Fussball-Welt

Suker: "Wir schrieben Geschichte"

Davor Suker answers to FIFA.com during an interview in Rio de Janeiro
© Getty Images

Vor exakt 15 Jahren in Frankreich schrieb der kroatische Fussball eines der schönsten Kapitel seiner noch jungen Geschichte, als sein Nationalteam entgegen allen Prognosen den dritten Platz bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft erreichte. Jene goldene Generation, in der Fussballgrößen wie Robert Prosinecki, Zvonimir Boban oder Mario Stanic vertreten waren, wurde vom genialen Davor Suker angeführt, der zudem als bester Torschütze des Turniers mit dem goldenen Schuh von adidas ausgezeichnet wurde.

Seine Fussballschuhe hat er inzwischen an den Nagel gehängt, doch der ehemalige Torjäger, der unter anderem für den FC Sevilla, Real Madrid oder FC Arsenal stürmte, blieb dem Fussball als Präsident des kroatischen Verbandes erhalten. Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com blickte er auf diese WM-Erfahrung zurück: den dritten Platz, den Balkankrieg, Anekdoten über Diego Maradona und vieles mehr.

Davor, in diesen Tagen jährt sich Ihre Teilnahme an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998 zum 15. Mal. Ist es eine Erinnerung, die Sie noch täglich begleitet, oder handelt es sich schon um ein entferntes Erlebnis?
Zeitlich scheint es weit entfernt, doch in meinen Gedanken und der Erinnerung der Kroaten, die den Fussball lieben, ist es das nicht. Wir schrieben Geschichte: Wir wurden Dritter, was unglaublich war für ein Land mit vier Millionen Einwohnern, das im Balkankrieg so gelitten hatte. Wir sind sehr stolz darauf, Teil dieses Teams gewesen zu sein. Auch für mich persönlich, denn ich erfüllte mir den Wunsch jedes Fussballers, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen und Torschützenkönig zu werden.

Wenn Sie eine Erinnerung auswählen müssten, welche wäre das?
Die Tore! Die sechs, die ich erzielte. Das letzte gelang mir gegen die Niederlande, und am nächsten Tag fuhren wir nach Hause. Ich erinnere mich, wie ich das Finale zwischen Brasilien und Frankreich im Fernsehen verfolgte: In dem Moment war ich Erster, doch wenn Ronaldo trifft, hätte er mich eingeholt. Ich wusste in diesen 90 Minuten, dass ich auf dem Gipfel der Welt stehen würde, solange er nicht trifft. Doch ein Tor hätte alles verändert! Und ich muss erneut die Kroaten erwähnen, die nach Frankreich reisten. Sie bestätigten, dass wir eine kleine, aber großartige Nation repräsentieren.

Diese Fussballer-Generation erlebte den Krieg aus nächster Nähe. Erzeugte dies einen besonderen Geist in der Mannschaft?
Klar, für uns war es eine gute Gelegenheit, zu zeigen, was unser Land ist. Vor 1998 wurde Kroatien von sehr wenigen Menschen anerkannt. Alle wussten, dass es sich um eine kleine Nation handelt, die früher ein Teil von Jugoslawien war, aber mehr nicht. Und es ist sehr schwer und wichtig, als Land anerkannt zu sein. Ich denke, dass uns dies gelungen ist.

Wie wichtig kann der Fussball für ein Volk sein, das eine solche Situation durchlebt hat?
Sehr wichtig. Ich bin stolz darauf, 1998 gespielt zu haben. Mit dem Wappen deiner Nationalmannschaft und der Fahne dort zu sein und dein Land zu vertreten. Diese Verbindung, die zwischen Spielern und Fans entsteht. So wie manche in unserem Land kämpften, kämpften wir auf dem Platz.

Sprechen wir vom aktuellen Fussball. Endete mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo als modellhafte Torjäger die Zeit der langsamen Stürmer?
Zunächst einmal muss man sagen, dass Messi und Cristiano von einem anderen Planeten sind. Sie machen einen großen Unterschied aus. Man kann sie mit Pelé, Maradona, Cruyff, Beckenbauer vergleichen – diese Epoche gehört ihnen. Ansonsten ist Schnelligkeit Teil des Spiels, doch man braucht mehr als das: Talent, Ballbeherrschung, Spielintelligenz und Effizienz vor dem Tor. Wenn du das nicht hast, ist es schwierig, Tore zu schießen.

Gibt es einen aktuellen Torjäger, der Davor Suker ähnelt?
Ich denke, am meisten ähnelt mir Karim Benzema, der eine großartige Ballbehandlung hat. Ja, ich würde sagen, dass er mir am ähnlichsten ist.

Sie haben in Deutschland und Spanien gespielt, zwei Länder, die heute die Fussball-Landkarte dominieren. Hatten Sie dieses Phänomen damals kommen sehen?
Ja, absolut. Deutschland investiert immer in seine Zukunft, man kann nur von ihnen lernen. Und was Spanien betrifft: Als ich in den 90er Jahren ankam, investierten sie in alles – Fussball, Basketball, Handball, sogar Wasserball! Die Sache ist, dass es schwierig ist, kurzfristige Ergebnisse zu erzielen, denn du brauchst zehn oder 15 Jahre, um die Ergebnisse zu sehen. Wer möchte heute schon so lange warten? Doch das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Diego Maradona ist mit Ihnen befreundet, sie spielten in Sevilla zusammen und er lud Sie sogar zu seinem Abschiedsspiel ein. Da Sie ihn so gut kennen, müssen wir Sie fragen: Ist ein Vergleich mit Messi möglich?
Das ist schwer. Das Spiel verändert sich alle zehn Jahre. Man erinnert sich an Pelé, Maradona, doch wie soll man sie vergleichen? Damals gab es zwei Kameras, die die Spiele aufnahmen, doch heute stehen schon beim Aufwärmtraining 24 Kameras. Insgesamt denke ich, dass Maradona der Beste ist. Die Zeit von Messi wird noch kommen: Er wird sehr viele Tore schießen, mehr Rekorde brechen, doch er muss mit Argentinien etwas gewinnen. Er ist sehr jung, und seine Zeit wird kommen. Ich wünsche ihm das Beste.

Da Sie Maradona so gut kennen, können Sie uns eine Anekdote erzählen, die ihn charakterisiert?
Als wir in Sevilla mit ihm zusammenspielten, Carlos Bilardo und Diego Simeone, waren im Allgemeinen zwischen drei- und fünftausend Zuschauer beim Training. Ich erinnere mich, wie er eines Morgens zu spät kam, ganz in seinem Stil: in einem Ferrari. Sofort verschwanden alle Personen, die uns zuschauten, und rannten hin, um ihn zu sehen, und stürzten sich am Parkplatz auf ihn. Dies zeigt seine Popularität!

Es gibt eine andere, die ich gerne erzähle. Als ich ein Kind war, sah ich mir Diego im Fernsehen in meinem Zimmer an. Und plötzlich aß ich mit ihm zusammen Frühstück, trainierte mit ihm und teilte mit ihm die Kabine. Es war unglaublich! Ich wartete darauf, dass er mit mir sprach, dass er irgendetwas zu mir sagte, bis er mich endlich anrief. Und er sagte nur: "Davor, ich möchte nicht, dass du auf die Flügel oder sonst wohin siehst. Kopf runter und lauf in Richtung Torhüter, denn ich werde dir den Ball dorthin legen, damit du ihn nur noch einschieben musst." Nur sehr wenige Spieler auf der Welt können so etwas sagen, und er gehörte dazu. Wenn man sich meine Tore in Sevilla ansieht – sie fielen immer so! Das ist etwas, an das ich mich mein ganzes Leben erinnern werde.

Wenn Sie Clarence Seedorf sehen, der bei Real Madrid mit Ihnen zusammenspielte und immer noch in der brasilianischen Liga aktiv ist – denken Sie, dass Sie noch etwas länger hätten spielen können?
Ich will ehrlich sein: Das Problem ist nicht nur, zu spielen. Als Torjäger musst du jedes Jahr Tore schießen, du hast viel zu verlieren. Die Mittelfeldspieler und Verteidiger haben mehr Optionen. Und der Fussball besteht nicht nur darin, eine Partie zu spielen, einen Ferrari, eine schöne Uhr und schöne Frauen zu besitzen. Um erfolgreich zu sein, musst du Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag trainieren. Es ist ein großartiger Wettbewerb, aber auch viel Arbeit.

Zum Abschied würden wir gerne wissen, warum Sie Präsident des kroatischen Fussballverbands wurden und nicht, wie viele Ihrer Kollegen, Trainer oder Journalist?
Torjäger oder der Beste der Welt zu sein macht dich nicht automatisch zu einem großen Trainer. Ich eigne mich nicht dafür und habe nie Trainerkurse gemacht. Ich verstehe, dass man gut verdienen kann und dass es eine gute Arbeit ist, aber auch sehr hart: Wenn du 20 Jahre im Fussball bist, hast du weder Wochenenden noch Ferien und du kannst sonntags nicht in die Kirche gehen! (lacht) Und dazu kommt noch eine andere Veränderung: Als Torjäger stehst du in den Schlagzeilen der Zeitungen, doch wenn du als Trainer anfängst, musst du dich daran gewöhnen, erst auf der fünften oder sechsten Seite zu erscheinen. Es ist das glatte Gegenteil. Ich persönlich denke, dass ich dem Fussball meines Landes mit meinen Sprachkenntnissen und all den Kontakten in der Branche besser helfen kann. Ich möchte dem Fussball das zurückgeben, was er mir gegeben hat, dafür arbeite ich.

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