Eine 20-jährige Profikarriere auf höchstem Niveau, vier WM-Teilnahmen, davon ein Halbfinaleinzug in Mexiko 1986, eine perfekte Ballbeherrschung sowie eine starke Persönlichkeit: Enzo Scifo, der sein professionelles Debüt bereits als blutjunger Mann gab, gilt als bester Fussballer in der Geschichte Belgiens.

2001 hängte der Sohn italienischer Einwanderer seine Fussballstiefel an den Nagel, nachdem er in den besten Ligen Belgiens, Frankreichs und Italiens glanzvolle Jahre erlebte und unter anderem vier belgische Meisterschaften, einen Meistertitel in Frankreich, einen Pokalsieg in Italien und eine Finalteilnahme im UEFA-Pokal zu seinen Erfolgen zählen kann.

Es ist die geistige Verfassung, die Mentalität, auf die es ankommt, wenn man im Fussball Erfolg haben möchte.

Enzo Scifo, Ex-Nationalspieler Belgiens

Seitdem lebt Scifo seine Fussballleidenschaft auf der Trainerbank aus. Dieselbe Leidenschaft, die ihn neben seinem außergewöhnlichen Talent zu einem Weltstar machte und ihn von Erfolg zu Erfolg trug. Im Gespräch mit FIFA.com lässt der ehemalige Rote Teufel seine erfüllte Karriere Revue passieren.

Bereitwillig spricht Enzo Scifo mit uns über seine Anfänge als gerade 17-Jähriger beim RSC Anderlecht, sein neues Leben auf der Trainerbank von Excelsior Mouscron sowie über seine vier WM-Teilnahmen und die aktuelle Situation des belgischen Fussballs.

Sie begannen Ihre Profikarriere mit 17 Jahren beim RSC Anderlecht. Was war der Schlüssel Ihres frühen Erfolges?
Ein bestimmtes Alter, um damit anzufangen, gibt es nicht. Man muss vor allem so weit sein, es wirklich zu wollen. Damals hatte ich bereits diesen Willen, dorthin zu gelangen. Für mein Alter war ich relativ reif, dies erlaubte es mir, mich durchzusetzen. Ich hatte das Glück, als junger Mann bei einem großen Klub spielen zu können, doch man musste vor allem mental stark sein, was in diesem Alter nicht selbstverständlich ist. Glücklicherweise haben mir Menschen wie mein damaliger Trainer Paul Van Himst viel geholfen. Später muss man beweisen, dass man sich seine Chance verdient hat.

Nach vier Jahren hatten Sie bereits drei Meistertitel in Belgien gewonnen. Wie sind Sie damals damit umgegangen?
Ich habe das alles nicht wirklich kommen sehen. Ich blieb mit den Füßen auf dem Boden und die Erfolge haben mich nicht verändert. Sie haben mich übrigens nie verändert! Das ist es, was meine Stärke ausmacht. Als Wettkämpfer finde ich es normal, ehrgeizig zu sein und Titel gewinnen zu wollen.

Nach Ihren Erfolgen in Belgien wechselten Sie im Alter von 21 Jahren zu Inter Mailand, konnten sich dort aber nicht endgültig durchsetzen. Erfolgte Ihr Wechsel zu früh?
Wenn ich noch einmal in derselben Situation wäre, würde ich denselben Weg gehen. Arsène Wenger sagte einmal, dass jeder Spieler im Verlauf seiner Karriere eine schlechte Phase durchmachen muss, um zu lernen, mit Enttäuschungen umzugehen. Es ist meiner Ansicht nach besser, wenn man diese Erfahrung so früh wie möglich macht, deshalb bereue ich nichts. Und bei Inter bestand das Scheitern nicht so sehr auf individueller, sondern auf kollektiver Ebene: Wir wurden in dieser Saison nur Fünfter, was unseren Erwartungen nicht entsprach.

Sie haben Italien anschließend verlassen, wechselten zunächst nach Bordeaux, dann nach Auxerre. Später spielten Sie noch in Monaco, wo Sie Meister wurden. Drei vollkommen unterschiedliche Erfahrungen. Welche Erinnerungen haben sie daran?
In Bordeaux hatte ich nach gutem Beginn Probleme mit einem Knie. Doch meine Verletzung soll nicht als Ausrede dienen, meine Leistungen lagen unter dem, was von mir erwartet wurde. Dazu gab es innerhalb des Klubs noch andere Probleme, die nichts mit dem Sport zu tun hatten. Bordeaux war die größte Enttäuschung in meiner Karriere. In Auxerre hat man an mich geglaubt. Weder in Bordeaux noch bei Inter konnte ich auf meiner angestammten Position spielen, während Guy Roux [Anm. d. Red.: Sein Trainer in Auxerre] das Beste aus mir herausholte. Das Ergebnis waren drei sehr gute Spielzeiten mit einer mental außergewöhnlich starken Mannschaft.

In Monaco hingegen war es die ersten zwei Jahre schwierig, da wir die Mannschaft neu aufbauen mussten. Im Jahr des Titelgewinns aber hatten wir eine wahnsinnig gute Truppe: Fabien Barthez, Emmanuel Petit, Thierry Henry, Sonny Anderson, um nur einige zu nennen. Aber in sportlicher Hinsicht war Auxerre der Höhepunkt. Wir hatten keine großartige Mannschaft, doch alle hatten Angst davor, gegen uns zu spielen. Jean-Pierre Papin sagte mir einmal, er fürchtete am meisten, ins Abbé-Deschamps-Stadion zu kommen.

In der Zwischenzeit versuchten Sie es erneut in Italien, dem Land Ihrer Vorfahren, dieses Mal in Turin. War das eine Art Revanche?
Ich mag dieses Wort nicht, aber ich muss zugeben, dass es sich ein bisschen darum handelte! Ich wollte unbedingt in derjenigen Liga glänzen, von der ich immer geträumt hatte und in der ich keinen guten Eindruck hinterlassen hatte. Das war damals eine sehr gute Wahl, da ich dort ebenfalls eine Mannschaft von Kämpfern vorfand, wie in Auxerre.

Wie erlebten Sie Ihre Rückkehr nach Belgien im Jahre 1997, zunächst in Anderlecht, dann in Charleroi?
Nach 14 Jahren im Ausland und vielen Opfern trieb mich die Motivation, zum Klub meiner Anfänge zurückzukehren und noch einmal etwas zu erreichen. Und dies hat auch funktioniert, mit einem letzten Titel in Anderlecht. In Charleroi war die Motivation noch intakt, doch es hat nicht mehr funktioniert. Um ehrlich zu sein, hatte ich gleichzeitig ein anderes Ziel. Ich war auch Aktionär des Klubs und wollte Sporting auf europäischer Ebene nach oben bringen. Das ist mir nicht gelungen.

Sie waren Teil derjenigen belgischen Nationalmannschaft, die bei der WM-Endrunde 1986 sensationell bis ins Halbfinale vorstieß. 1990 wurden Sie zum zweitbesten Spieler des Turniers gewählt. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses goldene Zeitalter mit den Roten Teufeln?
Das war wirklich eine schöne Zeit, obwohl alles schlecht begonnen hatte. Wir hatten uns in unserer Gruppe nur denkbar knapp qualifiziert und die Stimmung war nicht gut. Dann griff der Trainer durch, schickte einige Spieler nach Hause, und das war der Knackpunkt. Ab diesem Moment ergänzten sich die Spieler in hervorragender Weise, es waren wieder viel Motivation und vor allem starke Charaktere vorhanden, die die ganze Nationalmannschaft nach oben brachten. Es ist die geistige Verfassung, die Mentalität, auf die es ankommt, wenn man im Fussball Erfolg haben möchte. 1990 hingegen ist mir das ganze Jahr in bester Erinnerung geblieben. Zuerst mit Auxerre, dann mit der Nationalmannschaft. Das war das beste Team, das wir in Belgien jemals gehabt haben.

Wie denken Sie über die aktuelle Generation der Roten Teufel? Trotz eines viel versprechenden Beginns hat Belgien die Qualifikation für die FIFA WM 2010 in Südafrika klar verpasst...
Diese Mannschaft verfügt über Talent, aber es fehlt ihr eine Sache: diese Mentalität, von der ich eben sprach. Wir haben die Qualifikation verpasst, das war sehr schwierig, doch in der neuen Generation hat sich nun etwas verändert. In etwa zwei Jahren werden sie sehr gute Leistungen bringen.

Sie arbeiten inzwischen als Trainer. Haben Sie in dieser Funktion bestimmte Vorlieben?
Guy Roux hat mich sicherlich mehr als alle anderen geprägt. Er strahlte in allem, was er tat, Autorität aus. Gleichzeitig gelang es ihm, ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Spielern zu haben. Er ist der Einzige, den ich kennengelernt habe, der über alle diese Qualitäten gleichzeitig verfügte.

Als Trainer haben Sie bisher nicht denselben Erfolg, wie er Ihnen als Spieler vergönnt war. Ist das für Sie frustrierend?
Es ist eine ganz andere Sache! Diese Aufgabe macht mir wahnsinnig Spaß, da ich mit Leidenschaft dabei bin. Auf der Bank bin ich noch ein kleiner Junge, der Entdeckungen macht. Inzwischen ist es meine sechste Saison als Trainer und ich beginne langsam zu merken, dass ich in meinem Element bin. Ich habe mich nicht geirrt!