Erstmals seit 20 Jahren war im türkischen Pokalfinale 2008 keines der großen vier Teams des Landes vertreten – Galatasaray, Fenerbahçe, Besiktas oder Trabzonspor. Dennoch gab es genügend Gründe zu der Annahme, dass Kayserispor und Gençlerbirligi einen ordentlichen Krimi abliefern würden.

In sieben der letzten acht Entscheidungsspiele hatte es mindestens vier Tore gegeben, einschließlich des 5:3-Erfolgs von Galatasaray gegen Antalyaspor im Jahr 2000 und Besiktas‘ 3:2-Triumph gegen Fenerbahçe sechs Jahre später. Kayserispor war zudem für seinen offensiven Fussball bekannt, seit der ehemalige Trainer Tamer Kaptan den von Rinus Michels in den 70er Jahren geprägten Stil des "totalen Fussballs" übernahm. Gençlerbirligi wiederum war berüchtigt dafür, häufig sowohl Kantersiege als auch deftige Niederlagen zu erleben. Und beide Mannschaften stellten eine offensiv ausgerichtete Startelf auf den Platz.

Im Vorfeld des Spiels wurde vor allem über Gençlerbirligis brasilianischen Stürmer Kahe und Kayserispors argentinischen Spielmacher Franco Cangele gesprochen, doch zwei andere Gastarbeiter sollten ihnen die Show stehlen. Der chilenische Torhüter des Klubs aus Ankara, Nicolas Peric, erwies sich als unüberwindbar, während sein Gegenüber aus Kayseri, der bulgarische Schlussmann Dimitar Ivankov, ebenfalls eine Reihe von starken Paraden zeigte, unter anderem eine akrobatische Rettungstat gegen Kahe. So endete die Partie torlos und das Elfmeterschießen musste entscheiden, ob Gençlerbirligi in seinem fünften Finale zum dritten Mal den Pokal gewinnen oder ob Kayserispor den Pott gleich im ersten Anlauf erobern würde.

Elfmeterschütze und -töter
Im ersten Versuch kam es zum direkten Duell der Torhüter. Auf dem Weg zum Strafraum lieferten sich Peric und Ivankov bereits ein Wortgeplänkel. Und als der Chilene mit dem Spitznamen El Loco (der Verrückte) sich zwischen die Pfosten stellte, versuchte er den Schützen abzulenken, indem er vor seinen Augen Dehnübungen machte und an der Querlatte baumelte. Doch dies blieb ohne Wirkung auf Ivankov, der seine Augen immer geschlossen hielt, bevor er seinen Anlauf startete – unbeeindruckt netzte er zum 1:0 für Kayserispor ein. Anschließend glich Mehmet Cakir aus, bevor beide Teams jeweils ihren zweiten Versuch trafen, den dritten vergaben und die nächsten drei verwandelten.

Beim Stande von 5:5 im Sudden Death scheiterte Kayserispors österreichischer Allrounder Turgay Bahadir an Peric, so dass sich dem Ägypter Abdel Zaher El-Saqua die große Chance präsentierte, die Entscheidung zugunsten von Gençlerbirligi herbeizuführen. Doch mit einer spektakulären einhändigen Parade machte Ivankov die Chance zunichte.

Die folgenden zehn Elfmeter wurden allesamt erfolgreich verwandelt, Ivankov markierte sogar einen zweiten Treffer. Dann schritt Kayserispors Mittelfeldakteur Alioum Saidou zum Punkt, und auf dem langen, einsamen Weg vom Mittelkreis zum Strafraum marterte ihn die Erinnerung an eine schmerzhafte Sudden-Death-Niederlage in einem Elfmeterschießen. Im Viertelfinale des CAF Afrikanischen Nationen-Pokals 2006 gegen die Elfenbeinküste war es zwar nicht der Kameruner selbst gewesen, der vom Punkt scheiterte, sondern ausgerechnet Samuel Eto’o, der das Spielgerät über das Tor jagte. Diese Chance ließ sich Didier Drogba mit seinem zweiten Versuch aber nicht entgehen und besiegelte den 12:11-Sieg der Ivorer. Saidou hatte Pech und verfehlte das Tor, sehr zur Freude der Spieler von Gençlerbirligi.

Jetzt musste nur noch Ergun Teber gegen seinen ehemaligen Klub und seinen ehemaligen Teamkameraden treffen, und der Verein aus Ankara wäre Pokalsieger. Doch Ivankov parierte auch Tebers Schuss erneut mit einer meisterhaften Reaktion.

Ein unüberwindbares Hindernis
Anschließend schickte Innenverteidiger Aydin Toscali Peric in die falsche Ecke und brachte Kayserispor mit 11:10 in Führung. So lag es in den Händen von Mehmet Cakir, sein Team am Leben zu erhalten. Die Erinnerung an den packenden 17:16-Sieg nach Elfmeterschießen gegen Galatasaray im türkischen Pokal 1996/97 machte ihnen noch Mut. Doch dieses Mal fand Gençlerbirligi in Ivankov seinen Meister, der sich als unüberwindbares Hindernis erwies. Er hechtete in die linke Ecke und wehrte den Ball mit seinem Knie ab.

"Was für eine Leistung", sagte Kayserispors Trainer Tolunay Kafkas über Ivankov. "Er hat alles gemacht. Es war so nervenzerfetzend, sie mussten nur einen Elfmeter verwandeln, um zu gewinnen – zwei Mal! Doch er [Ivankov] hat Nerven aus Stahl."

Zwei Elfmeter zu treffen, hört sich nicht allzu schwer für einen Mann an, der bis heute in regulären Spielen schon 42 Tore erzielte – damit liegt er in der Liste der torgefährlichsten Schlussmänner der Geschichte auf dem dritten Rang hinter Rogerio Ceni und Jose Luis Chilavert. Dies aber in einem spannenden Mammut-Elfmeterschießen zu schaffen, in dem er gleichzeitig vier Versuche entschärfte, das wird es so schnell wohl nicht wieder geben.