FIFA U-17-Weltmeisterschaft Finnland 2003

FIFA U-17-Weltmeisterschaft Finnland 2003

26. Oktober - 17. November

FIFA U-17-Weltmeisterschaft 2003

Portugal mit Glück gegen Kamerun, Spanien stärker als USA

DER TAG IN DER RÜCKSCHAU – Die FIFA U-17-Weltmeisterschaft Finnland 2003 entwickelt sich zu einem der spannendsten FIFA-Turniere der letzten Zeit. Der sechste Tag, ein Spieltag der Gruppen C und D, bot ebenso viele großartige Momente wie jeder der vorhergehenden fünf Spieltage. Die Zuschauer bekamen einen verblüffenden Treffer aus 60 Metern, eine unglaubliche Aufholjagd und einen Hattrick in nur acht Minuten geboten – und das allein beim Spiel Portugal-Kamerun! Nachdem der Rauch sich verzogen hat, sind nur noch Nationalteams vom amerikanischen Kontinent und aus Europa übrig: Erstmals seit der Premiere dieses Jugendturniers 1985 ist es weder den asiatischen Mannschaften noch einer Elf aus Afrika gelungen, die Gruppenspiele zu überstehen.
Brasilien, das sich im Kampf um den ersten Platz in Gruppe C problemlos gegen Jemen durchsetzte (3:0), trifft nun am Sonntag in Turku auf die USA. Die Mannschaft Spaniens, die im Match um den Sieg in Gruppe D die Amerikaner schlug, muss nun in Tampere gegen den Erzrivalen Portugal antreten. Damit kommt es zur mit Spannung erwarteten Neuauflage des UEFA U-17-Finales, in dem die Gastgeber aus Lusitanien den Europameistertitel errangen.
Brasilien ohne Probleme gegen tapferen Jemen
Bis dahin hatten sich bereits weitere vier Teams aus dem Wettbewerb verabschiedet: die Republik Korea, die ihrerseits alle Zweitrundenträume der draufgängerischen Debütanten aus Sierra Leone zerstörte; der Jemen, der mit seiner offensiven Spielweise die Fans begeisterte, und Kamerun, dessen Nachwuchslöwen ein wenig zu spät aufbrüllten – obwohl sie in einem torreichen Spiel auf Biegen und Brechen aus einem 5:0-Rückstand gegen Portugal noch ein 5:5 machten.
Ein besonderes Vergnügen
Die Fans in Tampere hatten bereits vorher das Vergnügen gehabt, einige außergewöhnliche Begegnungen zu sehen - doch was ihnen an diesem Mittwochabend im Spiel der Gruppe C geboten wurde, dürften sie noch ihren Enkeln mit Begeisterung erzählen. Nach einer 5:0-Abfuhr gegen Brasilien brauchte Portugal an diesem 20. August nicht nur einen Punktgewinn, um sich für die nächste Runde zu qualifizieren, sondern die Mannschaft wollte zugleich den Beweis antreten, dass diese Niederlage nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen war.

Portugal und Kamerun schreiben U-17-Geschichte
Und genau diese Einstellung zeigte der Europameister vom Anpfiff an. Der hochtalentierte kleine Vieira, der bis dahin im Turnierverlauf nicht weiter aufgefallen war, zeigte, warum Scharen von Spähern sich darum reißen, ihn verpflichten zu können: Er erzielte einen Treffer, der als das spektakulärste Tor aller bisheriger Jugendturniere gelten kann. Der Spieler von Porto bekam in der eigenen Hälfte, etwa am Rand des Mittelkreises den Ball, sah, dass Luc Kalapach ein wenig falsch postiert war und versenkte die Lederkugel aus knapp 60 Metern über den Kopf des jungen Torwarts in die Maschen. Einen Augenblick lang herrschte verblüfftes Schweigen im Ratina-Stadion – doch dann erhoben sich die finnischen Fans wie ein Mann und applaudierten, während der kleine Torschütze unter einem Haufen begeisterter Teamkollegen verschwand.
"Ich habe mir den Ball geholt, aber keine Anspielstation gefunden – also habe ich einfach draufgehalten und Riesenglück gehabt", so der bescheidene 17-Jährige. "Das war das schönste Tor, das ich je im Leben erzielt habe."
"Ich kann es nicht erklären", sagte Vieiras Trainer Violante. "Er hat dieses Talent einfach – er sieht Dinge auf dem Platz, die andere nicht bemerken."
"So etwas habe ich vielleicht mal beim Training gesehen, aber noch nie in einem Spiel", ergänzte Kameruns Nationaltrainer Abee.
Dieser großartige Treffer wirkte wie ein Startschuss auf Antonio Violantes Team – und vor allem auf Manuel Curto: Wenige Minuten später lag Portugal nach seinem Hattrick mit 4:0 in Front. Ein weiterer Treffer von Bruno Gama, und die Portugiesen schienen auf dem besten Wege zu sein, das demütigende 5:0 gegen Brasilien vergessen zu machen. Jeder im Stadion ging davon aus, dass es nun im Viertelfinale erneut zum iberischen Duell kommen musste.
Doch so einfach wollte Kamerun sich nicht vom Platz fegen lassen. Eine peinliche Schlappe für das eigene Land und ganz Afrika vor Augen, stürzten sich Anatole Abees Mannen in die Schlacht - und dank Serge Ngal erkämpften sie sich ihren Weg zurück ins Spiel. Es war noch gut eine halbe Stunde zu spielen, als aus dem 5:0 erst ein 5:1, dann ein 5:2 und 5:3 wurde … und plötzlich zeigten die Portugiesen, die in ihren vorigen Spielen insgesamt acht Tore zugelassen hatten, ein weiteres Mal die Kehrseite ihrer Jekyll-und-Hyde-Persönlichkeit, und die Menge begann, die afrikanischer Angreifer anzufeuern. Kamerun schaffte das 5:4, und vier Minuten in der Nachspielzeit stand es 5:5. Portugal war angezählt, doch die Mannschaft konnte sich mit dem Gongschlag über die Runden retten.
Rache ist süß
Nach dem Schlusspfiff sanken 22 junge Fussballer zu Boden, während das Publikum sie mit donnerndem Applaus bedachte. Nach einer Weile rappelten die Spieler sich kopfschüttelnd auf, kamen im Mittelkreis zusammen und umarmten einander – eine Geste der Fairness als würdiger Abschluss eines emotionalen und äußerst unterhaltsamen Abends.
Trotz 13 Gegentoren in nur drei Spielen sind die Portugiesen weiter im Rennen und treffen am Sonntag im Viertelfinale auf Spanien.
"Es wird ein völlig anderes Spiel als das Finale der Europameisterschaft", sagt Trainer Violante. "Die Spanier werden auf Rache aus sein – aber wir werden dagegen halten und versuchen, sie zu schlagen."
In den ersten Begegnungen des Tages standen drei Teams, die sich alle noch für die nächste Runde qualifizieren konnten. Dank vier Punkten aus den ersten beiden Spielen war Brasilien praktisch schon so gut wie im Viertelfinale, wogegen Jemen und Sierra Leone jeweils unbedingt einen Sieg und fremde Hilfe brauchten, um weiter im Turnier zu bleiben. 
Einen Augenblick lang – als eine große, strahlende Sonne etwa ab der 60. Spielminute über dem Stadion von Lahti stand – sah es so aus, als ob Sierra Leone sich ein weiteres Mal einen Platz im Lostopf sichern könnte:  Stürmer Obi Metzeger überwand Koreas Keeper Cha Ki Seok mit einem Schuss aus 25 Metern und brachte mit diesem Treffer (seinem zweiten in der Partie) den Spielstand auf 2:1 für sein Team.
Aber Trainer Yoon Deok Yongs Mannschaft war fest entschlossen, nicht ein drittes Mal eine Führung aus der Hand zu geben: Nach dem 2:2-Ausgleich durch Yang Dong Hyen erzielte Lee Yong Rae den Treffer zum 3:2 für die jungen Taeguk Warriors – und damit dem einzigen Sieg einer asiatischen Mannschaft bei dieser U-17-Weltmeisterschaft.
Korea-Sierra Leone auf des Messers Schneide
"Uns fehlt gegen Spielende einfach die Disziplin", beklagte sich Musa Kallon, Coach von Sierra Leone. "Dafür haben wir in allen drei Spielen büßen müssen, und zwar in Form von Gegentoren. Wir hatten gute Chancen, die vollen neun Punkte einzufahren – und ein Sieg wäre wirklich das Mindeste gewesen."
Die Rückreise antreten
Zur gleichen Zeit kam Brasilien in Tampere zu einem nie gefährdeten Sieg gegen Jemen – spätestens nach dem dritten Tor durch Arouca war der Widerstand der kampfeslustigen Mannschaft von der arabischen Halbinsel endgültig gebrochen. Doch die jungen Jemeniten haben sich bei ihrem Debüt in einem FIFA-Turnier achtbar aus der Affäre gezogen und können mit erhobenem Kopf die lange Rückreise antreten.
Im zweiten Spiel der Gruppe D entschied John Ellinger sich wie erwartet dagegen, den mit zwei Gelben Karten belasteten Freddy Adu in der Startformation zu bringen – und das Fehlen des amerikanischen Glücksbringers schien den Spielfluss der USA zu lähmen. Der spanische Trainer Juan Santisteban konnte dagegen mit dem quirligen Sisi auf der rechten und dem frisch gebackenen Hattrick-Schützen Silva auf der linken Seite ein sehr ausgewogenes Team aufbieten, das die U.S.-Boys von Anfang an unter Druck setzte. Ein Tor in jeder Halbzeit (von Jurado bzw. Cesc) genügte den eindrucksvoll auftrumpfenden Iberern zum Sieg – obwohl Santistebans Nerven dank eines Platzverweises für Silva auch diesmal wieder auf eine harte Probe gestellt wurden: Der zuvor noch als Held gefeierte Spieler aus Valencia musste nach einer überharten Attacke gegen Ende der ersten Hälfte vom Feld und wird seiner Mannschaft im Viertelfinale fehlen.
Spanien dank Sieg über glanzlose U.S.-Boys Gruppenerster
Mit diesem ereignisreichen Spieltag endete die außergewöhnlich hochklassige Gruppenphase der FIFA U-17-Weltmeisterschaft. Während für einige Jungstars das Turnier jetzt erst richtig losgeht, müssen andere die Rückreise antreten – aber nach ihren großartigen Leistungen in Finnland dürften wir sie in nicht allzu langer Zeit auf einer noch größeren internationalen Bühne wiedersehen.

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