Die Rückkehr einer Legende

Wenn Erfahrung etwas zählt, dann hätte die VR China keinen besseren Trainer für die Frauen-Nationalmannschaft finden können als Shang Ruihua. 17 Jahre nachdem er die Chinesinnen bis ins Viertelfinale der ersten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft im Jahr 1991 geführt hatte, übernahm der 63-Jährige erneut das Amt des Nationaltrainers. Diesmal soll er mit der Mannschaft bei den Olympischen Spielen im August für Erfolge sorgen.

Shang, der jene chinesische Mannschaft formte, die bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta und 1999 bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft jeweils den zweiten Platz belegt hatte, gilt in seiner Heimat als lebende Legende des chinesischen Frauenfussballs. FIFA.com sprach mit ihm vor kurzem über seine Ernennung zum Nachfolger von Elisabeth Loisel, über die Perspektiven seiner Mannschaft und über seine Pläne bezüglich der Vorbereitung der Spielerinnen auf das Großereignis in Peking.

Sie sind nun in jenes Amt zurückgekehrt, das sie bereits vor 17 Jahren bekleidet haben. Ist das ein aufregender Augenblick für Sie?
Ich würde nicht gerade von aufregend sprechen, aber es ist immer eine große Ehre, seinem Land zu dienen. Ich denke nur an das Engagement und an die große Verantwortung, das Team wieder nach oben zu bringen.

Ihre zweite Amtszeit als Nationaltrainer war die Folge des enttäuschenden Abschneidens bei der letzten Ostasien-Meisterschaft und beim Algarve Cup, wo die VR China nur Viertletzter von zwölf teilnehmenden Teams wurde. Es hat den Anschein, als würde eine große Herausforderung auf Sie warten...
Ja, das ist richtig. Zurzeit macht die Mannschaft eine sehr schwierige Phase durch. Doch ich bin bereits sehr lange als Trainer tätig und ich bin überzeugt, dass wir das Potential haben, es mit den besten Teams der Welt aufzunehmen. Die Mannschaft musste bei den jüngsten regionalen und internationalen Turnieren zahlreiche Rückschläge einstecken, doch diese Ergebnisse spiegeln nicht die tatsächliche Stärke der Mannschaft wider. Sie hätte aufgrund Ihres Potentials viel mehr erreichen können.

Was wird Ihre erste Aufgabe sein?
Zunächst muss ich das Selbstvertrauen der Mannschaft wieder aufbauen. Um dies zu erreichen, müssen wir alles Erdenkliche tun, damit die Mannschaft wieder an einem Strang zieht. Wir müssen all diese negativen Erfahrungen aus unseren Köpfen bringen und wieder Zuversicht einkehren lassen. Was die Taktik betrifft, so geht es hier in erster Linie um Teamarbeit. Die Mannschaft muss sich als Einheit präsentieren.

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem heutigen Frauenfussball und jenem von vor 17 Jahren, als Sie zum ersten Mal die Nationalmannschaft trainierten?
Die Qualität ist deutlich besser geworden - nicht zuletzt deshalb, weil es heute eine viel breitere Basis gibt, aus der wir Spielerinnen in die Nationalmannschaft holen können. Heute spielen viel mehr Mädchen Fussball als damals; es gibt mittlerweile 60 Mannschaften unterschiedlicher Altersstufen, einschließlich U-16 und U-18. Anfang der 90er Jahre wechselten viele Spielerinnen zum Fussball, nachdem sie bereits in anderen Sportarten Erfolge gefeiert hatten. Durch ihre athletischen Fähigkeiten wurden sie innerhalb kürzester Zeit zu guten Fussballspielerinnen. Es war also kein Zufall, dass wir plötzlich Weltklasse-Spielerinnen wie Sun Wen und Liu Ailing hervorgebracht haben.

Sind Sie der Meinung, dass es dem chinesischen Fussball heute an talentierten Spielerinnen mangelt?
Heutzutage beginnen die Mädchen viel früher Fussball zu spielen; zudem erhalten Sie auch eine gute Grundausbildung. Ihre Schwachpunkte sind jedoch die Physis und die Athletik - in diesen beiden Bereichen müssen sie sich durch harte Arbeit und Spezialtraining deutlich steigern.

Bei der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft Russland 2006 wurden Sie mit ihrer Mannschaft Vize-Weltmeister.Wie viele Spielerinnen aus dieser Mannschaft werden Sie nun in die A-Nationalmannschaft berufen?
In der aktuellen Mannschaft sind acht Spielerinnen von damals mit dabei, aber ich werde die Youngsters weiterhin beobachten. Wenn Sie sich im Training und in Testspielen bewähren, können Sie durchaus noch den Sprung in die Olympia-Mannschaft schaffen.

Wie bereiten Sie das Team auf die Olympischen Spiele vor?
Wir werden eine Reihe von Trainingslagern absolvieren, unter anderem vom 1. bis 8. Mai in den Niederlanden, wo auch ein paar Testspiele gegen örtliche Teams auf dem Programm stehen. Auch der Asien-Pokal der Frauen (28. Mai bis 8. Juni) stellt eine großartige Gelegenheit dar, Spielerinnen und Formationen angesichts der bevorstehenden Olympischen Spiele zu testen.