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Der große Erfolg von Sunderlands Sinnesraum

Sunderland AFC Sensory Room
© Others
  • Sunderland war 2014 der erste Klub, der einen Sinnesraum für autistische Fans einrichtete
  • Treibende Kraft war die Familie Shippey. Mittlerweile verfügen die Black Cats sogar über zwei Sinnesräume
  • Sinnesräume dank der *Shippey Campaign landesweit auch in vielen anderen Stadien*

Für die meisten Fussballfans ist das Gefühl der kollektiven Energie, das von einer großen Menschenmenge ausgeht, ein zentraler Bestandteil des Stadionbesuchs. Ein vollgepacktes Stadion mit ohrenbetäubend lauter Atmosphäre ist für die große Mehrheit der Fans ein fantastisches Erlebnis.

Doch ungefähr einer von 100 Menschen in Großbritannien hat enorme Probleme mit dieser Erfahrung. Denn Menschen mit Autismus und Einschränkungen bei der Sinneswahrnehmung empfinden große Menschenmengen und laute Geräuschkulissen oftmals als überaus unangenehm oder sogar unerträglich, so dass ein Stadionbesuch für sie nahezu unmöglich wird.

Der siebenjährige Nathan Shippey war ein solcher Fan. Der junge Anhänger von AFC Sunderland, der an einer Autismus-Spektrum-Störung leidet, ging gegen Ende der Saison 2013/14 zum ersten Mal mit seinem Vater zu einem Fussballspiel ins Stadium of Light. An ihren ersten Stadionbesuch erinnern sich die meisten Fans ihr Leben lang gern zurück. Für Nathan allerdings war es kein ungetrübtes Vergnügen.

"Wir mussten gehen, kurz nachdem die zweite Halbzeit begonnen hatte", erzählt sein Vater Peter Shippey im Gespräch mit **FIFA.com**. "Er klammerte sich immer fester an mich und sagte, er sei verängstigt. Ich dachte schon, das war's. Ich dachte, er könnte keine Spiele mehr vor Ort im Stadion sehen."

In den folgenden Monaten allerdings saß Nathan oft gebannt vor dem Fernseher und verfolgte die Spiele der FIFA Fussball-WM in Brasilien.

"Er entwickelte da ein ziemlich großes Interesse", so Peter. "Und er bat mich, wieder mit ihm ins *Stadium of Light* zu gehen."

Zum Beginn der Saison 2014/15 versuchten sie es mit einer Dauerkarte für einen Bereich, in dem die Möglichkeit bestand, sich bei Bedarf in den Innenraum einer Bar zurückzuziehen. Doch diese Lösung funktionierte nicht gut. Daraufhin wurden die Shippeys aktiv. Sie schrieben an den AFC Sunderland und regten die Schaffung eines gesicherten Raumes an, wo Nathan und andere Familien in der gleichen Situation die Spiele genießen könnten – und der Klub nahm den Vorschlag bereitwillig auf.

"Wir haben uns mit der Familie getroffen, um eine möglichst optimale Lösung zu finden, damit Nathan die Heimspiele des Klubs genießen kann", so Chris Waters, der Fanbeauftragte von Sunderland. "Die Shippeys schlugen vor, einen so genannten Sinnesraum im *Stadium of Light* einzurichten.

Nach intensiven Beratungen mit Peter, Nathans Mutter Kate und Nathan selbst sowie seiner Schule in Sunderland und den zuständigen Abteilungen des Fussballklubs konnte 2015 der Nathan Shippey Sensory Room eröffnet werden."

Der Sinnesraum wurde ein so großer Erfolg, dass 2018 sogar ein zweiter derartiger Raum eingerichtet wurde. Somit ist der AFC Sunderland der einzige Klub in Großbritannien, der über zwei Sinnesräume für Menschen mit Autismus und Einschränkungen bei der Sinneswahrnehmung verfügt.

"Jetzt haben diese Menschen einen gesicherten Rückzugsbereich, wenn sie ihn benötigen", freut sich Peter. "Wenn das Publikum ganz besonders laut wird und sie sich eingeschüchtert oder verängstigt fühlen, können sie sich zurückziehen und etwas Abstand gewinnen. Mir gefällt dabei, dass es in diesem Raum keineswegs völlig still ist. Die Geräuschkulisse wird nur deutlich gedämpft und damit erträglicher für sie. So können sie auch in diesem Raum die Atmosphäre genießen."

"Wir bekommen fantastisches Feedback", so Waters. "Viele autistische Fans drücken uns ihre Dankbarkeit für die Einrichtung der Sinnesräume aus. Sie bieten ihnen eine einzigartige Möglichkeit, Spiele im *Stadium of Light* zu genießen, die es vorher nicht gab."

In der Zeit vor der Eröffnung des zweiten Sinnesraums begann die Familie im Rahmen einer Kampagne, weitere Klubs zu kontaktieren und somit die Inklusion auch auf nationaler Ebene voranzutreiben.

Sunderland AFC Sensory Room

In diesen 16 Stadien gibt es dank der Shippey Campaign mittlerweile Sinnesräume

  • Airdrie (Excelsior Stadium)
  • Arsenal (Emirates Stadium)
  • Chelsea (Stamford Bridge)
  • Crystal Palace (Selhurst Park)
  • Everton (Goodison Park)
  • Liverpool (Anfield)
  • Middlesbrough (Riverside Stadium)
  • Newcastle United (St James's Park)
  • Notts County (Meadow Lane)
  • Qatar FA (Khalifa International Stadium)
  • Rangers (Ibrox)
  • Southampton (St Mary’s Stadium)
  • Sunderland (Stadium of Light)
  • Wasps [Rugby] (Ricoh Arena)
  • Watford (Vicarage Road)
  • West Bromwich Albion (The Hawthorns)

Sportlich musste Sunderland in jüngster Zeit einige Rückschläge verkraften und stieg zwei Mal in Folge ab. Doch mit den beiden Sinnesräumen kann der Klub auch weiterhin Menschen mit entsprechenden Einschränkungen ein optimales Angebot machen.

Und so ist Nathan fast fünf Jahre nach seinem ersten, problematischen Stadionbesuch auch an einem kalten Abend im Februar 2019 wieder im Stadion und genießt den 4:2-Sieg des Klubs gegen Gillingham. Wann immer er es möchte, kann er zwischen dem geschützten Innenbereich des Sinnesraums und der zugehörigen Plattform im Tribünenbereich des Stadions wechseln.

"Man kann bei Nathan deutliche Verbesserungen erkennen, was das Sozialverhalten angeht", so Peter. "Er hat ein deutlich besseres Selbstvertrauen entwickelt. Ich bin sehr stolz darauf, wie gut er sich macht. Das bringt ihn sehr viel weiter und ist enorm wichtig."

Nathan bejubelt jedes Tor seines Klubs gemeinsam mit einem befreundeten jungen Fan im Sinnesraum. Dabei zeigen die beiden einen perfekt abgestimmten 'Take The L'-Tanz aus Fortnite. So können auch diese beiden Fans die Tore ihrer Idole am Spieltag im Stadion feiern, wie alle anderen Fans auch. Und genau so sollte es auch sein.

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