Lingor: "Von uns ist noch mehr zu erwarten"

Zweifache Weltmeisterin, dreifache Europameisterin, drei UEFA-Pokal-Siege und sieben deutsche Meistertitel - der Trophäenschrank im Haus von Renate Lingor ist voll. Doch für einen ganz bestimmten Titel würde die 32-Jährige gerne noch ein bisschen Platz machen: Olympisches Gold.

Dreimal hat sie es mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft probiert, dreimal hat es nicht geklappt. Beim vierten Mal soll alles anders werden. FIFA.com sprach mit der Spielmacherin des amtierenden Weltmeisters, die nach dem Turnier in der VR China ihre lange Karriere nach über 140 Länderspielen beendet wird.

Wie waren Sie zufrieden mit dem Auftakt gegen Brasilien?
Insgesamt war ich schon zufrieden. Es war das erste Spiel im neuen Turnier und Brasilien ist kein einfacher Gegner. Die hatten auch ihre Probleme, die wir aber nicht ausnutzen konnten. Ich denke, das Unentschieden geht am Ende in Ordnung.

Wie schätzen Sie die nächsten beiden Gegner Nigeria und Korea DVR ein?
Wir haben ja im Vorfeld nicht umsonst gesagt, dass es in unseren Augen die schwerster Gruppe ist. Man darf Nigeria absolut nicht unterschätzen. Sie spielen sehr robust und sind laufstark. Gegen Korea haben wir letztes Jahr bei der WM schon gespielt - das war ein Schlüsselspiel und wird hier nicht anders sein. Wir haben erst einen Punkt, deshalb sind die nächsten beiden Spiele sehr wichtig. Aber wir müssen uns noch steigern, das erste Spiel war noch nicht die Leistung, die wir bringen können. In den nächsten Spiel st von uns noch mehr zu erwarten.

Überrascht Sie die Niederlage der USA gegen Norwegen?
Die USA hat ja nicht gegen irgendeinen Gegner verloren. Das war ein sehr starkes Auftaktspiel und ich habe Norwegen von Beginn an zu den Favoriten gezählt. Ich zähle auch die USA weiterhin zu den Favoriten. Da ist noch nichts verloren.

Das sind Ihre vierten Olympischen Spiele. Was macht den Reiz von Olympia aus?
Es fängt schon bei der Einkleidung an und dass man gemeinsam mit anderen Athleten um Medaillen kämpft. Das besondere werden wir aber erst ab dem Halbfinale erleben, wenn wir nach Peking ziehen. Deswegen ist es wichtig, dass wir das schaffen. Ich weiß, wie schön es ist, im Olympischen Dorf zu sein, und Sportler des eigene Landes oder auch anderer Nationen zu treffen.

Sie waren lange verletzt. Wie stark hat der Wille, an Olympia teilzunehmen, bei der Genesung geholfen?
Das hat sehr geholfen. Ich wusste ja, dass es meine letzte Saison werden wird. Aber man will die Karriere ja nicht damit beenden, dass man vom Platz getragen wird, sondern man möchte schon noch selbst vom Feld gehen. Ich wollte bei Olympia unbedingt spielen und für mich war sehr schnell klar, dass ich das - koste es, was es wolle - schaffen wollte. Das war für die Heilung und Rehabilitation die größte Motivation.

War die Frauen-WM 2011 kein Thema mehr für Sie, die Karriere dann mit 35 im eigenen Land zu beenden?
Die WM im eigenen Land ist das schönste, was man erleben kann, das ist etwas ganz Besonderes. Aber ich denke nicht, dass ich der Mannschaft viel helfen würde. Wir haben starken Nachwuchs und ich glaube, es in an der Zeit, den jungen Spielern dies jetzt zu ermöglichen.

Sie haben nahezu alle Titel gewonnen, nur Olympisches Gold fehlt noch...
...das wäre ja jetzt meine letzte Chance [lacht]. Ich kann auf eine schöne Karriere zurückblicken und werde alles dafür tun, dass wir letztendlich oben stehen. Es ist eine zusätzliche Motivation.

Sie spielen seit 1995 in der Nationalmannschaft. Was hat sich in Ihren Augen im Frauenfussball in dieser Zeit verändert?
Das Spiel ist viel schneller geworden, das Niveau ist gestiegen und die Breite bei den Nationen ist größer geworden. Früher waren es fast immer die gleichen, die Titel geholt haben, inzwischen rücken auch kleinere Länder nach, wie zum Beispiel England, gegen die wir uns schwer getan haben. Aber auch Korea ist im kommen.

Und auf Deutschland bezogen?
Ein wichtiger Punkt ist die Frauen-Bundesliga, die noch professioneller werden muss. In der Nationalmannschaft sind wir im Vergleich zu anderen Nationen schon sehr weit. Das Niveau der einzelnen Mannschaften muss gleich sein. Momentan haben wir drei Topteams, dann ein bisschen Mittelfeld, doch die Mannschaften der zweiten Liga haben nach dem Aufstieg sehr schwer, und steigen meist wieder ab. Zudem wäre es wichtig, dass auch kleinere Vereine ihre Spielerinnen auch halten können. Wenn hier das Umfeld gegeben wäre, dann würde sich auch hier die Breite verbessern.

Wie wichtig ist die FIFA Frauen-WM 2011 für den deutschen Frauenfussball?
Enorm wichtig. Das Potenzial und das Interesse im Mädchenfussball ist unumstritten da. Immer mehr Mädchen fangen an, Fussball zu spielen, es gibt immer mehr Vereine. Langfristig müssen wir eine breite Masse haben, die weiter gefördert werden kann. Die WM kann perfekt genutzt werden, um den Frauenfussball weiterhin populär zu machen und nach oben zu bringen.