Noch zu Beginn der Saison hatte es den Anschein, als ob Marco Borriello nur eine durchschnittliche Karriere beschieden sein würde. Tatsächlich hatte der aus San Giovanni a Teduccio, einem Vorort von Neapel, stammende Angreifer trotz seiner positiven Erfahrungen beim AC Mailand, wo er erfolgreich in den Jugend- und Juniorenteams spielte, die in ihn gesetzten Erwartungen nie ganz erfüllen können.

Dennoch besaß der technisch beschlagene und durchschlagskräftige Angreifer - der 1,85 m große und 80 kg schwere Borriello ist mit beiden Füßen gleichermaßen stark - die besten Voraussetzungen für einen klassischen Torjäger im Dienste des norditalienischen Traditionsklubs. Dass es erst später zum entscheidenden Leistungsschub und somit zum absoluten Durchbruch kam, ist sicher auf das mangelnde Vertrauen zurückzuführen, das man ihm in den vergangenen Jahren entgegenbrachte. Obwohl er bei den Rossoneri unter Vertrag stand, wurde Borriello ständig auf Leihbasis zwischen mehreren Vereinen hin- und hergeschoben, so dass ihm kaum Zeit blieb, sich einzugewöhnen und entsprechend Fuß zu fassen.

Dank seines Debüts in Italiens U-21-Auswahl im Jahr 2000 hatte das Ganze eigentlich recht verheißungsvoll begonnen. Angesichts des vorhandenen "Überangebots" an Topspielern entschied sich die Vereinsführung des AC Mailand jedoch, das hoffnungsträchtige Nachwuchstalent erst einmal an andere Klubs auszuleihen, damit er sich dort die erforderliche Spielpraxis holen sollte. "Was die konkrete Einschätzung seiner Leistungen betrifft, so haben wir seinerzeit vielleicht zu oberflächlich gehandelt. Wir hätten ihm die eine oder andere Chance mehr geben sollen, um ihn besser beurteilen zu können", so ein Klubverantwortlicher im Rückblick. Doch wie immer es auch gewesen sein mag, es war der Beginn eines langen Weges. Zunächst wurde Borriello an den US Triestina (Serie C2) ausgeliehen, für den er in neun Einsätzen ein Tor erzielte. In der nachfolgenden Saison wechselte er auf Leihbasis zum FBC Treviso (Serie C1), wo er in 27 Pflichtspielen zehn Mal traf.

Vier Monate Sperre
Die ständigen Wechsel zwischen Milanello, dem Trainingszentrum des AC Mailand, und mehreren anderen Klubs, bei denen er sich nie richtig durchsetzen konnte, hielten danach bis zum Jahr 2007 an. Zwölf Einsätzen für den FC Empoli, bei dem er im Jahr 2003 seinen ersten Treffer in Italiens Serie A bejubeln konnte, folgten in der Saison 2003/04 vier Pflichtspiele für den AC Mailand, in denen er ohne Torerfolg blieb. In der darauf folgenden Spielzeit kam er bei Reggina Calcio auf 30 Einsätze und traf dabei zwei Mal, bevor er in der ersten Saisonhälfte 2005/06 die gleiche Trefferausbeute in elf Pflichtspielen bei Sampdoria Genua erreichte. Den Rest jener Spielzeit stürmte er für den FBC Treviso und schoss dort in 20 Einsätzen fünf Tore.

Anschließend fand er sich erneut beim AC Mailand wieder, wo er wiederum nur als das "ewige Talent" behandelt wurde, das sich erst noch bewähren sollte - ein Ansatz, der aufgrund der großen Zahl an Topstürmern in der Mannschaft kaum realistisch war.

Zu allem Überfluss sah sich Borriello zum Saisonende auch noch in eine schier unglaubliche Doping-Affäre verwickelt. Seine Verlobte, das argentinische Top-Model Belén Rodríguez, entlastete ihn zwar, indem sie erklärte, dass die bei ihm im Zuge einer Dopingkontrolle festgestellten Substanzen von einer kortisonhaltigen Creme herrührten, die sie beim Liebesspiel benutzt hätten. Doch ihre Aussage konnte die viermonatige Sperre von jeglichem Spielbetrieb nicht verhindern. Die Suche nach einem festen Verein schien somit noch immer kein Ende zu haben.

Dessen ungeachtet nahm die Klubführung des FC Genua 1893, der gerade den Aufstieg in Italiens höchste Spielklasse geschafft hatte, das Risiko auf sich, 50 Prozent der vom AC Mailand gehaltenen Spielerrechte an Borriello zu erwerben. Als dieser dann in Genua erstmals für sein neues Team auflief, waren die einheimischen Tifosi, die ihn ja aus seiner Zeit beim Stadtrivalen Sampdoria kannten, zunächst voller Skepsis. "Ich habe lange genug auf der Tribüne oder auf der Ersatzbank gesessen. Jetzt will ich endlich spielen", so Borriello nach seiner Ankunft in der Stadt am Ligurischen Meer. Und siehe da, das Wunder wurde wahr und es gelang endlich der lang ersehnte Durchbruch.

"Die nächsten Wochen sind für mich von enormer Bedeutung"
Ohne großes Aufsehen um seine Person erzielte Borriello plötzlich ein Tor nach dem anderen, darunter zwei Dreierpacks. Damit gewann er schlagartig nicht nur das Vertrauen seiner Mitspieler, sondern auch das der Fans, bei denen er inzwischen hoch im Kurs steht. In den bisher 26 Pflichtspielen für seinen neuen Verein war er bereits 17 Mal erfolgreich, davon vier Mal per Elfmeter. Das brachte ihm vor allem eine Menge Selbstvertrauen, das sich unter anderem darin ausdrückt, dass er neuerdings wieder Gesten zeigt, die man seit Beginn seiner Karriere nicht mehr bei ihm gesehen hatte.

Borriellos späte Leistungsexplosion blieb natürlich auch Nationaltrainer Roberto Donadoni nicht lange verborgen. Am 3. Februar wurde der in jüngster Zeit so erfolgreiche Torjäger erstmals in das italienische Aufgebot für das Länderspiel gegen Portugal (3:1) berufen. Nachdem er in der 70. Spielminute für Luca Toni eingewechselt worden war, bot er eine insgesamt überzeugende Vorstellung. Und auch für das wichtige Testspiel am 26. März gegen Spanien, das die letzte Phase der EM-Vorbereitung einleiten und damit wesentlichen Einfluss auf die Benennung des 23-köpfigen Spielerkaders für die UEFA EURO 2008 haben wird, wurde Borriello von Nationalcoach Donadoni nominiert.

"Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die EM-Teilnahme für mich ein Traumziel darstellt. Meine Chancen stehen nicht schlecht, die endgültige Entscheidung darüber fällt jedoch erst in den nächsten Wochen", so die nüchterne Feststellung des Stürmers, der sich indes sicher ist, seine derzeitige Form auch gegen Spanien bestätigen zu können, diesmal allerdings auf höchstem Niveau.

Danach wird ihm immer noch genügend Zeit bleiben, um zu entscheiden, ob er in der kommenden Saison für einen anderen Klub spielen wird oder nicht. Er selbst sieht seine unmittelbare Zukunft indes bei seinem jetzigen Verein: "Ich möchte gern in Genua bleiben, denn hier hat man mir großes Vertrauen geschenkt."