FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft Aserbaidschan 2012

FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft Aserbaidschan 2012

22 September - 13 Oktober

FIFA U-17 Frauen-Weltmeisterschaft 2012

Raith: "Bei weniger als Null angefangen"

Sissy Raith - Headcoach of Azerbaijan (U-17 Women)
© LOC

Knapp zweieinhalb Jahre hatte Silvia "Sissy" Raith Zeit, die Fussball-Juniorinnen Aserbaidschans auf die FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft, die am 22. September im eigenen Land beginnt, vorzubereiten. Der Weg dorthin war steinig.

Als die 58-malige deutsche Nationalspielerin und zweimalige Europameisterin im Mai 2010 ihre neue Aufgabe übernahm, musste sie bei Null anfangen. Ligen? Fehlanzeige. Spielerinnen? Nicht vorhanden.

"Eigentlich habe ich bei weniger als Null angefangen, da die Mädchen auch nichts von Fussball verstanden haben. Sie haben sich vielleicht mal das eine oder andere Spiel im Fernsehen angeschaut, aber selbst nicht Fussball gespielt", so Raith im Exklusiv-Interview mit FIFA.com. "Wir sind erst einmal durch's Land gefahren und haben nach fussballtalentierten und interessierten Mädchen gesucht."

"Da war nichts, gar nichts"Die 52-Jährige erinnert sich an die ersten Schritte: "Wir haben Schulen und Lehrer angesprochen und gefragt: Wo gibt es im Sportunterricht Fussball? Wo gibt es das eine oder andere Mädchen, das mal im Training mitmacht? Es wurde ein Rundruf gestartet und dabei kam heraus, dass es hier und da Mädchen gab, die interessiert sind und bei denen es auch die Eltern erlauben."

Doch Interesse allein reichte nicht aus, um sich für die Nationalelf Aserbaidschans zu empfehlen. Mit einem kleinen Team reiste Raith in die entlegensten Winkel des Landes und führte dort Trainingseinheiten durch, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

"Durch das Training mussten wir schauen, wo wir ein bisschen Talent und die körperliche Voraussetzung sehen. Wenn beides vorhanden war, haben wir die Mädchen eingeladen. Zum ersten Lehrgang habe ich 50 Mädchen eingeladen, letztendlich sind 34 gekommen", beschreibt die Trainerin ihre ersten Erfolge auf der Suche nach Talenten, die sich als äußerst schwierig herausstellte.

"Das ist nicht ganz einfach, da es in den Genen nicht verankert ist. Aserbaidschan hat zum Beispiel gute Schachspieler oder Einzelsportler wie Ringer oder Taekwondoins. Aber Mannschaftssportarten, insbesondere Ballsportarten, sind eher weniger vorhanden, speziell für Mädchen. Vor zwei Jahren war da nichts, gar nichts."

Als Pionierin nach AserbaidschanIhr Können als Fussball-Lehrerin stellte die ehemalige deutsche Nationalspielerin bereits von 2002 bis 2008 beim Frauen-Bundesligisten Bayern München unter Beweis, 2009 trainierte sie die Bezirksoberliga-Herrenmannschaft des TSV Eching, ihrem Heimatverein, und führte diese in die Landesliga. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Wahl des Aserbaidschanischen Fussballverbandes auf "Sissy" Raith fiel.

"Den Ausschlag für Aserbaidschan hat die Aufgabe gegeben, die mir der Generalsekretär beschrieben hat. Er hat mich in München besucht. Es war so verrückt, wie er mir das beschrieben hat, dass sie den Zuschlag für die U-17-WM bekommen haben, aber keine Liga haben, keinen Mädchenfussball, nichts. Da habe ich mir gedacht: Das passt zu mir. Das ist so verrückt, das muss ich annehmen", erklärt sie ihre Entscheidung.

Seit diesem ersten Treffen hat Raith sehr viel für den Mädchenfussball in Aserbaidschan erreicht. In dieser relativ kurzen Zeit wurden eine U-17- und später eine U-15-Liga gegründet, eine U-17-Frauen-Nationalmannschaft geformt. Dass ihr Team bei der Heim-WM allerdings zu den absoluten Außenseitern zählt, dessen ist sich die sympathische Bayerin bewusst.

Hoffen auf ein kleines Wunder"Wir haben es mit den 15 besten Mannschaften der Welt zu tun, und wir sind gegen jeden Gegner Außenseiter. Spätestens wenn man den Hintergrund zum aserbaidschanischen Frauenfussball kennt, dann weiß man das. Wenn wir am 22. September [Anm. d. Red.: gegen Kolumbien] erfolgreich spielen wollen, dann muss bei uns alles passen."

"Wir müssen über uns hinauswachsen und von den Zuschauern getragen werden. Wir brauchen natürlich auch eine große Portion Glück, damit wir dieses Spiel am Ende mit einem positiven Ergebnis beenden können. Nigeria und Kanada sind richtige Brocken. Sie werden uns auch schon körperlich überlegen sein. Da brauchen wir schon ein kleines Wunder, damit wir gegen diese Mannschaften bestehen können. Aber es gibt ja immer diese kleinen Fussballwunder. Man wird sehen", blickt Raith auf die Endrunde.

Bis zum WM-Auftakt sind es nur noch wenige Tage, und die Vorfreude bei Raith, aber auch im ganzen Land, wächst kontinuierlich. "Hier wird ein richtiger Hype gemacht. Es wird hier drei Wochen lang ein Fest geben. Ein Fest, das es so vielleicht noch nie bei einer U-17-Weltmeisterschaft gegeben hat. Die Stadt wird sich, wie man so schön sagt, herausputzen. Die Menschen die nach Baku oder Aserbaidschan kommen, werden begeistert sein. Da bin ich mir sicher. Und darauf freue ich mich."

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