm. "Danach haben wir noch zwei Gegentore kassiert, da war ich natürlich erst recht enttäuscht. Doch statt mir Vorwürfe zu machen, haben mir alle neuen Mut zugesprochen: der Trainer, meine Mannschaftskameraden und meine Familie. Das hat mir gut getan, so dass ich mir darüber nicht mehr den Kopf zerbrochen habe", so Alexandre im Gespräch mit FIFA.com.

Uneigennütziges Spiel gegen Mali
Also biss Lacazette die Zähne zusammen und wartete geduldig auf seinen nächsten Einsatz. In der Partie gegen die Republik Korea wurde er mit Beginn der Schlussviertelstunde eingewechselt, und machte mit seinem Treffer in der Nachspielzeit den 3:1-Sieg seiner Mannschaft perfekt. "Loïc Nego war über die rechte Seite durchgebrochen und hatte den Ball auf Gilles Sunu gespielt, der ihn mit der Hacke zu mir weiterleitete. Um das Leder besser unter Kontrolle zu bekommen, habe ich mich gedreht und dann sofort abgezogen. Es war ein toller Schuss, der schließlich im Netz landete", so der Angreifer im Rückblick. Die Erleichterung darüber stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben. "Dieses Tor hat mir wieder mehr Selbstvertrauen gegeben."

Ganz ähnlich verlief auch das dritte und letzte Gruppenspiel seiner Mannschaft gegen Mali. Erneut nahm Lacazette zunächst auf der Ersatzbank Platz, und wieder kam er erst in der Schlussphase in die Partie, um erneut für die Entscheidung zu sorgen. Bis zur Hereinnahme des auf Guadeloupe geborenen Torjägers stand es nach zähem Kampf zwischen beiden Teams immer noch 0:0. Nach einem Zuspiel des ebenfalls eingewechselten Clément Grenier passte Lacazette den Ball mustergültig auf Cedric Bakambu, der ihn zum 1:0 ins Tor beförderte. "Diese Aktion erinnerte mich an ein ähnliches Zusammenspiel mit Antoine (Griezmann). Auch er hätte dabei selbst aufs Tor schießen können, hatte sich jedoch entschieden, den Ball weiterzuleiten. Und genau das hat sich dann auch ausgezahlt", erzählte uns Alexandre. Wenige Minuten später hämmerte er nach einer erneuten Kombination mit Grenier das Leder unhaltbar in die Maschen und sicherte Frankreich somit den Einzug in die nächste Runde.

Damit hat Lacazette, der inzwischen das Interesse mehrerer großer Klubs wie Tottenham Hotspur, AS Rom und Manchester United geweckt hat, nachhaltig unter Beweis gestellt, dass er immer dann, wenn er ins Spiel kommt, auch für Torgefahr sorgt. Und das nicht erst seit Kolumbien 2011. Denn bei Olympique Lyon hatte er nach seiner erstmaligen Einwechslung in einer Partie der UEFA Champions League gegen Benfica Lissabon im November letzten Jahres auf Anhieb mit zwei Torvorlagen von sich reden gemacht. Und im Dezember erzielte er nach seiner Hereinnahme im Spiel gegen Hapoel Tel Aviv den Ausgleichstreffer. Für die Bleuets schließlich schoss er im vergangenen Jahr im Finale der U-19-Europameisterschaft das Siegtor, nachdem er für Gilles Sunu ins Spiel gekommen war.

Langsam aber sicher scheint aus ihm ein wahrer Edeljoker zu werden. Bliebe die Frage, ob das auf Dauer nicht zur Belastung werden kann. "Ich bin ein paar Mal eingewechselt worden, und am Ende konnte ich meiner Mannschaft helfen, das ist die Hauptsache", so Alexandre bescheiden, und fügte hinzu: "Natürlich würde ich lieber von Beginn an spielen, deshalb arbeite ich daran, künftig noch mehr Einsatzminuten zu bekommen."

Noch Spielraum nach oben vorhanden
Im Klub ist die Problematik die gleiche. Dennoch nimmt Alexandre das Ganze gelassen und sieht es eher philosophisch. "Ich bin schon in einigen Punktspielen der Ligue 1 und in der UEFA Champions League zum Einsatz gekommen. Trotzdem habe ich noch eine Menge Spielraum, um mich weiterzuentwickeln. Ich hoffe, in diesem Jahr so viel wie möglich eingesetzt zu werden. Natürlich wäre ich bei OL gern Stammspieler, doch vorerst gilt es, einen Schritt nach dem anderen zu tun und nichts zu überstürzen", so Alexandre weiter.

"In Lyon habe ich mit Lisandro López oder Jimmy Briand sehr gute Spieler vor mir. Ich gebe mein Bestes, um mich an ihrer Seite weiter nach oben zu arbeiten. Das ist auch im französischen Nationalteam so, denn auch dort ist das Niveau der Spieler sehr hoch", so die Einschätzung des bekennenden Fans von Ronaldinho und Thierry Henry.

Im Moment steht aber erst einmal das Achtelfinale dieser FIFA U-20-WM an. Egal ob von Beginn an dabei oder nicht, Lacazette wird in Cartagena gegen die überraschend starken Ecuadorianer aller Wahrscheinlichkeit erneut zum Einsatz kommen. Und sein erklärtes Ziel ist es, mit Frankreich das Viertelfinale zu erreichen. "Derzeit befinden wir uns nicht gerade in Bestform. Wir wissen, dass wir besser spielen müssen, wenn wir hier den Titel holen wollen. Daran arbeiten wir", so sein Kommentar, der sich wie der eines Routiniers anhört. Andererseits hätte in Frankreich aber auch niemand etwas dagegen, wenn die Bleuets in der Schlussphase wieder auf ihren Edeljoker setzen müssten und dieser dann erneute für den entscheidenden Unterschied sorgen würde.

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