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Montag, 23. September 2019, Mailand

FIFA Ballon d'Or

Neuer und der einsame Weg der Torhüter

© Getty Images

Ein ehrfürchtiges Raunen ertönte. Szenenapplaus der gegnerischen Fans folgte. Soeben hatte Rafinha seinen eigenen Keeper mit einem verunglückten Rückpass herausgefordert, dieser verlängerte den Ball als letzter Mann dennoch akrobatisch, aus der Luft und mit der Hacke perfekt zu Xabi Alonso. Mehr als 50.000 Zuschauer in der ausverkauften Frankfurter Arena waren begeistert. Für Bayern München hieß es am Ende 4:0, Gareth Bale zollte Respekt via Twitter. Und die Fussballwelt hatte am vergangenen Samstag eine Bestätigung mehr, dass seit geraumer Zeit ein ganz spezielles Exemplar der Gattung Torhüter seine Magie zum Besten gibt. Es handelt sich um Manuel Neuer.

In Brasilien sorgte der 28-Jährige am Fließband für ähnliche Gänsehautmomente. Die deutsche Mannschaft gewann die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ dank ihres offensiven, kombinationsfreudigen und im Kollektiv fast fehlerfreien Spiels, aber ihre Nummer 1 stach dennoch heraus. Vor allem erwies sich Neuers Timing als zu perfekt und seine fussballerische Fertigkeit als zu gut, womit er in unzähligen Situationen als elfter Feldspieler gegnerische Angriffe abfing oder den eigenen Spielaufbau verlagerte. Genau deshalb wird der blonde Hüne als Kandidat auf den Gewinn des FIFA Ballon d'Or 2014 gehandelt. Aber wird es ein Torwart überhaupt jemals schaffen, diese Auszeichnung im Männerfussball zu gewinnen?

* Welt der Torhüter "in Schwarz und Weiß"*Immerhin hat eine Landsmännin Neuer vorgemacht, wie es geht. "Ganz ehrlich: Ich gehe nicht davon aus, dass ich die Wahl gewinnen werde. Alles andere würde mich überraschen, gerade als Torhüterin", sagte Nadine Angerer vor ziemlich genau einem Jahr, um einige Wochen später eines Besseren belehrt und als erste Keeperin zur FIFA Weltfussballerin des Jahres gekürt zu werden. Bei den Männern war es neben dem legendären Lev Yashin, der 1963 als Europas Fussballer des Jahres ausgezeichnet wurde, ebenfalls ein Deutscher, der bislang am nächsten dran war: Oliver Kahn wurde bei der WM 2002 in Korea/Japan mit dem Goldenen Ball von adidas als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet, musste sich sechs Monate später bei der Wahl zum Weltfussballer des Jahres als Zweiter jedoch Ronaldo geschlagen geben. Der heute 45-Jährige wusste schon damals, warum es für Keeper ganz besonders schwer ist, zu Ruhm und Ehre zu kommen.

"Für einen Torwart ist die Welt in Schwarz und Weiß unterteilt", so Kahn im FIFA.com-Interview: "Manchmal muss man nur einen Schuss abwehren. Wenn der dann reingeht, steht man natürlich dumm da. Ein anderes Mal muss man dann drei oder vier Schüsse abwehren und jeder sagt, man sei weltklasse. Da stimmt das Verhältnis nicht." Neuer wird diese Achterbahn der Gefühle sicherlich ebenso gut kennen wie der Belgier Thibaut Courtois. Sie sind die einzigen beiden Keeper auf der Liste der 23 Nominierten für den FIFA Ballon d'Or 2014. Am 12. Januar 2015 wird im Rahmen der Gala im Kongresshaus Zürich bekanntgegeben, wen die Spielführer und Cheftrainer der Männer-Nationalteams sowie von France Football ausgewählte internationale Medienvertreter gewählt haben werden.

Gleiche Blickwinkel, unterschiedliche MeinungenBei den Schlussmännern sorgt der bisweilen steinigere Weg zu Anerkennung nicht selten für Frust. Der ehemalige Nationalkeeper Costa Ricas und heutige Torwarttrainer der Ticos, Luis Gabelo Conejo, betont im Gespräch mit FIFA.com, dass sich etwas ändern müsse. "Die Frage ist doch auch: Warum kostet ein Torhüter nicht genauso viel wie ein Stürmer? Das ist eine Situation, die wir verbessern müssen. Jede Position sollte als so wichtig betrachtet werden, wie sie auch tatsächlich ist", so der 54-Jährige am Rande eines Torwarttrainer-Seminars im Home of FIFA in Zürich.

Conejo fügt hinzu: "Der Held ist immer der, der das Tor schießt. Wenn der Torhüter 30 Mal herausgefordert wird und 29 Mal spektakulär hält, aber ein Gegentor kassiert und man das Gefühl hat, er hätte es verhindern können, ist er der Sündenbock. Und niemand wird die anderen 29 Paraden, die er gemacht hat, in Betracht ziehen." Deshalb hat der erfahrene Costa-Ricaner, der bei der WM 1990 im Tor stand, eine einfache Erklärung: "Das Gleiche ist bei Nominierungen der Fall. Es ist selten, einen Torwart als Kandidaten zu sehen, denn das Glück kommt mit den erzielten Toren, nicht mit denjenigen, die sie kassieren."

Die Meinungen sind vielfältig. Österreichs Ex-Nationalkeeper Franz Wohlfahrt, mittlerweile ebenfalls seit vielen Jahren Torwarttrainer der Auswahl seines Heimatlandes, sagt auf FIFA.com-Nachfrage: "Natürlich ist es schwieriger [für einen Keeper, den Ballon d'Or gewinnen], weil es so viele Feldspieler gibt, die seine Konkurrenten sind. Ich glaube, es wäre okay, wenn es zwei Wertungen gäbe. Man kann das Torwartspiel nicht mit dem eines Feldspielers vergleichen. Das ist ein klarer Unterschied." Deshalb trainiere man auch unterschiedlich, so der 50-Jährige, und es "ist irgendwie ein anderer Sport".

Großes Lob von allen SeitenOhne Zweifel: Es wird diesmal vermutlich sehr spannend in der Frage, ob Neuer oder Courtois so namhafte Feldspieler wie Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, Zlatan Ibrahimovic, Neymar und Co. ausstechen können. Der ukrainische Ex-Weltklassestürmer Andriy Shevchenko, seines Zeichens Dritter bei der Weltfussballer-Wahl 2004, plädierte kürzlich öffentlich für Neuer. Und er steht damit nicht alleine da. "Natürlich wäre es verdient. Er hat das Torwartspiel auf ein anderes Niveau gehoben. Nicht nur durch die Leistungen, die er gezeigt hat, sondern auch durch die Art und Weise, wie er das Spiel interpretiert. Das war bei der WM schon sehr beeindruckend. Wer Weltmeister ist, hat bei dieser Wahl immer ganz, ganz große Chancen, vorne dabei zu sein", wird Kahn vom SID zitiert.

Bundestrainer Joachim Löw glaubt gar, dass Neuer das Torwartspiel revolutioniert hat: "Wir hatten mit dem Torhüter einen elften Feldspieler [bei der WM 2014]. Ich glaube, dass Manuel da für einen Wandel im Weltfussball sorgt." Und die beiden ehemaligen deutschen Nationaltorhüter Jens Lehmann und Bodo Illgner brachten in exklusiven FIFA.com-Interviews ebenfalls ihre Begeisterung über die starken Leistungen des gebürtigen Gelsenkircheners zum Ausdruck. "Manuel ist fraglos der beste Torwart aktuell, weil er mutig ist und mitspielt. Ich bin damals in England für diese Spielweise als verrückt erklärt worden. Deshalb ist es jetzt schön zu sehen, dass er das so toll spielt", erklärte Lehmann. "Er ist absolut komplett. Er ist zwischen den Pfosten stark, beim Herauskommen stark, hervorragend mit dem Fuß und spielt super hinter der Abwehr mit. Er hat schlichtweg keine Schwächen", fügte Illgner hinzu.

Vor allem aber sei es die von ihm ausgestrahlte Sicherheit, die ihn für seine eigene Mannschaft so wertvoll macht, glaubt Andreas Köpke. Der deutsche Ex-Nationalkeeper und heutige DFB-Torwarttrainer sagte unmittelbar nach dem 2:1-Sieg nach Verlängerung im WM-Achtelfinale in Porto Alegre gegen Algerien im FIFA.com-Gespräch voller Begeisterung: "Es war genau dieses Mitspielen und Antizipieren, das gefragt war. Er findet da richtig Spaß dran - und das merkt man auch. Trotzdem ist man außen nicht unruhig, wenn er am Ball ist, weil man die Gewissheit hat, dass Manuel genau weiß, was er tut." Noch heute denken Deutschlands Fussball-Fans mit gemischten Gefühlen an das Duell mit den starken Nordafrikanern zurück. Sie wissen genau, dass sie das Weiterkommen an diesem Abend vor allem Neuer, der zahlreiche Male spektakulär und außerhalb seines eigenen Strafraums in letzter Sekunde einen Rückstand verhinderte, verdanken konnten. 

Eine neue Dimension des TorwartspielsNeuer selbst sieht sein Spiel dagegen in der für ihn typischen Lockerheit. "Es ist wichtig, dass meine Vorderleute wissen, dass ich da bin. Es ist einfach eine Vertrauensgeschichte, und es sind Automatismen, die zwischen der Abwehr und mir greifen", erklärte er bei der WM in Brasilien gegenüber FIFA.com. Wenige Monate später ergänzte der Vorzeige-Torhüter in einem Interview mit The FIFA Weekly: "Das Aufgabenspektrum, das sich mir stellt, ist nicht immer einfach zu bewältigen. Über die an mich gerichteten Ansprüche aber mache ich mir keine großen Gedanken. Ich versuche, den Ansprüchen an mich selbst gerecht zu werden. Außerdem weiß ich, dass mir hier und da auch mal Fehler unterlaufen können. Bester Torhüter der Welt? Das wird immer mal wieder geschrieben, doch ich selbst sage das nie."

Immerhin: Er glaubt, er habe in Spielen mehr Kontakte mit den Füßen als mit den Händen. Und er sagt, als Feldspieler würde er sich die vierte Liga in Deutschland zutrauen. Während der WM in Brasilien verzeichnete der Castrol Index auf FIFA.com bei Neuer erstaunliche 244 angekommene Pässe und eine zurückgelegte Distanz von 38,5 Kilometern. Ob das alles reicht, um die höchste individuelle Auszeichnung im Weltfussball zu erhalten und damit der erst zweite Deutsche nach Lothar Matthäus zu werden, dem diese Ehre zuteil wird? "Ich weiß das ja aus eigener Erfahrung: Man hat bei dieser Wahl Hemmungen, einen Torwart zu wählen, denn es heißt ja schließlich Weltfussballer", sagt Kahn. "Manuel hat aber Chancen, denn er ist ja Fussballer!"

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