Ballgeflüster

Rückkehr nach dem "kleinen Tod"

Manchester's Dutch goalkeeper Edwin van der Sar holds the ball
© AFP

Der Rücktritt, so heißt es, ist wie ein "kleiner Tod". Alle Fussballer fürchten sich vor diesem Moment. Und wenn er näher rückt, fällt die Vorstellung schwer, für den Rest seines Lebens nicht mehr das machen zu können, was man am besten kann. Das Geheimnis der Unsterblichkeit ist zwar noch nicht entdeckt worden, gleichwohl gibt es nicht wenige Fussballer, die den Entschluss treffen, sich auf den Spielfeldern ein zweites Leben zu gönnen. Aktuelles Beispiel ist Elftal-Rekordnationalspieler Edwin van der Sar, der am Samstag, 12. März 2016, sein Comeback für ein Spiel in der vierten niederländischen Liga geben wird.

Ein Anlass für FIFA.com, einen genaueren Blick auf einige Rückkehrer zu werfen, die ihre Fussballschuhe schon an den Nagel gehängt hatten – aber glücklicherweise in Reichweite.

Es war sicher und endgültig: La Brujita würde im Profifussball nicht mehr zu sehen sein. Nach einer fantastischen Karriere, welche ihren Ausgangs- und Endpunkt bei Estudiantes de La Plata in Argentinien hatte, und nach glanzvollen Gastspielen in Italien und England gab Juan Veron im Juni 2012 im Alter von 38 Jahren seinen Rücktritt bekannt. Die damals untröstlichen Fans der Pincharrata fanden indes ihr Lachen wieder, als ihr Idol, das zwischenzeitlich als Sportdirektor des Klubs aktiv gewesen war, Anzug und Krawatte nach einem Jahr wieder gegen das rot-weiß gestreifte Trikot eintauschte. "Ich liebe es, Fussball zu spielen, und ich versuche, mir Ziele zu setzen", erklärte der ehemalige Spielmacher der Albiceleste im Vorfeld des Torneo Inicial 2013. "Und als ich die Situation der Mannschaft und die Schwierigkeiten auf dem Markt sah – es war noch Zeit, Hand anzulegen." Großzügig wird der ehemalige Spieler von Inter Mailand dabei sein gesamtes Gehalt dem Ausbildungszentrum von Estudiantes spenden. Vielleicht, um seinem Klub die Ausbildung seines Nachfolgers zu ermöglichen?

Auch Henrik Larsson brachte die Zuneigung zu seinem Heimatklub Högaborgs BK dazu, mit 41 Jahren wieder die Fussballschuhe zu schnüren. Die ehemalige Legende von Celtic Glasgow konnte zwar einst sein Versprechen, am Ende seiner Karriere für den Verein zu spielen, nicht einhalten. Im Juni 2013 aber hielt er vier Jahre nach seinem letzten offiziellen Spiel doch noch Wort. Der als Assistenztrainer tätige Larsson nahm den Dienst wieder auf, um sein von Verletzungen dezimiertes Team zu unterstützen. Unter seinen gesunden Mitstreitern befand sich auch ein junger Mann am Anfang seiner Karriere – ein gewisser Jordan Larsson, der 15-jährige Sohn Henriks! Kurioserweise fand kurz zuvor der ehemalige englische Nationalspieler Chris Sutton, ein Mitstreiter des Schweden bei Celtic, 2012 im Alter von 39 Jahren ebenfalls den Weg zurück auf das Spielfeld. Drei Jahre, nachdem er seine Karriere beendet hatte, streifte er sich das Trikot des FC Wroxham über, bei dem ein 16-jähriger Torhüter, sein Sohn Oliver Sutton,debütierte.

Die wilden 40er
Ein familiärer Hintergrund bewog auch den Brasilianer Romario, 2009 im Alter von 43 Jahren aus dem Ruhestand zurückzukehren, um das Trikot von América de Rio de Janeiro zu tragen. "Es war ein Weg für mich, einen alten Traum meines Vaters zu verwirklichen", verriet damals der Weltmeister von 1994, der mit dieser Aktion den ein Jahr zuvor verstorbenen Evedair Faria ehrte, der sich immer gewünscht hatte, dass sein Sohn bei seinem Lieblingsverein spielt. Robert Prosinecki, der vier Jahre nach Romarios WM-Titel Dritter bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ wurde, hatte zwei Jahre nach seinem Karriereende ein ähnliches Motiv für ein Comeback. "Ich beschloss, Savski Marof zu helfen, weil es eine Mannschaft war, die mein verstorbener Vater sehr mochte", erklärte er, bevor er sich beim kroatischen Viertligisten engagierte.

Die Rückkehr zu den Wurzeln ist ein Beweggrund, der auch dem Franzosen Jocelyn Angloma nicht fremd ist. Der ehemalige Verteidiger des FC Valencia und von Olympique Marseille hatte 2002 mit 37 Jahren seine Laufbahn beendet. Der Amateurklub Étoile de Morne-à-l'Eau in Guadeloupe, bei dem seine Karriere begonnen hatte, bat ihn später, bei einem Spiel im französischen Pokal auszuhelfen. Er nahm die Herausforderung an, doch anstatt sich auf eine Partie zu beschränken, verlängerte er das Abenteuer und hängte außerdem noch eine Rückkehr in die Nationalmannschaft dran. Angloma nahm mit Guadeloupe an der Karibikmeisterschaft teil und qualifizierte sich anschließend für den CONCACAF Gold Cup 2007. Der Rückkehrer führte die Gwada Boys sogar zu einer historischen Leistung: Unter anderem dank seines Treffers im Viertelfinale gegen Honduras stieß das Team sensationell bis ins Halbfinale vor. In dem guten Gefühl, seine Mission erfüllt zu haben, hängte er mit 41 Jahren seine Fussballschuhe ein zweites Mal an den Nagel, dieses Mal für immer. Doch man weiß nie...

Denn selbst jenseits dieses Alters kann man immer noch wahre Wunder vollbringen! Der Kameruner Roger Milla etwa erlebte einen besonderen zweiten Frühling, als er bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994 in den USA in der Partie gegen Russland zum ältesten Torschützen der WM-Geschichte avancierte. Zuvor hatte er nach drei erfolgreichen Spielzeiten bei Montpellier im Alter von 37 Jahren seinen wohlverdienten Ruhestand angetreten. Aus reinem Vergnügen engagierte er sich beim Amateurklub JS Saint-Pierroise in Réunion, war offensichtlich aber noch so gut auf den Beinen, dass er sein Team auf der Insel zum Double aus Meisterschaft und Pokal führte. Der Rest ist Geschichte. 1990 wurde er von den unzähmbaren Löwen für Italien 1990 nominiert, führte sie ins Viertelfinale, spielte und traf noch sechs weitere lange Jahre, bevor er 1996 mit 44 Jahren ein zweites Mal Schluss machte.

Millas Langlebigkeit war vielleicht auch das Vorbild für einen anderen legendären Stürmer, der nach einigen Jahren der Inaktivität 2003 unvermittelt wieder auf dem Platz stand. Der auf dem Spielberichtsbogen als "Jay Goppingen" eingetragene Akteur weckte bei seinen Gegnern keinen Verdacht. Umso größer war die Überraschung, als sie ihm leibhaftig gegenüber standen: Denn hinter diesem Pseudonym versteckte sich ein deutscher Stürmer, der fünf Jahre zuvor, unter anderem nach dem Gewinn eines WM-Titels 1990, eine lange und erfolgreiche Karriere beendet hatte – ein gewisser Jürgen Klinsmann.

Der ehemalige Torjäger von Tottenham Hotspur und Bayern München, der inzwischen in Kalifornien lebte, half beim lokalen Klub Orange County Blue Stars aus und führte sie mit fünf Toren in acht Spielen in die Playoffs der vierten U.S.-amerikanischen Liga. "Ich habe das nur aus Spaß gemacht, und um in Form zu bleiben", sagte der Ruheständler, der wenige Jahre später Nationaltrainer der USA werden sollte. Sein Pseudonym ging auf seine Geburtsstadt Göppingen zurück.

Aus ganz und gar anderen Gründen holte eine andere Legende der deutschen Nationalmannschaft, Mario Basler, die Fussballschuhe wieder aus dem Schrank. Der ehemalige Mittelfeldspieler von Werder Bremen, Bayern München und dem 1. FC Kaiserslautern, für den er 2003 sein letztes Spiel bestritt, hatte in aller Ruhe eine Laufbahn als Trainer eingeschlagen. Bis er auf die leichtsinnige Idee kam, eine Wette mit seinem Freund und Golfpartner David Winterstein, dem Präsidenten des BCA Oberhausen, einzugehen – und zu verlieren. Sein Einsatz? Er sollte für den bayrischen Bezirksligisten wieder auf dem Platz stehen...

Freundschaften und der englische RasenEine alte Freundschaft war auch der Beweggrund für den Brasilianer Aldair, Legende vom AS Rom, sich drei Jahre nach seinem Rücktritt bei SS Murata zu engagieren. Sein ehemaliger Mitspieler bei den Giallorossi hatte den Klub in San Marino zum Titel geführt und stellte ihm die Gelegenheit in Aussicht, in der Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League aufzulaufen. Bis dahin hatte sich der einstige Verteidiger der Seleçao mit Beach Soccer fitgehalten. Dieser Tätigkeit widmete sich auch sein Landsmann Dida, ehemaliger Torhüter beim AC Mailand, nachdem er 2010 seine Handschuhe verstaut hatte. Doch zwei Jahre später war der Lockruf des Fussballs auf Rasen einfach zu stark, und er engagierte sich noch einmal bei Portuguesa, Grêmio Porto Alegre und aktuell bei SC Internacional. Heute ist vom Ruhestand keine Rede mehr.

Dies gilt auch für den Niederländer Edgar Davids, der gleich zwei Mal den Rücktritt vom Rücktritt bekanntgab! Nach seinem Karriereende bei Ajax Amsterdam hielt er es nicht länger als zwei Jahre aus und gab einige Gastspiele bei Crystal Palace in der zweiten englischen Liga.  Nach weiteren zwei Jahren der Erholung das erneute Comeback: Mit 39 Jahren engagierte er sich als Spielertrainer des FC Barnet in der vierten englischen Spielklasse.

Der englische Rasen scheint eine besondere Anziehungskraft auszuüben, denn auch der legendäre brasilianische Spielmacher Socrates akzeptierte 2004 im Alter von 50 Jahren – mehr als zehn Jahre nach seinem letzten Pflichtspiel – bei Garforth Town eine ähnliche Aufgabe. Dem FC Wembley wiederum gelang im Juni 2012 das Kunststück, gleichzeitig die ehemaligen englischen Nationalspieler Ray Parlour, Martin Keown, Graeme Le Saux und Ugo Ehiogu sowie den Argentinier Claudio Caniggia und den Amerikaner Brian McBride aus dem Ruhestand zurückzuholen, um für den Klub im FA Cup mitzuspielen. Dies alles unter den Augen des ehemaligen englischen Nationaltrainers Terry Venables im Trainerstab und des ehemaligen Nationaltorhüters David Seaman als Torwarttrainer!

Die Gefühle dieser Spieler und möglicherweise aller Fussballer, die sich dem Ende ihrer Karriere nähern, fasste der Ivorer Bonaventure Kalou treffend zusammen. Nach einer erfolgreichen Karriere mit Toren und Titeln bei den Elefanten, Feyenoord Rotterdam und Paris Saint-Germain hatte der Stürmer 2010 seine aktive Laufbahn beendet, um nur ein Jahr später in Combs-La-Ville in der elften französischen Liga wieder zurückzukehren. Er sagte: "Der Fussball hat mir in diesen letzten Monaten so gefehlt. Ich bin glücklich, wieder eine Mannschaft in der Kabine und Mitspieler zu treffen. Das Niveau ist nicht wichtig, der Fussball ist mein Leben."

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