Ballgeflüster

Torhüter-Talente im Schatten der Stars

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Es heißt, jeder gute Torwart müsse schon ein bisschen verrückt sein. Die einsame Aufgabe, das eigentliche Ziel des Fussballs, das Tor zu verhindern, erfordert eine ganz besondere Persönlichkeit. Einige große Talente zwischen den Pfosten brauchten außerdem eine Riesenportion Geduld, und manchmal blieb ihnen am Ende nur noch die Resignation.

Wenn man das Pech hat, gerade dann auf seinem Leistungshöhepunkt anzukommen, wenn große Stars wie Iker Casillas, Edwin van der Sar oder Fabien Barthez die Nummer eins sind, wird der Traum vom Nationaltorhüter zur "Mission Impossible", auch wenn man noch so gut ist. Das sind die Nachteile einer Position, die in der Stammelf nur einer bekleiden kann.

Hoffnungsvolles Warten in den Farben Rot, Bleu und Oranje
Seit seiner Teilnahme an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2002 in Korea/Japan ist Iker Casillas unumstrittener Stammtorwart der spanischen Nationalelf. Eine ganze Generation talentierter spanischer Torhüter muss sich seither mit Erfolgen auf Vereinsebene zufriedengeben. Pepe Reina, die Nummer zwei, darf zumindest noch den einen oder anderen Auftritt mit La Roja feiern und zeigt seine brillanten Leistungen ansonsten im Trikot des FC Liverpool. Für Andrés Palop, der sein ganzes Können im UEFA-Pokal im Kasten des FC Sevilla zeigte, oder Víctor Valdés, der beim FC Barcelona Glanztaten vollbringt, scheint es allerdings keine Hoffnung auf Länderspieleinsätze zu geben. Der derzeitige Schlussmann vom FC Villarreal, Diego López, stand gleich doppelt im riesigen Schatten von Casillas. Trotz seiner außerordentlichen Fähigkeiten mit den Torwarthandschuhen, fand der Galizier es zu zermürbend, bei Real Madrid auf einen Ausrutscher von Casillas zu warten, und zog es vor, den Verein zu wechseln.

Es ist sicher nicht einfach, nicht ein Mal das Nationaltrikot mit der Nummer eins überstreifen zu können. Fabien Barthez suchte sich kurz vor der WM 1998 in Frankreich die Rückennummer 16 aus, um sich dauerhaft im Tor der französischen Nationalelf "festzusetzen". Er verdammte seinen Vorgänger Bernard Lama auf die Ersatzbank, der fortan nur noch bei weniger wichtigen Partien zum Einsatz kam, und verwehrte acht lange Jahre lang allen Nachwuchstalenten den Zugang zum Nationaltor. Gregory Coupet hatte an dem Tag Grund zu feiern, als Barthez beschloss, die Torwarthandschuhe an den Nagel zu hängen. Coupet, der mit Olympique Lyon in Frankreich sechs Mal in Folge Meister wurde, kam erst im Alter von 33 Jahren zu seinem Stammplatz in der Equipe Tricolore. Seine große internationale Chance, die UEFA EURO 2008, endete mit einer Riesenenttäuschung. Er war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt.

Genau das Gegenteil widerfuhr dem talentierten Ed de Goej, der 1994 in den Niederlanden mit dem Goldenen Schuh ausgezeichnet wurde. Er stand bei der FIFA WM 1994 für die Niederlande im Kasten, aber auf der Bank wurde schon darüber diskutiert, wer wohl sein Nachfolger in der Stammelf von Oranje werden würde. Von 1995 bis 2008 war dann Edwin van der Sar die unumstrittene Nummer eins, und de Goej musste bei den nächsten drei großen internationalen Wettbewerben mit der Reservistenrolle Vorlieb nehmen. Sein Wechsel von Feyenoord Rotterdam zum FC Chelsea sorgte 1997 auf dem Transfermarkt für Schlagzeilen. Bis 2003 bestritt er 179 Partien für die Blues und hielt seinen Kasten in 71 dieser Begegnungen sauber. Ein weiterer Niederländer, der immer im Schatten des großen van der Sar stand, war Ruud Hesp. Er gehörte zwar bei der UEFA EURO 1996 und der FIFA WM 1998 zum Kader der Niederlande, kam allerdings in der Nationalelf zu keinem einzigen Einsatz. Seine internationalen Erfolge feierte er mit dem FC Barcelona, mit dem er zwei Mal spanischer Meister wurde, ein Mal die Copa del Rey und einmal den UEFA Supercup gewann.

Zur Glanzzeit des großen Oliver Kahn war der ebenfalls hervorragende Jens Lehmann dazu verdammt, am Spielfeldrand zu sitzen. Die Rivalität zwischen diesen beiden Spitzentorhütern fand einen schönen Ausklang für den ewigen zweiten Mann, als Jürgen Klinsmann sich im Vorfeld der WM 2006 in Deutschland für Lehmann als Stammtorhüter entschied. Beim Duell dieser beiden Giganten, blieben allerdings noch einige andere auf der Strecke. Robert Enke, derzeit bei Hannover 96, und Timo Hildebrand, aktueller Schlussmann von 1899 Hoffenheim, war es nicht vergönnt, im Nationaltrikot zu glänzen. In der Ära Kahn/Lehmann waren sie noch zu jung, um den beiden Titanen Paroli zu bieten. Danach waren sie dann etwas "zu alt", um deren Nachfolge anzutreten, und wurden von Nachwuchsstar René Adler verdrängt.

In Deutschland scheinen die Duelle der Titanen im Tor inzwischen Tradition zu haben. Zuvor waren es Bodo Illgner und Andreas Köpke, die sich als Stammtorhüter abwechselten und jeweils einen Titel holten: Illgner gewann 1990 die Weltmeisterschaft, und Köpke wurde 1996 Europameister. Kontroverser ging es da zwischen Harald Schumacher und seinem Ersatzmann Uli Stein in den 80er Jahren zu. Zuvor stellte Sepp Maier einen weiteren Spitzentorwart in den Schatten: Wolfgang Kleff. Er durfte das Trikot der deutschen Nationalmannschaft nur sechs Mal überstreifen.

Das Pech des einen ist das Glück des anderen Gianluca Pagliuca und Gianluigi Buffon waren in den letzten zehn Jahren die Giganten im Tor der italienischen Nationalelf. In all diesen Jahren führten zwei große Talente ein Leben zwischen Licht und Schatten. Angelo Peruzzi war bei der EURO 1996 Stammtorwart, und alles deutete zunächst darauf hin, als sollte er auch bei der WM 1998 im Kasten stehen. Dann aber kam ihm eine Verletzung dazwischen, und Pagliuca eroberte sich den Stammplatz zurück. 2002 lehnte Peruzzi es dann ab, zur WM nach Korea/Japan zu reisen, weil er es leid war auf der Ersatzbank zu sitzen. Erst 2004 kehrte er in die Squadra Azzurra zurück, allerdings als zweiter Mann hinter Buffon. Francesco Toldo bekam seine Chance bei der EURO 2000, bei der die Italiener hinter Frankreich Vize-Europameister wurden. Er profitierte damals von den Verletzungen Peruzzis und Buffons.

Auch das argentinische Torwarttalent Sergio Goycochea schien angesichts des übermächtigen Nery Pumpido zu einem Dasein auf der Bank verdammt. Dann aber zog sich dieser in der Vorrunde der WM 1990 in Italien im Spiel gegen die UdSSR einen Schien- und Wadenbeinbruch zu. Goyco sprang ein und entpuppte sich als wahrer Elfmeterkiller. Durch seine Glanzparaden im Viertelfinale gegen Jugoslawien und im Halbfinale gegen die Gastgeber avancierte er zum Nationalhelden. Dann allerdings verließ ihn das Glück. Im Finale konnte er den entscheidenden Elfmeter von Andreas Brehme nicht halten, der die Bundesrepublik Deutschland zum Weltmeister machte.

Die Liste der talentierten Torhüter, die ein Schattendasein fristeten, ist lang. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch der vielversprechende englische Schlussmann Martyn Nigel, der sich die meiste Zeit mit der Reservistenrolle hinter David Seaman zufriedengeben musste. Auch die Fälle der beiden Mexikaner Adolfo Ríos und Félix Fernández, für die Jorge Campos eine Nummer zu groß war, bedürfen der Erwähnung. Und es gibt noch viele andere, die jahrelang im Schatten von langlebigen Schlussmännern wie dem KolumbianerRené Higuita oder dem Paraguayer José Luis Chilavert standen.

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