Fussball aus aller Welt

Taffarel: Es war eine Freude, Maradona zuzuschauen

Taffarel
© Getty Images
  • Taffarel spricht über Diego Maradona, Lionel Messi und Neymar
  • Der Brasilianer äußert sich auch zu den besten Torhütern der Welt
  • Er war begeistert von Gheorghe Hagi und den Fans von Galatasaray

"Gegen Arsenal war Taffarel großartig. Jetzt allerdings muss er das Spiel seines Lebens zeigen, damit sein Team auch hier eine Chance hat."

Real Madrid hatte in der spanischen Liga kurz zuvor einen klaren 3:0-Sieg gegen den FC Barcelona eingefahren und das UEFA Champions League-Finale gegen den FC Valencia ebenfalls mit 3:0 gewonnen. TV-Experte Trevor Brooking und die Massen dachten wohl, dass Taffarel den Ball im UEFA Super Cup gegen Raúl, Luis Figo und Co. gleich mehrfach würde aus dem Netz holen müssen. Doch in der Partie heute vor genau 20 Jahren zeigte der brasilianische Torhüter eine bärenstarke Leistung. Jardel gelangen zwei Tore gegen den 19-jährigen Iker Casillas und Gala holte tatsächlich das kontinentale Double.

In Teil 1 unseres Interviews mit dem Gewinner der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994™, der heute als Torwarttrainer für Galatasaray und Brasilien arbeitet, spricht Taffarel über die Glanzzeit am Bosporus, sein Gastspiel bei Parma, das UEFA Champions-League-Finale vom Wochenende und über Neymar. Außerdem verrät er, wen er für den besten Torhüter der Welt und den besten Spieler hält, den er je gesehen hat.

FIFA.com: Als Kind haben Sie Volleyball als Wettbewerbssport gespielt. Wie sind Sie dann mit dem Fussball in Kontakt gekommen?

Taffarel: Volleyball war meine erste Sportart, das stimmt. Es hat mir riesigen Spaß gemacht und ich war auch ziemlich gut. Ich habe praktisch jeden Tag Volleyball gespielt. Fussball hingegen spielte ich nur ab und zu mit ein paar Freunden, manchmal an den Wochenenden, wenn es sich so ergab. Hätte es damals die Möglichkeit gegeben, professionell Volleyball zu spielen, hätte ich das wohl gemacht. Aber im Fussball gab es einfach viel mehr Karrieremöglichkeiten. Rückblickend bin ich froh, dass ich damals nicht als Profi Volleyball spielen konnte, denn mit nur 1,82 Meter Körpergröße wäre ich wohl nicht sehr weit gekommen (lacht). Mit dem Fussballspielen habe ich ernsthaft erst als 18-Jähriger angefangen. Ich bekam ein Probetraining bei Internacional und wurde angenommen. Das war natürlich ein sehr hohes Alter, um anzufangen. Ich musste sehr schnell sehr viel lernen. Aber ich hatte das Glück, dass ich einen fantastischen Torwarttrainer hatte, nämlich den Paraguayer Benitez. Er brachte mir alles bei. Ich denke, mein früheres Volleyballspiel war hilfreich für meine Reflexe und mein Positionsspiel. Aber meine Karriere verdanke ich Benitez, denn es war eine sehr große Herausforderung, erst mit 18 einzusteigen und es trotzdem zu schaffen.

Sie waren der erste ausländische Torhüter in der höchsten italienischen Liga. Was war das für ein Gefühl?

Ich war sehr glücklich und auch ziemlich stolz. Zunächst einmal ist Italien ja ein Land der Torhüter, mit zahlreichen echten Größen. Zum anderen aber auch, weil jedes Team damals nur drei Ausländer haben durfte. Daher mussten sie alle sehr wählerisch sein. Ich war zusammen mit Tomas Brolin aus Schweden und Georges Grun aus Belgien dort, zwei großartigen Spielern. Für mich war das die Erfüllung eines großen Traumes. Die Zeit in Parma war fantastisch. Nach einigen Jahren nahmen sie allerdings [Faustino] Asprilla unter Vertrag. Er war pfeilschnell, trickreich, torgefährlich – auch ein großartiger Spieler… der mir allerdings den Platz weggenommen hat, weil man ja nur drei Ausländer spielen lassen durfte. Er war ein fantastischer Neuzugang für Parma, aber schlecht für mich persönlich.

Sie waren auch in einer sehr denkwürdigen Ära der Klubgeschichte bei Galatasaray Istanbul. Der FC Arsenal war der große Favorit auf den Finalsieg im UEFA-Pokal 2000, doch nicht zuletzt dank Ihrer Glanztaten gewann Galatasaray im Elfmeterschießen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Ich erinnere mich an jedes Detail. Wir hatten ein großartiges Team. Alle Spieler waren wirklich toll und wir hatten eine sehr guten Trainer. Auch unsere Ausländer waren großartig: Hagi war Hagi, und dann hatten wir noch [Gica] Popescu und den Brasilianer Capone. Arsenal gehörte zu den Spitzenklubs Europas, aber wir gingen furchtlos und selbstbewusst in die Partie. Wären wir zögerlich ins Spiel gegangen, hätten uns Bergkamp, Henry, Petit, Vieira, Overmars und Kanu wohl in Stücke gerissen. Die haben uns natürlich ganz schön eingeheizt und uns stark unter Druck gesetzt. Aber wir haben sehr gut verteidigt und hatten auch unsere starken Momente. Letztlich ging es ins Elfmeterschießen und wir haben gewonnen. Dieser Triumph hat natürlich seinen festen Platz in der Vereinsgeschichte von Galatasaray. Und das hatten wir uns auch verdient. Es war keineswegs so, dass Arsenal schlecht gespielt hätte. Sie haben alles versucht, konnten uns aber nicht überwinden. Und wir haben wirklich gut gespielt. Darauf sind die Spieler und die Fans von Galatasaray bis heute sehr stolz.

Und dann haben Sie im UEFA Super Cup auch noch Real Madrid mit 2:1 besiegt…

Immerhin Real Madrid, einen der besten Klubs der Welt, mit lauter Superstars. Aber wir dachten uns: 'Los, denen werden wir es zeigen.' Elf gegen elf, an einem neutralen Spielort in Monaco. Ich denke, wir waren an diesem Tag deutlich besser als Real Madrid. Es war natürlich ein großartiges Gefühl, ein solch fantastisches Team so zu besiegen.

Sie haben ja schon Hagi erwähnt. Was können Sie uns zu ihm noch sagen?

Ein großartiger Spieler. Er hat es wirklich verdient, zu den Besten aller Zeiten gezählt zu werden. Ich habe nie wieder einen Spieler mit einem solchen Schuss erlebt - so präzise, so kraftvoll. Seine Übersicht und sein Passspiel waren auf einem anderen Niveau. Er hat eine wirklich tolle Erfolgsgeschichte bei Galatasaray geschrieben, und auch bei seinen anderen Klubs. Er bedeutete uns Spielern sehr viel und war ein grundlegender Faktor für unseren Erfolg. Ich denke, die Fans halten ihn zurecht für einen der besten Spieler, der je für Galatasaray gespielt hat.

Was zeichnet die Fans von Galatasaray besonders aus?

Sie sind einfach fantastisch! Absolut leidenschaftlich und fantastisch. Sie machen einen echten Unterschied aus. Wenn das Team sie braucht, sorgen sie immer für Motivation. Auch bei Auswärtsspielen sind sie immer da. Man muss das einfach erleben, um es zu glauben. Man hat manchmal gar nicht das Gefühl, auswärts zu spielen. Besonders ein Spiel in Dortmund im UEFA-Pokal werde ich nie vergessen. Jeder weiß ja, dass die Dortmund-Fans sehr leidenschaftlich sind. Aber es waren tatsächlich mehr Galatasaray-Fans als Dortmund-Fans im Stadion! Das war unglaublich und hat uns enorm inspiriert. Und natürlich sind sie während des gesamten Spiels unüberhörbar!

Wo wir gerade vom europäischen Fussball sprechen: Was sagen Sie zum Finale zwischen Bayern München und Paris-Saint-Germain?

Ich denke, die beiden besten Teams haben es ins Finale geschafft. Paris war sehr gut vorbereitetet, doch die Bayern hatten einfach noch etwas mehr zu bieten, in der Spielanlage und der Umsetzung. Ich habe die Daumen für Paris gedrückt, wegen der Brasilianer, die dort spielen. Ich hätte es Neymar wirklich gegönnt, die Champions League zu gewinnen und zum The Best – FIFA-Weltfussballer gewählt zu werden. Aber es kommt eben auf die Tagesform an. Ich hoffe sehr, dass er diesen Wettbewerb noch gewinnt und als bester Spieler der Welt geehrt wird. Ich fand, es war ein sehr gutes Fussballspiel, sehr durchdacht und mit großartigen Spielern. Es war für beide Teams nicht leicht, und Bayern hat eben eine seiner Chancen genutzt. Ich finde, dass dieser Sieg auch verdient war.

Was sagen Sie zu Neymar?

Ein toller Spieler. Er spielt Fussball einfach auf sehr schöne Weise. Er ist ein unglaublich starker Dribbler, bereitet Tore vor und erzielt selbst fantastische Treffer. Er ist außerordentlich wichtig für uns. Wir hoffen sehr, dass er lange in Bestform bleibt und Brasilien zu einem weiteren Weltmeistertitel verhilft. Er ist ein Superstar.

Wer ist Ihrer Meinung nach derzeit der beste Torhüter der Welt?

Es ist Alisson. Die FIFA selbst verlieh ihm die Auszeichnung The Best - FIFA-Welttorhüter. Und es war vollkommen verdient. Er hat eine makellose Technik, er ist ein großer Torhüter, er hat wirklich gut gespielt und seiner Mannschaft geholfen, Erfolge zu feiern. Es ist seine Zeit. Nach Alisson gibt es meiner Meinung nach viele großartige Torhüter - Ederson, [Marc-Andre] Ter Stegen, [Thibaut] Courtois, den ich sehr schätze sowie [Jan] Oblak.

Wer ist der beste Spieler, den Sie je gesehen haben?

Maradona. Ich bin ein Riesenfan von Maradona. Es war einfach ein reines Vergnügen, ihm zuzusehen – wie er für sein Team gekämpft hat, welch großartige Technik er hatte. Seine Teamkameraden liebten es, an seiner Seite zu spielen. Ich erinnere mich noch gut an die Lobeshymnen von Careca.

Halten Sie ihn für besser als Lionel Messi?

Wer etwas gegen Messi sagt, kann nicht ganz bei Trost sein. Man muss sich nur ansehen, was er für Barcelona leistet. Seine Erfolgszahlen sind einfach überwältigend. Er ist ein absolutes Phänomen. Aber ich mag es nicht, solche Vergleiche vorzunehmen. Sie beide hatten ihre eigene Zeit. Maradona war damals der Beste, und heute ist ohne Zweifel Messi der Beste der Welt. Messi und auch Cristiano Ronaldo sind ja seit Jahren auf einem anderen Niveau. Sie spielen in einer ganz anderen Ära als Maradona und der Fussball hat sich enorm verändert. Daher will ich keine Vergleiche anstellen. Aber es war ein großes Vergnügen Maradona zuzusehen.

FIFA.com wird nächsten Dienstag den zweiten Teil unseres Interviews mit Taffarel veröffentlichen. Darin spricht er über ein Abendessen mit Ayrton Senna in Paris kurz vor seinem tragischen Tod, die Weltmeisterschaften USA 1994 und Frankreich 1998 sowie Ronaldo.

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