"Die Engländer haben den Fussball erfunden, die Brasilianer haben ihn perfektioniert."

Es mag sonderbar erscheinen, daran zu denken, wie sehr sich dieser Spruch in einem mäßigen 0:0-Unentschieden zwischen den Gründern und den selbsterklärten Königen des Fussballs widerspiegelt. Erstaunlicherweise führte das Duell zwischen den Three Lions und der Seleção beim FIFA Weltpokal Schweden 1958 zu einer Revolution, bei der Brasilien zu einer Großmacht des Weltfussballs aufstieg und somit einen Status erlangte, der den Brasilianern noch heute anhaftet.

Bis zu diesem Zeitpunkt galt Brasilien eher als Team, das zwar glänzen, aber nicht gewinnen konnte. Diese Theorie wurde durch das Scheitern bei den Weltmeisterschaften 1938, 1950 und 1954 untermauert.

Nach dem Unentschieden gegen England benötigte die Elf von Vicente Feola im letzten Gruppenspiel gegen die Sowjetunion einen Sieg, um aus eigener Kraft den Einzug ins Viertelfinale zu schaffen. Der Trainer war somit gezwungen, zwei Spieler in die Mannschaft zu bringen, die in weiterer Folge dem Fussballsport ihren Stempel aufdrücken sollten. Flügelspieler Garrincha und der damals erst 17 Jahre alte Stürmer Pelé führten die Mannschaft zu einem 2:0-Sieg über die Sowjets und gingen nach den Erfolgen über Wales und Frankreich auch im unvergesslichen Finale gegen Schweden als 5:2-Sieger vom Platz.

Brasilien hat danach kein einziges Spiel verloren, in dem Garrincha und Pelé gemeinsam auf dem Platz standen, und als die beiden ihren Rücktritt erklärten, durfte der brasilianische Fussballverband CBF den Jules-Rimet-Pokal behalten. Am Sonntag jährte sich das Finale der WM 1958 in Schweden zum 50. Mal ‒ an diesem Tag entwickelte sich Brasilien zu einem Land, das in weiterer Folge mehr Stars hervorbrachte als jedes andere, die Fussballfans in aller Welt mit seinem unnachahmlichen Futebol-Arte begeisterte, sich als einzige Nation für jede FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ qualifizierte und mit fünf WM-Titeln außerdem Rekordsieger dieses Turniers wurde.

"Ich behaupte, dass wir nur aufgrund dieses ersten Titels fünfmaliger Weltmeister geworden sind. Dieser Titel hat alles verändert", erklärte Pelé. "Davor war man in Brasilien der Ansicht, dass man in einem wichtigen Spiel nur versagen könnte. Ausländische Fans dachten bei Brasilien nur an Amazonien. Der Triumph in Schweden schuf die Grundlage für die Entwicklung Brasiliens zu einer der besten Mannschaften des Weltfussballs und rückte unser Land plötzlich in den Mittelpunkt des Geschehens."

Rechtsverteidiger Djalma Santos teilt diese Ansicht: "Wir galten nicht als Favoriten. Das waren vielmehr die Bundesrepublik Deutschland, England, Frankreich, ... Schweden hatte ebenfalls eine starke Mannschaft mit vielen Italien-Legionären", sagte er. "Brasilien war bis dahin nicht sehr bekannt, doch dieser Titel änderte alles. Er brachte uns internationalen Respekt ein, gab uns Selbstvertrauen und öffnete den Brasilianern die Tür zur Welt."

Feolas wichtige Entscheidung
Die Leistung der Brasilianer im Finale war so großartig, dass sie sogar von den schwedischen Fans frenetischen Beifall erhielten. Die beiden Spieler, die an diesem Erfolg den größten Anteil hatten, hätten jedoch überhaupt nicht gespielt, wenn Feola auf Dr. João Carvalhaes, den Mannschaftspsychologen der Seleção, gehört hätte. Dieser empfahl dem Trainer, welche Spieler er einsetzen sollte.

"Er sagte, ich wäre noch zu jung und Garrincha wäre verantwortungslos. Daher riet er dem Trainer ab, uns spielen zu lassen", sagte Pelé. "Doch nach dem Spiel gegen England war der Druck, der auf der Mannschaft lastete, sehr groß. Und zum Glück ließ sich Feola immer von seinen Instinkten leiten. Er nickte dem Psychologen zu und sagte: 'Sie könnten Recht haben. Es ist jedoch so, dass Sie überhaupt nichts von Fussball verstehen.' Der Rest ist Geschichte."

Brasilien hatte seinen bahnbrechenden Erfolg unter anderem Gilmar, Linksverteidiger Nilton Santos, Mittelfeldspieler Zito, dem linken Flügelspieler Zagallo, dem fünffachen Torschützen Vava und dem herausragenden Spielmacher Dida zu verdanken, noch viel wichtiger waren jedoch die Leistungen von Garrincha auf der rechten Flanke und Pelés unglaubliche Durchschlagskraft im Angriff. Der schwedische König Gustav Adolf, der auch den Brasilianern Beifall spendete, war von Pelés Leistung sowie von dessen beiden Toren so begeistert, dass er nach dem Schlusspfiff auf das Spielfeld eilte und den Teenager umarmte.

Am 29. Juni 1958 gab es im Rasunda-Stadion somit die Geburtsstunde eines weiteren Königs: Edson Arantes do Nascimento. Und auch die brasilianische Revolution begann an diesem Tag.