Fussballwelt

Pelés Tor, das eine Gedenktafel verdiente

(FIFA.com)
1958, Brazil's young internatiopnal star Pele, portrait
© Getty Images

In Brasilien ist es mittlerweile völlig normal, einen spektakulären Treffer mit der Bezeichnung "Gol de Placa" (Gedenktafeltor) zu belegen. Fast hat es den Anschein, als ob es diesen Begriff immer schon gegeben hätte, als ob er ganz natürlich zu diesem Sport gehört. Doch wie so viele andere Dinge im brasilianischen Fussball hat auch dieser seine Existenz einem ganz bestimmten Mann zu verdanken: Pelé.

Es war vor genau 50 Jahren, am 5. März 1961, als der FC Santos und Fluminense Rio de Janeiro im Maracanã-Stadion im regionalen Rio-São Paulo-Turnier aufeinander trafen. 40 Minuten waren in der ersten Halbzeit bereits verstrichen, und die große Mannschaft von Santos, die in den nächsten beiden Jahren Südamerika-Meister werden und den Weltpokal holen sollte, führte gegen Fluminense dank eines Treffers von Pelé mit 1:0. Dann verhinderte Torhüter Laércio mit einer tollen Parade das Unentschieden. Was anschließend geschah beschrieb die Zeitung "O Globo" am nächsten Tag so:

"Der Ball gelangte zu Dalmo, der ihn am eigenen Strafraum zu Pelé weiterspielte. Dieser kontrollierte kurz das Leder und setzte sich dann wie ein Rennwagen in Bewegung. Er schaltete in den ersten, dann in den zweiten und schließlich in den dritten Gang und stieß vor den erstaunten Augen seiner Gegner bis in deren Strafraum vor. Dort umspielte er Pinheiro, der ihn vergeblich verfolgt hatte, ließ dann einen verzweifelten Jair Marinho ins Leere laufen und bezwang schließlich Castilho mit einem gezielten Schuss, nach dem sich der Torhüter vergeblich streckte. Viele waren so begeistert, dass sie meinten, das Tor hätte eigentlich doppelt zählen müssen. Es war in der Tat so spektakulär, dass das gesamte Publikum aufstand und applaudierte. Selbst die Fans von Fluminense vergaßen für kurze Zeit, welcher Mannschaft ihre Sympathien eigentlich galten und sorgten für Szenen, die man bis dahin im Maracanã-Stadion noch nie gesehen hatte. Die Ovationen dauerten fast zwei Minuten, während Pelé von seinen Mitspielern fast erdrückt wurde."

*"Gol de Placa" – Eine Gedenktafel für das Tor *Der damalige Sportreporter Joelmir Beting, heute einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten Brasiliens, war einer der Zeugen dieses Meisterwerkes von Pelé. Als er in die Redaktion seiner Zeitung **"O Esporte" zurückkehrte, schlug Joelmir der Leitung seines Blattes vor, eine Bronze-Gedenktafel im Maracanã-Stadion anbringen zu lassen und damit das Andenken an diesen wunderbaren Treffer für immer in Erinnerung zu behalten. Der Vorschlag wurde angenommen und Joelmir selbst kümmerte sich um die Angelegenheit. "Ich habe nie ein Tor erzielt, das eine Gedenktafel verdient hätte, aber immerhin habe ich die Tafel anfertigen lassen", erzählt er uns stolz. Einige Tage später weihte Pelé die Gedenktafel ein, auf der Folgendes zu lesen ist: "Auf diesem Platz erzielte Pelé am 05.03.1961 das schönste Tor in der Geschichte des Maracanã-Stadions."

Mittlerweile sind 50 Jahre vergangen, und im größten Stadion Brasiliens sind Tausende schöner Tore erzielt worden, viele von Pelé selbst. Dennoch würden nur wenige an dem zweifeln, was auf der Bronzetafel steht. Der Linksaußen Pepe, nach eigenem Bekunden der Mensch, der die meisten Tor (405) im Trikot von Santos erzielt hat - "Pelé zählt nicht, der ist von einer anderen Welt" - stand während jener Partie gegen Fluminense ebenfalls auf dem Platz und hat keinerlei Zweifel.

"Es war sicherlich das schönste Tor, das ich jemals in diesem Stadion gesehen habe. Der Ball war so unglaublich hart geschossen, dass Castilho, ein außergewöhnlicher Keeper, den Ball nicht einmal kommen sah. Wir anderen haben einfach nur mit offenem Mund zugesehen. Obwohl das bei ihm eigentlich öfters vorkam", erinnert sich Pepe gegenüber FIFA.com. "Das Schlimmste ist ja, dass dieser Mann so viele und so schöne Tore geschossen hat. Es war allerdings nicht das schönste Tor, das ich von ihm gesehen habe. Das schönste war das im Estadio Rua Javari."

Das allerschönste Tor
Pepe bezieht sich auf einen Treffer, den auch *O Rei *als das spektakulärste seiner 1.296 Tore bezeichnet. Am 2. August 1959 in einer Partie der Regionalmeisterschaft von São Paulo lag Santos gegen Juventus bereits mit 2:0 in Führung. Dann, etwa zehn Minuten vor dem Abpfiff, ereignete sich die Szene, die der Protagonist wie folgt beschreibt: "Ich hatte bereits zwei Treffer im Spiel erzielt, aber die Leute hörten nicht auf, mich zu provozieren. Ich sah hoch zur Tribüne und machte eine Geste wie 'Wartet nur ab!' Dann bekam ich den Ball von rechts, ich glaube von Dorval. Dann lupfte ich ihn drei Mal über drei verschiedenen Gegenspieler und köpfte ihn dann ins Tor. Aus den Schmährufen wurde dann Beifall", erinnert sich Pelé, der an jenem Tag zum ersten Mal einen Treffer mit der hoch erhobenen Faust feierte. Diese Geste sollte später zu seinem Markenzeichen werden.

Das Tor im Estadio Rua Javari erhielt zwar keine Tafel, doch wurde 2006 zum Gedenken an diesen Treffer eine Büste für Pelé im Armenviertel Mooca in São Paulo eingeweiht. Es gibt keine Filmaufnahmen von diesem Treffer, auch nicht vom Tor der Gedenktafel im Maracanã-Stadion, was die Bedeutung dieser schlichten Bronzetafel noch mehr unterstreicht. Aber was das damalige Tor wirklich unsterblich macht, ist nicht die Gedenktafel, sondern der Umstand, dass der Treffer Eingang in das brasilianische Fussballvokabular gefunden hat. Wie schon Pepe auf die ihm eigene Art bemerkte: "Wenn man für jedes unglaubliche Tor von Pelé eine Gedenktafel anbringen müsste, gäb es wohl kaum ein Stadion, in dem nicht eine solche Plakette hängen würde."

Empfohlene Artikel