FIFA U-20-Weltmeisterschaft Türkei 2013

FIFA U-20-Weltmeisterschaft Türkei 2013

21 Juni - 13 Juli

FIFA U-20 Weltmeisterschaft 2013

Denizli: "Fussball bringt die Menschen zusammen"

FIFA.comhatte das Vergnügen, mit Mustafa Denizli, einem der erfolgreichsten Trainer in der Geschichte des türkischen Fussballs, zu sprechen. Themen waren unter anderem der Umgang mit jungen Spielern, seine Fussballphilosophie und die FIFA U-20-WM als Sprungbrett für zukünftige Stars.

Denizli wurde 1949 in Izmir geboren und spielte fast während seiner gesamten aktiven Zeit bei Altay SK, wo er im Laufe von 18 Jahren den Spitznamen Big Mustafa bekam. Während Denizlis Ära war Altay einer der stärksten Vereine in der Türkei, wenngleich seine erfolgreichste Zeit im Fussball noch kommen sollte.

Nachdem er sich für den Trainerberuf entschieden hatte, gelang Denizli das Kunststück, die türkische Meisterschaft als einziger Trainer mit jedem der drei Istanbuler Großvereine - Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas - zu holen. Denizli hat darüber hinaus auch in Deutschland und in Iran gearbeitet und sich dabei mit den Methoden der verschiedenen Fussballkulturen vertraut machen können.

Auch für die türkische Nationalelf war er bereits verantwortlich, und zwar 1987/88 und von 1996 bis 2000. In seine Amtszeit fiel das Erreichen des Viertelfinales bei der UEFA EURO 2000. Bei seinem jüngsten Engagement verhalf er in der vergangenen Saison dem Team von Caykur Rizespor zum Aufstieg in die türkische Top-Liga.

Herr Denizli, die FIFA U-20-Weltmeisterschaft Türkei 2013 neigt sich langsam dem Ende zu. Was hat Sie dort am meisten überrascht?Das Fehlen von Argentinien und Brasilien hat zu Beginn des Turniers für einige Fragezeichen gesorgt, aber dann haben wir fantastische Partien gesehen. Die Qualität des hier gezeigten Fussballs war wirklich beeindruckend.

Frankreich und Uruguay stehen sich im Finale gegenüber. Wer ist für Sie der Favorit?Für mich ist Frankreich Favorit. Sie sind sehr homogen und verfügen über mehr Qualität auf individueller Ebene.

Es ist das erste Mal, dass die Türkei ein Fussballturnier dieser Größenordnung ausgerichtet hat. Welche Auswirkungen könnte es auf die Fähigkeiten des Landes haben, in Zukunft ähnliche Turniere auszurichten?Die Erfahrungen, die wir gesammelt haben, werden ganz sicherlich sehr hilfreich sein, wenn es um zukünftige Turniere geht. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich in der türkischen Auswahl stand und hier im Land die Junioren-Europameisterschaft 1967 ausgerichtet wurde. Man kann mit Sicherheit feststellen, dass die Türkei 2013 wesentlich besser organisiert war. Die Stars der Zukunft haben hier die Chance erhalten, ihr Können auf der Weltbühne des Fussballs zu präsentieren.

Wir hatten Gelegenheit, verschiedene Spielweisen von unterschiedlichen Kontinenten zu beobachten. Welche Lehren wird der türkische Fussball aus dieser Erfahrung ziehen können?Ich glaube nicht, dass wir derartige Turniere brauchen, um noch unterschiedliche Fussballkulturen aus aller Welt kennenzulernen. Inzwischen können wir im Fernsehen den Fussball auf der gesamten Welt verfolgen. Man kann beispielsweise sogar Spiele des japanischen Fussballs sehen, wann immer man will.

Wie würden Sie das Abschneiden der Türkei beurteilen, wenn Sie berücksichtigen, dass das Team im Achtelfinale am späteren Finalisten Frankreich gescheitert ist?Wir haben uns eigentlich nie als Team finden können. In der Vergangenheit haben türkische Juniorenmannschaften bei solchen Turnieren recht gut abgeschnitten, aber dieses Mal waren wir keine Einheit. Das hat unsere Leistungen beeinträchtigt und natürlich hatten wir dann auch das Pech, in der K.o.-Phase ausgerechnet auf die Franzosen zu treffen, die das Zeug haben, dieses Turnier zu gewinnen.

Was werden die jungen Spieler, die hier teilgenommen haben, vom Turnier in der Türkei mit nach Hause nehmen?Spieler können sich beständig verbessern, und die Teilnahme an einer Junioren-WM ist für einige dieser Nachwuchsspieler sicherlich ein Sprungbrett zur Weltmeisterschaft für A-Nationalmannschaften. Das Turnier wird auch einigen weniger bekannten Spielern zu lukrativen Verträgen im Ausland verhelfen. Denken wir nur an das irakische Team. Stellen Sie sich vor, sie haben als junger irakischer Spieler die harten Zeiten miterlebt, die es dort gab. Dieses Turnier könnte das Tor zu einer der großen Ligen sein.

Sie haben bereits in Iraks Nachbarland Iran als Trainer gearbeitet. Hat Sie das Abschneiden der Iraker überrascht?Nein, es hat mich nicht überrascht. Denn während meiner Zeit als Trainer im Iran hatte ich auch eine Reihe von irakischen Spielern im Team. Das Abschneiden hier ist ja auch kein Zufall. Immerhin reden wir von einem Land, das [2007] den AFC Asien-Pokal gewonnen hat. Irak verfügt wieder über viele talentierte Spieler und sie haben gezeigt, dass durch den Fussball neue Stars geboren werden.

Sie sind ein routinierter Trainer. Wie würden Sie Ihre Fussballphilosophie definieren? Was bedeutet das Spiel für Sie?Für mich bedeutet Fussball Liebe, Wettkampf, Leidenschaft, Verlangen, den Willen, zu gewinnen und Dinge mit anderen zu teilen. Der Fussball zieht uns einfach in seinen Bann. Wir haben alle unterschiedliche und mitunter auch gegensätzliche Meinungen zum Fussball, als wenn sich unterschiedliche Menschen das gleiche Theaterstück ansehen. Fussball hat eine unglaubliche Reichweite und Menschen jeden Alters aus jedem beliebigen Land der Welt haben ihre Meinung zu diesem Spiel. Als meine Tochter gerade einmal vier Jahre alt war, hat sie mich gefragt, warum ich bestimmte Spieler nicht aufgestellt habe. Der Fussball bringt die Menschen wirklich zusammen.

Wir konnten sehen, dass es bestimmte Parallelen in der Spielweise von Mannschaften wie Spanien, Uruguay, Frankreich, Portugal und der Republik Korea gibt. Wie entsteht die Fussballidentität eines Landes?Das sehe ich eigentlich nicht so. Der Fussball ist im ständigen Wandel begriffen, auch die Kader von Nationalmannschaften können sich innerhalb von vier Jahren erheblich ändern, was auch entsprechende Auswirkungen auf ihre Spielweise und -philosophie hat. Spieler und Trainer müssen stets offen für Veränderungen sein, denn der Fussball entwickelt sich weiter. Barcelona ist ein gutes Beispiel dafür, denn in den letzten Jahren hat es Mannschaften gegeben, die gelernt haben, wie man das Team stoppen kann. Sobald man ein erfolgreiches System erschaffen hat, wird es von allen Gegnern analysiert, die versuchen, herauszufinden, wie man es aushebeln kann. Vereine und Trainer müssen immer für Änderungen offen sein, um erfolgreich zu werden oder es zu bleiben.

Wie würden Sie als Trainer mit jungen Spielern umgehen, die an diesem Turnier teilnehmen?Man kann im Leben alles kaufen außer Erfahrung. Der Song I Know What It Is To Be Young (But You Don't Know What It Is To Be Old) von Orson Welles beschreibt ganz genau, worum es bei Erfahrung geht. Die Spieler hier im Turnier sind 20 Jahre alt oder jünger, sie sind zwangsläufig unerfahren. Die Trainer sind somit angehalten, diesen jungen Spielern ihre eigenen Erfahrungen und ihr Wissen zu vermitteln. Fussball hat aber auch etwas mit Intelligenz zu tun, und manchmal sieht man junge Burschen, die spielen, als ob sie schon über jahrelange Erfahrung verfügten. Die fussballerische Intelligenz eines Spielers kann oft mangelnde Erfahrung wett machen. Deswegen gibt es immer wieder Spieler mit sieben Jahren Erfahrung, die viel reifer wirken als andere, die schon 17 Jahre dabei sind.

Welche Botschaft möchten Sie den Fussballfans mit auf den Weg geben?Fussball hat nicht nur etwas mit Gewinnen oder Verlieren zu tun. Meiner Ansicht nach haben England und Deutschland diese Philosophie am besten verstanden. Dort folgen die Fans ihren jeweiligen Vereinen in alle Teile der Welt, um sie zu unterstützen. Wir hier in der Türkei sollten sicherstellen, dass wir jeden Aspekt dieses Turniers genießen, denn so etwas werden wir vielleicht nur alle 40 Jahre erleben dürfen.

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

FIFA U-20-WM: Die schönsten Tore der Turniergeschichte

FIFA U-20 Weltmeisterschaft 2013

FIFA U-20-WM: Die schönsten Tore der Turniergeschi...

21 Jun 2013

FIFA U-20-WM: Große Champions und ihr erster Triumph

FIFA U-20 Weltmeisterschaft 2013

FIFA U-20-WM: Große Champions und ihr erster Trium...

21 Jun 2013