FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft Trinidad und Tobago 2010

13 November - 1 Dezember

FIFA U-17 Frauen-Weltmeisterschaft 2010

Eine Ansichtskarte aus Tobago

© FIFA.com

Sowohl im Radio als auch an den Straßenecken, den Stränden, den Dorfläden und an den Fischerbuchten fand die FIFA U-17-Frauen-Weltmeisterschaft regen Anklang. Auf der kleineren der beiden Inseln, die Trinidad und Tobago bilden, waren das Turnier und seine Ergebnisse bestimmendes Gesprächsthema. Die Einwohner Tobagos, die oftmals vom vergleichbar großen und wirtschaftlich stärkeren Nachbarn aus Trinidad aufs Korn genommen werden, haben mit ihrem Lebensrhythmus, ihrer lässigen Art und dem unnachahmlichen Humor dem Turnier ihren ganz besonderen Stempel aufgedrückt.

"Was hat er gesagt? Und was ist mit Tobago?" fragte eine aufgewühlte Frauenstimme am ersten Spieltag in der Menge, als der Stadionsprecher das Ergebnis aus Port of Spain mit "Trinidad – Chile 2:1" durchgab. Die ganz in Rot gekleidete Frau aus Tobago wütete wie ein karibischer Hurrikan der Kategorie vier und ließ sich einfach nicht besänftigen. "Das heißt Trinidad und Tobago *und nicht nur Trinidad! Das ist *unsere Mannschaft!" Ähnliche Fehler haben sich am nächsten Tag im Dwight-Yorke-Stadion, welches nach dem Lieblingskind des kleinen Inselstaates benannt ist, der 1999 in Reihen von Manchester United das Triple feierte, indes nicht mehr ereignet. Trinidad mag vielleicht die Industrieanlagen, die Nachtklubs, die feinen Restaurants und die großen Fussballvereine haben, doch Tobago kontert mit der natürlichen Schönheit, einer ansteckenden Lässigkeit und Dwight Yorke, der immer wieder in seine Heimatstadt Canaan im Außenbezirk von Scarborough zurückkehrt.

"Die Deutschen sind richtige Monster", urteilt der Taxifahrer William zu den Spielen auf der Insel, die er noch nie in seinem Leben verlassen hat. "Gegen Südafrika haben die ganze zehn Tore geschossen. Das ist eine ganz andere Liga." Die Kunde von den überragenden Auftritten der Deutschen und den beiden Siegen auf dem Weg zum Gewinn der Gruppe B hat auf der ganzen Insel die Runde gemacht, sowohl in der Hauptstadt Scarborough als auch im hektischen Alltag des Flughafens von Crown Point. Sogar die Fischer aus der Nähe von Pigeon Point, die mit freiem Oberkörper alle Arten von Meerestieren entschuppen und ausnehmen, waren gedanklich nur beim Turnier. "Mexiko hat ordentlich Prügel bezogen" so das Urteil von Nubian, der immer wieder einen Schluck Guinness Stout nimmt, während er die Barrakudas auf seinem Behelfsgrill wendet.

Zweites FIFA WM-Turnier auf den Inseln
"Tobago ist wie der Himmel, und ich weiß, wovon ich rede", urteilt Horace, der seit über 30 Jahren auf der 176 Quadratkilometer großen Insel ein Taxi fährt. "Ich kann mich noch an die U-17-WM 2001 erinnern. Das war eine tolle Party. Damals haben [Javier] Mascherano und [Fernando] Torres gespielt!", fügt er irgendwo zwischen der abgelegenen Englishman's Bay an der karibischen Küste und dem üppigen Regenwald im Landesinneren hinzu. Dafür, dass es ein dermaßen kleines Land ist, hat Tobago immerhin bereits zwei FIFA-Turniere ausgetragen. Weder damals noch heute hört man ein schlechtes Wort darüber. "Das ist ein fantastischer Ort", befindet Noel King, Trainer der Republik Irland, der zum ersten Mal auf der Insel ist und am letzten Spieltag um den Viertelfinaleinzug spielte. "Das Endspiel sollte hier stattfinden."

Tobago, der Geburtsort der Sunday School – der Musik-, Tanz- und Drinkparty, die jeden Sonntagabend bis in die frühen Morgenstunden in Buccoo stattfindet – steht insbesondere für seine Naturwunder, einladende Buchten und lässige Charaktere, die jedem Touristen gerne zeigen, weshalb sie ihre Heimat so sehr schätzen. "Wir spielen hier jeden Sonntag", so John, der traditionell am Sonntagmorgen am Strand von Bacolet gegen das runde Leder tritt. Und wenn die Badegäste des nahegelegenen Fünf-Sterne-Ressorts versuchen, sie bei ihrem Spiel zu stören, ziehen sie stets den Kürzeren. "Ich sage das dem Hotelmanager", schimpft eine irritierte Italienerin, während sie ihren Liegestuhl hinter sich herzieht. "Sie hat hier keine Regeln aufzustellen", antwortet ein Spieler mit Dreadlocks auf dem improvisierten Spielfeld.

Es gibt eine Tradition auf Tobago, die man als 'Liming' bezeichnet. Es bedeutet so viel, wie abzuhängen, keinen Plan und kein Ziel zu haben. Um so richtig abzuhängen, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Ein Fussball, ein Caribe- oder Stag-Bier, das Meer und ein breites Lächeln. "Warum wir das als 'Liming' bezeichnen?" William lächelt bei seiner Antwort. "Weil es wie eine Limette ist - manchmal süß, manchmal sauer." Die Anforderungen an die Turniere der FIFA sind streng, und die Spieler und Offiziellen meistens angespannt und konzentriert. An diesem Ort waren indes sogar unter den Schiedsrichtern weitaus mehr lächelnde Gesichter als gewöhnlich zu sehen, bevor die Sonne am Abendhimmel des kleinen Austragungsortes mit einem großen Herzen für den Fussball und das Leben im Meer versank.

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