Norwegen

Lagerbäck: "Guardiola hat eine ganz besondere Form der Führungsstärke"

Lars Lagerback of Norway
© Getty Images
  • Norwegens Nationaltrainer Lars Lagerbäck über das sehr erfolgreiche Jahr 2018
  • Der erfahrene Taktikfuchs blickt voraus auf die Duelle gegen Spanien und Schweden
  • Auch der dreimalige WM-Trainer bewundert Guardiola

Kaum jemand kennt sich so gut mit dem Fussball im hohen Norden aus wie Lars Lagerbäck.

Der Schwede war fast ein Jahrzehnt lang Nationaltrainer seines Heimatlandes und führte das Team zu den FIFA WM-Endrunden 2002 und 2006. Und er führte Island 2016 zur ersten Teilnahme an einer UEFA EURO. Und dazwischen war er 2010 als Nationaltrainer Nigerias bei der FIFA Fussball-WM dabei.

Seit 2017 ist der mittlerweile 70-Jährige nun Nationaltrainer Norwegens. Nachdem die Norweger ihre Gruppe in der UEFA Nations League gewonnen haben, starten sie nun mit Duellen gegen Spanien und Schweden in die Qualifikation für die UEFA EURO 2020.

FIFA.com traf sich mit Lagerbäck zu einem Gespräch über die Veränderungen bei Norwegen, das 2018 die besten Resultate seit 1929 einfuhr, sowie über Trainerphilosophien und die besondere Situation, gegen sein Heimatland anzutreten.

FIFA.com: Sind Sie bereit für ein großartiges Jahr 2019 mit Norwegen? Sie bringen zumindest viel Schwung aus dem vergangenen Jahr mit.
Lars Lagerbäck: Ich hoffe, dass ich bereit bin. Auch ich werde älter! Aber ich bin sicher, dass ich noch etwas bewegen kann. 2018 lief es wirklich sehr gut für uns. Bis auf eine einzige Niederlage und ein Unentschieden haben wir alle Spiele gewonnen. Das ist zumindest bei kleineren Fussballnationen nicht unbedingt üblich. Daher bin ich wirklich sehr zufrieden mit den Leistungen der Spieler 2018.

Die Spiele in der UEFA Nations Leage begannen schon bald nach Ihrem Amtsantritt. War das die perfekte Zeit, um die Mannschaft zu formen?
Da kann ich nur teilweise zustimmen. Wenn man die Spieler kennen lernt, braucht man etwas Zeit, insbesondere in einem kleinen Land, wo die Spieler - um ganz ehrlich zu sein - natürlich nicht zur absoluten Spitze zählen. Aber sie haben sich wirklich sehr gut bewährt. Wenn die Spieler an das glauben, was man macht, ist das ein großer Schritt in Richtung guter Ergebnisse.

Sie haben in der Vergangenheit gesagt, dass sich die Grundsubstanz kaum verändert hat, seitdem Sie das Team übernommen haben. Worauf führen Sie dann den Aufschwung der Ergebnisse zurück?
Zunächst einmal ist das Team, das ich übernommen habe, noch ein ziemlich junges Team. Es sind eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten, die ich verändert habe. Ein Geheimnis gibt es dabei nicht. Man muss das Team motivieren, hart zu trainieren und man muss für Struktur und gute Organisation sorgen. Die Spieler haben sich entwickelt und vor allem haben sie ihre Einstellung verändert. Als ich ankam, war alles um das Team herum ziemlich negativ. Von allen Seiten hagelte es Kritik. Es war in erster Linie eine mentale Sache, für ein paar Schritte heraus aus dem Tief zu sorgen.

Hat sich Ihr Ansatz, einem Team Ihre eigene Philosophie zu vermitteln, in der ganzen Zeit eigentlich verändert?
Meine grundlegende Fussballphilosophie hat sich kaum verändert, seit ich 1998 Nationaltrainer Schwedens wurde. Doch natürlich gibt es eine Entwicklung bei der Art und Weise, wie man mit den Spielern arbeitet und man lernt auch, Schwerpunkte und Prioritäten besser zu setzen. Ich vertraue auf gut organisierte Teams und beginne mit dem Aufbau einer soliden Abwehr. Je nachdem, welches Team der Gegner ist, kann man dann etwas variieren, stärker auf Konter setzen, oder auf Ballbesitz oder Direktspiel. Ich strebe so viel Variation wie möglich an. Das habe ich zu Beginn meiner Karriere nicht unbedingt getan.

Lars Lagerbäck, head coach of Norway
© imago

Für wie wichtig halten Sie das Ego eines Cheftrainers? Braucht man in dieser Rolle ein besonders ausgeprägtes Selbstbewusstsein und eine besondere Zielstrebigkeit?
Man sollte die Bedeutung von Führungsqualitäten nicht unterschätzen, denn man muss die Spieler mit an Bord holen. Ich habe in all den Jahren eines gelernt: Wenn man die Frage: 'Warum gewinnen wir Fussballspiele?' als Trainer schlüssig beantworten kann und die Spieler es begreifen, dann hat man motivierte Spieler. Ich versuche, Ihnen klar zu machen, warum unsere Arbeit, unser Training und unsere Spielweise dazu führen, dass wir Spiele gewinnen. Wenn das gelingt, dann sind sie motiviert. Damit fördert man die richtige Einstellung.

Das Jahr 2018 endete für Sie sehr gut. Doch bestimmt waren Sie nicht unbedingt angetan, als feststand, dass Anfang 2019 Spiele gegen Spanien und Schweden anstehen.
Das sind jedenfalls nicht unbedingt zwei leichte Spiele zum Jahresauftakt, so viel kann man wohl sagen! In gewisser Weise könnte allerdings das erste Spiel auswärts gegen Spanien auch eine gute Sache sein. Niemand erwartet, dass wir dort einen Punkt holen. Fussballerisch dürfte es jedenfalls sehr schwer werden, zumal wir nur drei Tage später dann zu Hause gegen Schweden antreten. Als Schwede kenne ich natürlich die schwedischen Trainer sehr gut und auch viele der Spieler. Das ist schon ein bisschen eine besondere Sache. Fussballerisch wird es bestimmt sehr interessant. Es dürfte ein sehr enges Spiel werden. Persönlich hätte ich allerdings einen anderen Gegner als Schweden vorgezogen.

Sie hatten im vergangenen Jahr ein Freundschaftsspiel gegen Schweden und zuvor mehrere mit Island. Jetzt aber steht zum ersten Mal ein Pflichtspiel gegen Schweden an. Wie wird sich das auswirken?
Ja, bisher bin ich als Trainer immer nur in Freundschaftsspielen auf Schweden getroffen. Als Trainer versucht man, seine Spieler auch für Freundschaftsspiele zu 100 Prozent zu motivieren. Aber natürlich ist das immer etwas anderes als ein Pflichtspiel. Außerdem wird viel mehr Wirbel darum gemacht, in den Medien und überall. Es wird also eine ganz andere Erfahrung. Ich freue mich auf das Duell, was das fussballerische angeht, und natürlich hoffe ich, dass wir gewinnen, auch wenn ich lieber gegen eine andere Mannschaft gewinnen würde.

Wie würden Sie die nachbarschaftliche Rivalität zwischen Norwegen und Schweden charakterisieren?
Es gibt sie natürlich, aber eigentlich ist sie bei den typisch nordischen Sportarten wie Skifahren stärker ausgeprägt. Das letzte Mal, dass Norwegen und Schweden Pflichtspiele gegeneinander bestritten, ist schon sehr lange her [zwei Spiele in der Qualifikation für die FIFA Fussball-WM 1978™, Red.]. Das ist also eine ganz neue Situation, auch für mich. Ich denke, dass Schweden immer ein bisschen auf Norwegen herab blickt, was den Fussball angeht, wie auf einen kleinen Bruder. Wir wollen den Schweden zeigen, dass wir besser sind als sie und die drei Punkte mitnehmen.

Im ersten Spiel treffen Sie auf Luis Enrique, einen Spitzenvertreter der neuen Trainergeneration. Gibt es Trainer, die Sie ganz besonders bewundern?
Enrique gehört ganz bestimmt dazu, wenn man sich seine Erfolge auf Klubebene ansieht und auch seine Resultate mit der spanischen Nationalmannschaft. Den größten Respekt empfinde ich allerdings für Pep Guardiola. Er ist ein Trainer mit einer ganz besonderen Form der Führungsstärke. Er will sein Team in jedem Spiel noch besser organisieren und antreiben. Ich habe ihn auch beim Arbeiten mit der Mannschaft gesehen und habe wirklich großen Respekt vor ihm.

Guardiola verkörpert Intensität und Perfektionismus. Sehen Sie dies als allgemeine Entwicklungsrichtung des Fussballs, oder ist das nur seine individuelle Persönlichkeit?
Es gibt nur wenige Trainer wie ihn. Man muss einen sehr starken Charakter haben, um auf die Weise zu arbeiten, wie Pep es bei seinen Klubs tut. Selbst wenn man die besten Spieler zur Verfügung hat, muss man für die Struktur und Organisation sorgen, und man muss sie Woche für Woche zu Höchstleistungen motivieren. Ich denke, dass das heutzutage gar nicht so einfach ist, wo extrem gut bezahlte Spieler immer wieder die Klubs wechseln. Ich denke, Pep ist da auf seine eigene Weise schon einzigartig. Aber wenn man sich beispielsweise [Jürgen] Klopp ansieht, und wie er sein Team spielen lässt, dann ist er wohl recht ähnlich – allerdings habe ich ihn noch nie bei der Arbeit gesehen. Ich denke, die besten Mannschaften brauchen solche Trainer, die ihr Team wirklich pushen und sich um alles im Klub kümmern - und auch dem Druck standhalten.

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