Ballgeflüster

Eigentore, die Geschichte schrieben

(FIFA.com)
Jamie Carragher of Liverpool looks dejected after scoring an own goal
© Getty Images

Kommentatoren sprechen gerne reflexartig von "unglücklichen Eigentoren" - als wenn es auch so etwas wie Eigentore gäbe, über die man sich freut.

Nein, ein Blick in die Gesichter der Unglücksraben genügt eigentlich, um zu erkennen, dass Eigentore zwar manchmal spektakulär, manchmal folgenreich und manchmal amüsant, für die Betroffenen aber so ziemlich das Grausamste am Fussball sind.

Eigentore haben die Geschichte des Fussballs mitgeprägt. Das erste seiner Art fiel - wie sollte es anders sein - im Mutterland des Fussballs und war mithin ein klassisches own-goal. Man schrieb den 8. September 1888, als der Verteidiger Gershom Cox im Spiel gegen Wolverhampton den Ball in die Maschen beförderte - allerdings in die des eigenen Netzes.

Seitdem sind Tausende weiterer Treffer hinzugekommen, die Journalisten ungeachtet der bisweilen weit reichenden Folgen oft lapidar mit "ET" abkürzen. FIFA.com wirft einen Blick zurück auf berühmte Eigentore der Geschichte.

Die "Serientäter"Cox trug seinerzeit das Trikot von Aston Villa, einem Klub, zu dem Eigentore anscheinend gehören wie der Linksverkehr zu England. So war etwa der erste Doppel-Eigentorschütze der Premier League auch ein Lion. Sein Name war Sam Wynne und das Spiel am 6. Oktober 1923 gegen Manchester United.

Davon kann Richard Dunne nur träumen. Denn der hat bislang noch nicht einmal einen Doppelpack geschnürt. Stattdessen ist er seit dem 23. Oktober dieses Jahres und seit der 0:1-Niederlange seiner Mannschaft gegen Sunderland Inhaber eines unrühmlichen Rekords in England. Der Ire hat nämlich die meisten Eigentore überhaupt erzielt, acht an der Zahl. "Einfach vergessen! Das sind Dinge, die im Fussball nun mal passieren", riet ihm sein Trainer Gérard Houllier lakonisch.

Das wird sich Torwart Peter Enckelman schon 2002 gedacht haben. Es war das Derby zwischen Birmingham City und - wieder mal - Aston Villa. Das Besondere daran: Wohl selten ist ein Eigentor aus einer so ungefährlichen Situation heraus entstanden. Aus einer Allerweltsszene machte der Villa-Torhüter eine Lachnummer. Enckelmann wollte einen Einwurf von Olof Mellberg lässig mit dem Fuß stoppen. Die Aktion misslang, der Ball hoppelte ins Netz.

Von Doppelpacks und einem Hattrick
Hinter Dunne rangiert Jamie Carragher in dieser wenig glorreichen Rangliste. Aber immerhin mischt er um die Auszeichnung für das erstaunlichste Eigentor der Geschichte mit. Denn im Derby zwischen den Erzrivalen Liverpool und Everton machte der Verteidiger der Reds, der in der Jugend Fan der Toffees war, ein Eigentor - vom Elfmeterpunkt aus! Zu seiner Verteidigung muss allerdings gesagt werden, dass es sich dabei um ein Benefizspiel handelte.

Weit mehr ins Gewicht fiel da schon sein Doppelpack gegen Manchester United im Jahre 1999. Das Spiel endete nämlich 2:3 und kostete Liverpool wichtige Punkte in der Tabelle. Aber Carragher ist nicht der einzige, dem dieses Malheur unterlaufen ist. Mainz-Verteidiger Nikolce Noveski gelang dieses Kunststück am 19. November 2005 beim 2:2 gegen Eintracht Frankfurt sogar binnen drei Minuten. Und der Tunesier Karim Haggui machte in der Saison 2009/10 zwei von insgesamt sogar drei (!) Eigentoren Hannovers bei der Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach.

Einen Doppelpack der negativen Art schnürte im selben Jahr in der Türkei auch Emre Toraman. Bitter für den defensiven Mittelfeldspieler von Eskisehirspor: Bursaspor gewann mit 2:1. In einem Qualifikationsspiel für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ war es ausgerechnet der georgische Kapitän Kakha Kaladze, dem beim 0:2 just gegen Italien, wo er seit neun Jahren spielt, zwei Eigentore unterliefen. Der bisher einzige Eigentor-Dreierpack ist das Werk des Belgiers Stan Van Den Buijs, so geschehen im Spiel der Jupiler League zwischen Anderlecht und Germinal Ekeren (3:2) in der Saison 1995/96.

Pleiten, Pech und schöne ToreManche Eigentore sind legendär, weil sie einfach sagenhaft grotesk sind. Da wäre etwa das von José Marín, das um die Welt ging. Der Torhüter von Cruz Azul wollte den Ball am 23. Mai 1976 zu einem Mitspieler werfen, schleuderte das Leder aber stattdessen allzu schwungvoll ins eigene Tor. Auch Chris Brass wollte in der Partie Bury - Darlington am 22. April 2006 eigentlich nur retten, schaffte es aber irgendwie, sich den Ball selbst ins Gesicht zu schießen. Ergebnis: Nase kaputt und Eigentor.

Daneben gab es aber auch Eigentore, die das Prädikat "Sonntagsschuss" verdient haben. Das von Helmut Winklhofer zum Beispiel wurde sogar als erstes Eigentor überhaupt zum "Tor des Monats" - und er gleich mit. Im Spiel Uerdingen gegen Bayern München 1985 traf Winklhofer aus satten 35 Metern genau in den Winkel. Besser hätte es auch ein Stürmer nicht machen können. Erstaunlich jedoch ist, dass der Deutsche nicht der einzige ist, dem ein solches Kunststück gelang. Der Franzose Franck Queudrue beispielsweise traf 2001 im Spiel Bastia gegen Lens ebenfalls unhaltbar aus 35 Metern.

Der Argentinier Facundo Quiroga hinterließ in der Apertura 2008 ebenfalls bleibenden Eindruck. Beim 3:3 von River Plate gegen Racing Club gelang dem Ex-Wolfsburger ein formvollendeter Fallrückzieher, gegen den der eigene Torhüter machtlos war. Nachgerade künstlerisch wertvoll ist auch das mit dem Hinterteil erzielte Eigentor des Brasilianers Vitor Hugo anlässlich der Begegnung zwischen Santo Andre und Portuguesa. Und was soll man sagen, wenn Jamie Pollock am 25. April 1998 seinen Gegenspieler perfekt überlupft und dann per Kopf ins eigene Tor trifft, wodurch Gegner Queens Park Rangers in der zweiten Liga bleibt und der eigene Klub in die Drittklassigkeit absteigt?

Entscheidende Eigentore
Unglücklich sind Eigentore eigentlich immer, wichtig aber manchmal auch. Das verdeutlicht allein der Last-Minute-Treffer von John Arne Riise in der letzten Minute des Halbfinals in der UEFA Champions League zwischen Liverpool und Chelsea. Oder der Patzer von Paul Robinson, dem nach einem eigentlich harmlosen Rückpass von Gary Neville gegen Kroatien (0:2) ein Platzfehler zum Verhängnis wurde. Die Three Lions verpassten dadurch die UEFA EURO 2008.

Das erste Eigentor der WM-Geschichte wurde übrigens dem Konto des Mexikaners Manuel Rosas gutgeschrieben. Unterlaufen ist es ihm 1930 in Uruguay gegen Chile. An Felipe Melo ist der Kelch, erster brasilianischer Eigentorschütze in 97 WM-Spielen zu sein, hingegen noch einmal vorbei gegangen: das Tor im Spiel gegen die Niederlande 2010 in Südafrika wurde letztlich Wesley Sneijder zuerkannt.

Dennoch haben Eigentore oftmals die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft geprägt und manches Schicksal entschieden. Der traurigste Fall ist dabei der des Kolumbianers Andrés Escobar, der nach seiner Rückkehr aus den USA 1994 in seinem Heimatland erschossen wurde.

Im wahrsten Sinne des Wortes regel(ge)recht komische Blüten hingegen trieb das Spiel Grenada - Barbados beim karibischen Nationenpokal 1994. Im dritten Spiel der Gruppenphase hätte Barbados mit mindestens zwei Toren Unterschied gewinnen müssen, um als Tabellenerster weiter zu kommen. Die Krux dabei war, dass das Reglement im Falle eines Unentschiedens eine Verlängerung mit Golden Goal vorsah und dieses dann doppelt gezählt hätte.

Die Mannschaft aus Barbados führte drei Minuten vor Schluss mit 2:1 und beschloss, in der 87. Minute absichtlich ins eigene Tor zu treffen. Grenada jedoch hätte sich gleichzeitig eine Niederlage mit einem Tor erlauben können und wäre trotzdem Gruppenerster geblieben. In den verbleibenden Minuten versuchte die Elf also folgerichtig, in *irgendeines *der beiden Tore zu treffen. Es gelang ihr nicht, Barbados erreichte die gewünschte Verlängerung. Unnötig zu erwähnen, dass das Reglement im Jahr darauf geändert wurde.

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