"El Loco" wird 65

Was macht Leeds-Coach Marcelo Bielsa so besonders? 

Huddersfield Town v Leeds United - Sky Bet Championship
© Getty Images
  • Marcelo Bielsa wird heute 65 Jahre alt
  • "El Loco" stieg gerade mit Leeds in die Premier League auf
  • Der Trainer wird von vielen Kollegen und Spielern verehrt

Manchmal passen die Dinge im Leben gut, manchmal passen sie weniger gut zusammen. In der Karriere von Marcelo Bielsa, der heute 65 Jahre alt wird, hat es viele Stationen gegeben, in denen sie weniger gut gepasst haben, als man das vorher hätte meinen können, auch wenn er 2004 mit Argentinien Olympisches Gold holte und seit der WM-Qualifikation 2010 mit Chile im Andenstaat verehrt wird.

Die Idee, den kaum Englisch sprechenden Bielsa als Trainer damit zu betrauen, Leeds United nach dem Abstieg 2004 endlich wieder zurück in die Premier League zu bringen, wirkt verrückt. Und nun hat es trotzdem geklappt – es hat gepasst: Am Wochenende feierte Leeds die Rückkehr in die Beletage des englischen Fussballs, trainiert von dem Mann, den manche "El Loco", den Verrückten nennen.

Aber da gibt es auch noch den Satz, den ein gewisser Pep Guardiola einmal sagte.

"Für mich ist er der beste Trainer der Welt."

Pep Guardiola über Bielsa

Diese Worte kommen aus dem Munde eines Mannes, den viele wohl selbst mit dem Attribut "Bester Trainer der Welt" versehen würden. Der Katalane erklärt auch, warum er so über den Trainer denkt, der ebenso wie Cesar Luis Menotti und Lionel Messi in Rosario (Argentinien) geboren wurde: "Ich verehre Bielsa ungemein, weil er die Spieler so sehr verbessert. Es ist nicht wichtig, wie viele Titel er in seiner Karriere gewonnen hat. Wir werden zwar danach beurteilt, wie erfolgreich wir sind. Aber das ist nicht mit dem Einfluss zu vergleichen, den er auf den Fussball genommen hat und auf seine Spieler."

Wie aber passt das zu seinem Spitznamen? Über die, sagen wir ungewöhnlichen Erlebnisse, die man als Spieler und Verein mit Bielsa haben kann, ließe sich vielleicht sogar ein eigenes Buch schreiben.

Bielsa-Anekdoten

  • Bielsa fuhr einmal um ein Uhr zum Haus einer Familie, klopfte an das Fenster und bat um Einlass, um sich die Beine eines 13-jährigen Jugendfussballers anzusehen. "Das sieht wie die Beine eines sehr guten Spielers aus", befand er, um den Jungen dann in sein Team einzuladen. Es handelte sich um Mauricio Pochettino
  • Als seine Mannschaft bei Newell's Old Boys bereits als Meister feststand, bei einer Hochzeit aber zu spät ins Bett ging (erlaubt war 1 Uhr nachts), und der Klub sich weigerte, Strafen auszusprechen, kündigte er direkt. Heute hat man dort das Stadion nach ihm benannt
  • Nach einem Vorfall bei Leeds, als er unerlaubt das Trainings des kommenden Gegners Derby County beobachten ließ, hielt er eine 70-minütige Powerpoint-Präsentation für die Presse, um zu zeigen, dass er alles über Derby ohnehin schon wisse und zahlte die fällige Strafe (200.000 Pfund) aus der eigenen Tasche
  • Als neuer Trainer bei Leeds ließ er seine Spieler drei Stunden lang den Müll rund um das Stadion herum aufsammeln, um den Spielern zu verdeutlichen, wie lange ihre Fans ungefähr für ein Ticket arbeiten müssen
  • Nach einer eher kleinen Auseinandersetzung mit einem Bauarbeiter, bei der er sich seiner Ansicht nach falsch verhalten hatte, zeigte Bielsa sich selber bei der Polizei an. Sein Gegenüber hatte dies nicht vor, die Polizei schickte ihn nach Hause
  • Im April 2019 spielte Leeds in einem direkten Duell um den Aufstieg in die Premier League gegen Aston Villa und erzielte ein Tor, während ein Villa-Spieler verletzt auf dem Boden lag. Bielsa wies seine Spieler daraufhin an, Villa ohne Gegenwehr ein Tor schießen zu lassen. Die Partie endete 1:1, Leeds hatte die letzte Chance auf den direkten Aufstieg verspielt und scheiterte später dann auch in den Play-offs. Bedenkt man, was auf dem Spiel stand, ist die Aktion Bielsas nur umso bemerkenswerter. Dafür erhielt der argentinische Trainer 2019 den FIFA Fairplay-Preis für diesen vorbildlichen Akt sportlicher Fairness.

"Für mich ist er überhaupt nicht verrückt", sagt Pochettino heute. "Er ist ein Genie. Eine Person mit Charisma und einem Charakter, ganz anders als wir normale Trainer, das macht ihn so besonders."

Was aber führt dazu, dass berühmte Trainer und Spieler Bielsa so verehren, dass sie wie Javi Martinez sagen, dass man "einmal im Leben mit ihm gearbeitet haben muss"?

Bielsa gilt als gewiefter Taktiker, der den Gegner bis ins kleinste Detail analysiert. Im Bewerbungsgespräch mit Leeds wurde deutlich, dass er alle 46 Spiele der letzten Saison der Engländer aus dem Effeff kannte – inklusive Gegnerformationen. Stundenlanges Videostudium ist ihm ein Vergnügen, gerüchteweise kann er zwei Spiele gleichzeitig auf zwei verschiedenen Bildschirmen verfolgen.

Der aktuelle Leeds-Coach geht sogar noch einen Schritt weiter: Er seziert den Fussball bis auf seinen Kern. Er spricht etwa von 29 verschiedenen Formationen, die es gibt, fünf Wegen, sich aus der Deckung des Gegners zu befreien und 36 Möglichkeiten, Spieler über Pässe miteinander kommunizieren zu lassen.

"Es ist Taktik, Taktik, Taktik. Wir haben nicht gewusst, wie gut wir sein können."

Leeds-Mittelfeldspieler Mateusz Klich.

Wie aber "kommuniziert" man per Pass? Es sei am Beispiel des "Bielsa-Wandpasses" erklärt: Dabei begeben sich drei Spieler auf eine diagonale Linie. Der mittlere Spieler "kommuniziert" durch seinen Laufweg, dass der Ball gespielt werden soll, der Passgeber "kommuniziert" durch den sehr scharfen Pass, dass der mittlere Spieler nicht Empfänger ist, sondern ihn durchlässt, so dass der dritte Spieler in der Linie den Ball empfängt, um ihn dann mit einem oder zwei Kontakten auf den mittleren Spieler weiterzuspielen. Durch diese Bewegung entsteht oft ein Pressing auf den Passempfänger, so dass Raum für einen Lauf des mittleren Spielers geschaffen wird.

Wie immer man zu Bielsa steht – eins ist klar: Der Mann lebt Fussball. Und wird es hoffentlich zu unser aller Vergnügen auch nächste Saison in der Premier League tun.

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