Robert Guérin wusste wahrscheinlich nicht, was er da 1904 auf den Weg brachte. Heute, ein Jahrhundert später, wissen wir, dass er die große Fédération Internationale de Football Association aus der Taufe gehoben hat. Von der Unterzeichnung eines Vertrags in einem kleinen Pariser Büro über den zwischenzeitlichen Ausstieg der Briten bis hin zum Umzug nach Zürich - auf FIFA.com können Sie die ersten und entscheidenden Jahre der FIFA noch einmal miterleben.

Teil 2

1902 : Die Initiative des Robert Guérin
Die Idee von einer internationalen Instanz für den Fussball hat ihren Ursprung in Frankreich. Als Präsident der Union des Sociétés françaises de Sports Athlétiques (USFSA) und Journalist bei der Zeitung Matin schlug der Franzose Robert Guérin diese Idee seinen europäischen Kollegen vor. Er stieß damit auf ein großes positives Echo. Er entsprach damit dem Wunsch nach der Organisation internationaler Begegnungen. Zudem würde ein internationaler Dachverband eine Vereinheitlichung der Spielregeln ermöglichen. Zuvor aber galt es, die Briten mit ins Boot zu holen, die bis dahin wenig Anstalten gemacht hatten, ihre Erfahrungen mit dem von ihnen "erfundenen" Sport zu teilen. Und schließlich würde die Schaffung eines internationalen Verbands auch die gleichzeitige Gründung eines einzelnen verantwortlichen nationalen Verbands pro Land erforderlich machen.

Guérin, der Deutsche Heckenberg, der Niederländer Carl August Wilhelm Hirschman und der Belgier Henri de Laveleye traten reihum mit den Verantwortlichen des International Football Association Board (IFAB) und der Football Association (FA) in Kontakt, um sie über das Projekt zu informieren und zur Teilnahme einzuladen. Die Briten nahmen die Einladung nach einem Jahr des Schweigens zu Protokoll, mehr wollten sie aber nicht in das Projekt investieren.

1904 : Geburtsstunde der FIFA in Paris
Trotz der Absage der Briten steckte Guérin nicht auf. Anfang 1904 entwarf er einen Vertrag, setzte davon alle interessierten Verbände in Kenntnis und berief für Ende Mai eine Versammlung ein. Ziel dieser Versammlung sollte die Unterzeichnung einer Übereinkunft, die Ratifizierung der Statuten und die Schaffung eines Komitees sein. Die sieben Gründungsmitglieder heißen Niederlande, Schweiz, Dänemark, Belgien, Schweden, Frankreich und der FC Madrid. Die Madrilenen, die bis heute in ihrem Land eine große Rolle spielen, vertraten seinerzeit Spanien, das noch keinen eigenen Verband hatte. Repräsentiert wurde der FC wiederum von einem gewissen André Espir ... und der war nicht Spanier, sondern Franzose. Die Deutschen wiederum gaben ihre Einverständniserklärung noch am gleichen Tag per Telegramm ab. Sie werden nicht als Gründungsmitglieder betrachtet, waren jedoch nichtsdestoweniger in der ersten Stunde mit dabei.

Die Unterzeichnung fand in der Rue Saint-Honoré 229, dem Sitz der USFSA in einem Pariser Renommierviertel, statt. Dort wurden die zehn Artikel der Statuten festgelegt und das Komitee gewählt. Mit seinen 28 Jahren übernahm Guérin den Vorsitz. Damit ist er bis heute der jüngste Präsident, den die FIFA jemals hatte. Dafür bekam er jährlich ein Entgelt von 50 Francs. In den Statuten wird festgelegt, dass die vertretenen Verbände die einzigen Repräsentanten ihrer jeweiligen Länder sind. Auch die Diskussion um eine "internationale Meisterschaft" wird bereits geführt. Die vom IFAB aufgestellten Regeln werden offiziell übernommen. Es ist die Geburtsstunde der Fédération Internationale de Football Association (FIFA). Das Wort "Association" am Schluss erscheint aus heutiger Sicht überflüssig, war aber zur damaligen Zeit durchaus logisch: Fussball hieß zu dieser Zeit in Frankreich "Football Association" - im Gegensatz zum "Football Rugby".

1905 : Die Briten sind zurück
Die Isolation der Briten gegenüber dem Kontinent dauert bis Anfang 1905 an. Die beiden Instanzen FIFA und FA berufen die kontinentalen Verbände praktisch zeitgleich zu ähnlichen Sitzungen ein. Eine Einigung scheint in weiter Ferne. Doch dann gelingt dem des Englischen mächtigen erfahrenen Diplomaten de Laveleye ein Meisterstück: Er bewegt die Briten dazu einzulenken und die FIFA anzuerkennen.

Im selben Jahr tritt Slavia Prag der FIFA bei. Der Klub ist damit die Keimzelle des tschechoslowakischen Verbands, der nach dem Auseinanderbrechen des Kaiserreichs Österreich-Ungarn entstand. Die Niederlande, schon ein Jahr zuvor in Paris anwesend, unterzeichnen den Vertrag auch formell. Im Herbst folgen Italien und Österreich. Damit hat die FIFA nun elf Mitglieder.

1906 : Was ist ein "Land"?
Die anfangs noch so skeptischen Briten, die nicht wollten, dass der Weltfussball von nur einem Organ kontrolliert wird, sind nun doch Teil der FIFA. Guérin tritt ab und macht Platz für den Engländer Daniel Woolfall. Der bringt gleich vier Mitglieder mit. Seine erste Amtshandlung besteht in einer Verallgemeinerung der Spielregelung, gefolgt von einer Änderung der Statuten. In diesen turbulenten Zeiten in Europa, da so etwas wie die "Vereinten Nationen" noch nicht mehr ist als eine vage Idee, bereitet vor allem die Definition des Begriffs "Land" immer wieder Schwierigkeiten.

Der Begriff bleibt schwer fassbar und wirft immer wieder Probleme auf. Den Anfang macht dabei Böhmen, das seine Aufnahme beantragt. Österreich stellt sich naturgemäß dagegen, weil Böhmen zu seinem Territorium gehört. 1908 sind es Irland, Schottland und Wales, die ihre Aufnahme verlangen, damit aber zunächst scheitern. Das liegt auch daran, dass Österreicher und Deutsche damit drohen, die Aufnahme all ihrer insgesamt 38 Provinzen zu beantragen, wenn die Briten ihrerseits mit ihren Anträgen durchkommen. So bleibt die Definition des Begriffs "Land" lange Zeit ein umstrittenes Thema und ein Politikum für die FIFA.

1912 : Das Olympische Turnier als erster FIFA-Wettbewerb
Die FIFA, die schon kurz nach ihrer Gründung erfolglos versucht hatte, eine Europameisterschaft auf die Beine zu stellen, wendet sich 1912 den Olympischen Spielen in Stockholm zu. Von den damals 15 Mitgliedsstaaten der FIFA nehmen elf an den Spielen teil, und sie alle müssen zwingend der FIFA angehören.

Das IOK selbst hatte von der FIFA verlangt, das Turnier in die Hand zu nehmen. Eine deutlichere Anerkennung konnte es nicht geben. In Schweden setzen sich die Engländer gegen die Dänen durch, Ungarn wird Dritter. Im gleichen Jahr äußert Deutschland sein Unverständnis über den Aufnahmeantrag der einzelnen Verbände Großbritanniens. Aber das Board argumentiert mit der großen Tradition des walisischen, irischen und schottischen Verbands. Die Deutschen lenken schließlich ein.

1913 : FIFA und IFAB Hand in Hand
Auf dem Kongress 1913 erwirbt die FIFA das Recht auf zwei ständige Mitglieder im IFAB - ein weiterer Beleg für die Annäherung beider Organisationen. Zu verdanken ist diese Annäherung vor allem Woolfall, der die Verbindungen knüpft. Immer mehr Verbände treten der FIFA bei, die Finanzsituation bessert sich zusehends. Im Folgejahr tritt die FIFA mehr und mehr als internationale Organisation in Erscheinung. Beleg hierfür ist die Aufnahme außereuropäischer Länder wie Südafrika, Argentinien, Chile, Kanada und den USA. In Europa gehören allein Portugal, Rumänien und Griechenland noch nicht dem Weltverband an.

Dieser Artikel ist an das Buch "FIFA 1904 - 2004: Das Jahrhundert des Fussballs" angelehnt. Drei Jahre lang haben die vier renommierte Geschichtsprofessoren Pierre Lanfranchi, Christiane Eisenberg, Tony Mason und Alfred Wahl an dem Buch gearbeitet und sich dabei unter anderem folgenden Themenschwerpunkten gewidmet: Die Gründung der FIFA, die Entstehung der Spielregeln, der FIFA-Weltpokal sowie die Entstehung der FIFA-Frauenfussball-Weltmeisterschaft.

Das Buch ist in den vier offiziellen Sprachen der FIFA erschienen: Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch. Es ist im Buchhandel erhältlich und kann außerdem unter folgenden Adressen bestellt werden:

" Per E-Mail: elizabeth.allen@orionbooks.co.uk für die englische Ausgabe
"  www.cherche-midi.com für die französische Ausgabe
"  www.marca.es  für die spanische Ausgabe