FIFA Ballon d'Or

Torhüter auf einsamem Posten

Goalkeeper Manuel Neuer of Germany attends a Germany training session
© Getty Images

Den Verlauf einer Partie erleben sie größtenteils allein und fernab vom Geschehen auf dem Platz. Auch absolvieren sie gesonderte Trainingseinheiten und tragen nicht die gleiche Spielkleidung wie ihre Teamkollegen. Obendrein sind sie in einer Sportart, die im Wesentlichen – wie schon der Name sagt – das Ballspiel mit dem Fuß beinhaltet, als Einzige in der Mannschaft berechtigt, ihre Hände zu benutzen. Kurzum, bei den Torhütern handelt es sich in der Tat um besondere Akteure des Fussballs, die zudem häufig auf sich allein gestellt sind.

Und dieses Alleinsein bekommt ein Torhüter auch immer dann zu spüren, wenn es um die Auszeichnung für den besten Fussballer des Jahres geht. Dass dies so ist, belegt ein Blick auf die Liste der Preisträger des FIFA Ballon d’Or und seinem Vorgänger, der Auszeichnung zu Europas Fussballer des Jahres. Tatsächlich befindet sich unter den bislang 57 Preisträgern nur ein einziger Torhüter!

Die Rede ist von Lev Yashin, dem diese Ehre 1963 nach Jahren des Erfolgs und zahlreichen Glanztaten zwischen den Pfosten zuteil wurde – vor allem bei Elfmetern, von denen er im Verlauf seiner Karriere nicht weniger als 150 gehalten hat. "Die Freude, Yuri Gagarin ins Weltall fliegen zu sehen, ist einzig durch die Freude über einen gehaltenen Elfmeter zu übertreffen", scherzte seinerzeit Yashin alias Schwarze Spinne in Anspielung auf den ersten bemannten Weltraumflug seines Landsmannes im April 1961.

Abgesehen von seiner spezifischen Art und Weise, sich auf wichtige Spiele vorzubereiten, unter anderem "eine Zigarette zu rauchen, um locker zu bleiben, oder ein Gläschen hochprozentigen Alkohol zu trinken, um die Muskulatur zu stärken" (wobei bis heute nicht völlig geklärt ist, ob diese Aussagen ernst zu nehmen sind oder nicht) hat der legendäre Schlussmann von Dynamo Moskau aufgrund seiner außergewöhnlichen Motivation und des permanenten Hinterfragens seiner Leistung ein bedeutendes Kapitel Torwartgeschichte geschrieben. "Ich möchte den Torhüter sehen, der sich nicht über ein Gegentor ärgert. Das muss ihn einfach wurmen", sagte Yashin, der mit der UdSSR 1956 Olympiasieger und 1960 Europameister wurde, einmal über den Torwartposten. "Denn falls ihn das kalt lässt, ist sein Ende nicht mehr weit. Egal, was er bis dahin geleistet hat, fortan hat er keine Zukunft mehr."

Sicher, auch für Yashin hielt die Zukunft nach dieser hohen Auszeichnung keine weitere weltweite Ehrung bereit. Einen Platz für die Ewigkeit bescherte sie ihm dennoch. Im Übrigen äußerte damals ein großartiger Torwart, dass es seiner Meinung nach "nur zwei Weltklasse-Torhüter gibt. Der eine ist Lev Yashin, der andere ein junger Deutscher, der bei Manchester City zwischen den Pfosten steht." Mit dem jungen Deutschen meinte er den legendären Bert Trautmann, der von 1949 bis 1964 für Manchester City das Tor hütete. Und der Keeper, von dem dieses Zitat stammt, ist ein gewisser… Lev Yashin!

Starker Trost für Zoff, weniger für Viktor
Nachdem er seine Karriere 1970 beendet hatte, musste Yashin seine Meinung überdenken. Denn im Jahr 1973 schaffte es ein weiterer Torhüter in die engere Auswahl der besten Fussballer des Kontinents. Dino Zoff war als Nationaltorwart 21 Monate, also 1142 Spielminuten, ohne Gegentor geblieben und belegte bei der Wahl zu Europas Fussballer des Jahres den zweiten Platz hinter Johan Cruyff. Dieser bekam die begehrte Trophäe vor allem deshalb, weil er Ajax Amsterdam dank eines 1:0-Erfolgs im Finale des Europapokals der Landesmeister über Juventus Turin zum dritten kontinentalen Titel geführt hatte. Wäre das Ergebnis umgekehrt ausgefallen, hätte Juve-Torhüter Zoff gar mit Yashin gleichziehen können.

Auf jeden Fall ging auch er in die Fussballgeschichte ein, als er bei der FIFA WM 1982 als 40-Jähriger den Weltpokal in die Höhe recken konnte. Im gleichen Jahr hätte er durchaus auch Chancen auf den Ballon d’Or gehabt, zumal er mit der *Alten Dame *seinen sechsten Meistertitel gewonnen hatte. Doch das Rennen machte sein Mannschaftskollege und Angreifer Paolo Rossi, der 1982 in Spanien sechs Tore für die *Squadra Azzurra *erzielt hatte. Zweiter wurde Alain Giresse vor Zbigniew Boniek, der ebenfalls für *Juve *stürmte. Am Ende hatten also wieder einmal die Offensivspieler die Nase vorn.

Dies änderte sich erst im Jahr 1976, als der tschechoslowakische Torhüter Ivo Viktor für die Endauswahl nominiert wurde. Auch wenn der Name von Antonin Panenka dank seines berühmten Elfmetertores im Finale der Europameisterschaft im gleichen Jahr für immer in die Fussballgeschichte einging, bei der Wahl des Fussballers des Jahres ging der dritte Platz an den Nationaltorwart der Tschechoslowakei. Als kleiner Trost blieb Panenka die Tatsache, dass die Trophäe ausnahmsweise einmal nicht an einen Angreifer, sondern an einen Abwehrspieler vergeben wurde. In diesem Fall war es Franz Beckenbauer, der übrigens im Endspiel der kontinentalen Meisterschaft von Viktor und seinem Team besiegt worden war.

Eine große Ehre
Deutschlands Oliver Kahn gelang später die gleiche Platzierung wie Viktor. Er belegte ebenfalls Platz drei der kontinentalen Wertung. Im Gegensatz zu seinem tschechoslowakischen Kollegen sowie zu Zoff oder Yashin ist Kahn jedoch der einzige Torhüter, der zwei Mal (2001 und 2002) auf einem Podestplatz landete. 2002 schaffte er es zudem bei der Ehrung des 1991 eingeführten FIFA-Weltfussballers des Jahres unter die ersten drei Plätze. Und das an der Seite von Ronaldo und Zinédine Zidane. "Das sind wunderbare Fussballer, die ihre Klasse wiederholt unter Beweis gestellt haben und die jederzeit in der Lage sind, ein Spiel zu entscheiden. Umso schmeichelhafter ist es für mich, an der Seite solcher Spieler für diesen Preis nominiert zu werden", freute sich damals der deutsche Nationaltorhüter. "Es ist eine große Ehre und wirklich etwas Außergewöhnliches. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es für einen Torhüter zwei bis drei Mal schwieriger ist, in die Endauswahl zu kommen."

Dem wird auch Gianluigi Buffon nicht widersprechen. Schließlich musste auch er sich unter Weltklassespielern wie Thierry Henry, Zidane, Ronaldinho oder Samuel Eto’o behaupten, um es als vorerst letzter Torhüter auf einen Podestplatz beim Ballon d’Or zu schaffen. Das war im Jahr 2006, als er dank seines überragenden Auftritts bei der FIFA WM Deutschland 2006™ hinter seinem Landsmann und damaligen Nationalmannschaftskapitän Fabio Cannavaro den zweiten Platz belegte.

"Ohne Torwart kannst du keine Titel gewinnen", sagte Kahn während der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ im Gespräch mit FIFA.com. "Man muss schon eine außergewöhnliche Mannschaft haben, um die Schwächen eines mittelmäßigen Torhüters zu kompensieren. Der Torwart ist häufig eine Art Zünglein an der Waage." In der DFB-Elf ist dies derzeit Manuel Neuer. 2010 in Südafrika musste er sich noch im Halbfinale geschlagen geben. Drei Jahre später hatte der Torhüter von Bayern München seine Lektion gelernt und holte mit seinem Klub das unglaubliche Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und dem Titel in der UEFA Champions League.

Es sind diese Erfolge und sein konkreter Beitrag dazu, die ihm die Nominierung für den FIFA Ballon d’Or 2013 bescherten. Doch selbst in seinem Fall bestätigt sich erneut, dass die Torhüter dabei ein einsames Rennen führen. Denn von den 23 Kandidaten auf die begehrte Trophäe ist Neuer der einzige Torwart.

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