Interview

Shevchenko: "Der ukrainische Fussball kommt gerade erst wieder in Schwung"

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  • Ukraines Nationaltrainer exklusiv im Interview
  • Ein gelungener Umbruch und Neuaufbau
  • "Wir wollen zur EURO 2020"

Nüchtern betrachtet hat die Ukraine in den letzten 27 Jahren seit ihrer Unabhängigkeit fussballerisch für wenig große Höhepunkte gesorgt. Zwar gelang bei der bisher einzigen WM-Teilnahme 2006 direkt der Sprung ins Viertelfinale, doch bis auf zwei weitere EM-Turniere (2012 und 2016; beide Male nach der Gruppenphase ausgeschieden) blieben die Gelb-Blauen aber vielfach hinter den Erwartungen zurück. Denn an Talent mangelte es den Osteuropäern wahrlich nicht. Ob Anatoliy Tymoschuk, Andriy Voronin, Andriy Shevchenko oder Serhiy Rebrov - sie alle zeigten ihr Können in der Vergangenheit bei europäischen Top-Klubs.

Nach ihren Rücktritten drohte die Ukraine ein wenig den Anschluss zu verlieren, doch es kam anders. Mit Nationaltrainer Shevchenko, der 2016 das Amt übernahm, begann der Umbruch und der Neuanfang. Akribisch und Stück für Stück baute der ehemalige Weltklassestürmer ein neues, junges Team auf - mit Erfolg. Zwar verpasste die Ukraine die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018, aber in der aktuellen FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste kletterte die Ukraine als bester Aufsteiger um sechs Ränge auf Platz 29, dies dank zwei Siegen gegen die Tschechische Republik (47, minus 3) und der Slowakei (26, unverändert) in der UEFA Nations League vor wenigen Wochen. Am letzten Mittwoch gelang beim viermaligen FIFA-Weltmeister Italien ein respektables 1:1-Unentschieden.

FIFA.com sprach exklusiv mit Shevchenko über seine Rolle als Nationaltrainer, seine Ziele und seine Wahl bei den The Best - FIFA Football Awards™ 2018.

Bevor wir uns intensiv mit der Nationalmannschaft beschäftigen, möchte ich eine Frage zu den FIFA Football Awards stellen. Sie haben Modric und Deschamps gewählt und beide haben gewonnen. Sie sind also mit den Siegern einverstanden. Warum haben diese beiden die Auszeichnung verdient?
Deschamps hat mit der französischen Nationalmannschaft einfach hervorragende Arbeit geleistet.Und das nicht erst in diesem Jahr. Der Titelgewinn bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ist das Resultat vieler Jahre konsequenter Anstrengungen. Für mich ist das ein absolut verdienter Erfolg, der durch eine solche Auszeichnung angemessen gewürdigt wird. Modric wiederum hat mit Real Madrid erneut eine hervorragende Saison hinter sich.Ich kenne ihn sehr gut, habe ihm schon auf dem Feld gegenüber gestanden. Er spielte auch gegen mein Team, als ich gerade Trainer geworden war. Er gehört zu den Spielern, die selbst in der letzten Minute noch für die Entscheidung sorgen können. Er hat ein perfektes Spielverständnis und kann sich sehr flexibel an die jeweilige Situation anpassen. Und seine Erfolge in diesem Jahr sind absolut beeindruckend:ein dritter Titel in Folge in der UEFA Champions League und der zweite Platz bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. Solche Akteure verdienen eine entsprechende Auszeichnung.

Sie sind seit Juli 2016 Nationaltrainer der Ukraine. Können Sie die ersten zwei Jahre bitte einmal zusammenfassen?
Ich habe die Mannschaft in einer schwierigen Situation übernommen, direkt nach der nicht sonderlich erfolgreichen Teilnahme an der Europameisterschaft. Die Stimmung in der Presse war gegen uns und die Moral der Spieler war schlecht. Zudem musste der Prozess des Umbaus der Nationalmannschaft in der laufenden Qualifikation für die WM stattfinden. Man forderte Veränderungen von uns aber gleichzeitig auch gute Resultate. Wir hatten nur sehr wenig Zeit zur Verfügung. Diese Phase war wohl die schwierigste.

Wir begannen damit, unsere Spielweise auf Ballbesitz umzustellen. Dies ist für die ukrainische Mannschaft eine ungewohnte Spielweise. Die Mannschaft hat früher nicht nach diesem Prinzip gespielt. Es ist sehr schwer, solch fundamentale Veränderungen schnell zu vollziehen. Gleichzeitig begannen wir auch damit, die Mannschaft zu verjüngen. Innerhalb von eineinhalb Jahren haben wir fast 20 Newcomer debütieren lassen.

2017 haben Sie lediglich drei Spiele verloren und 2018 ist Ihr Team noch ungeschlagen. Was haben Sie verändert? Und was hat sich im Fussball der Ukraine insgesamt verändert?
Wir haben ein stabiles Rückgrat für das Team entwickelt, eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern. Für uns war es durchaus ein Problem, dass die Spieler nicht oft genug zusammen gespielt haben. Dank mehrerer Trainingslager und einiger Freundschaftsspiele haben wir nun aber das nötige gegenseitige Verständnis im Team erreicht. Der ukrainische Fussball kommt gerade erst wieder in Schwung. Ich hoffe, dass in einem Jahr die Anzahl der Teams in der ersten Liga angehoben wird. Unsere Legionäre zeigen derweil ihr Können bei Topklubs im Ausland.

Letztlich scheiterte die Ukraine in der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. Was ist schief gelaufen
In unserer Gruppe standen vier ungefähr gleich starke Teams, die alle bei der UEFA EURO 2016 dabei gewesen waren: Die Türkei, Kroatien, die Ukraine und Island. Wir haben bis zum Ende um einen der ersten Tabellenplätze gekämpft. Jedes dieser Spiele wurde durch kleine Details entschieden. Wir hatten in jedem Spiel unsere Chancen, haben aber unsere Möglichkeiten nicht ausgenutzt.

Wir lagen bis zum letzten Spieltag der Qualifikation auf einem der ersten beiden Plätze in der Gruppe. Die Niederlage gegen den späteren WM-Finalisten Kroatien am letzten Spieltag war letztlich entscheidend. Nun kommt das Team einem stabilen, gut ausgewogenen Zustand immer näher. Doch wir haben noch mehr Potenzial als das, was wir in unseren Spielen zeigen.

Die U-20-Auswahl wird im kommenden Jahr an der FIFA U-20-Weltmeisterschaft teilnehmen. Das ist ein großer Erfolg für Ihr Land. Sehen Sie in dem Team Spieler, die schon bald die A-Mannschaft verstärken könnten?
Wir arbeiten eng mit den Trainern aller Altersklassen zusammen. Natürlich beobachten wir auch sehr intensiv die U-20-Auswahl, denn dort spielen die Jungs, die in ein, zwei Jahren an unsere Tür klopfen. Seit ich die Nationalmannschaft führe, haben rund 20 Neulinge ihr Debüt im Team gefeiert. Wie viele Nachwuchsspieler wir schon zu Trainingslagern eingeladen haben, lässt sich kaum sagen. Wir verändern immer wieder die Aufstellung. Der Weg in die Mannschaft steht allen Spielern offen, die bereit sind und über eine gewisse Zeit konstant starke Leistungen zeigen.

In der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste klettert die Ukraine nach oben. Was kann die Mannschaft in Zukunft erreichen?
Unsere aktuellen Prioritäten stehen genau fest: Wir wollen in der UEFA Nations League gute Leistungen zeigen und uns für die UEFA EURO 2020 qualifizieren. Unser Ziel ist es, bei der Europameisterschaft dabei zu sein. Darauf konzentrieren wir uns voll und ganz.

Sie haben in der UEFA Nations League die ersten beiden Spiele gewonnen. Sind Sie damit zufrieden oder hätte etwas noch besser laufen können?
Beide Spiele waren schwer. Wir kennen diese Gegner sehr gut und sie kennen uns gut. Schließlich sind die Tschechische Republik und die Slowakei Länder in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. In gewisser Weise sind sogar die Teams in unserer Gruppe recht ähnlich, wenn man die Spielweise betrachtet.Natürlich sind zwei Siege zum Auftakt ein toller Start. Aber wir haben noch einiges zu tun, um die Leistung der Mannschaft auf diesem Niveau zu stabilisieren.

Ihr Kader ist recht jung und sehr talentiert. Wie schwierig war es, die Mannschaft nach dem Rücktritt vieler altgedienter Spieler neu aufzubauen?
Nun, es hat gut eineinhalb Jahre gedauert – und der Umbau ist ja keineswegs abgeschlossen. Die Zukunft gehört immer den jungen Spielern. Für uns als Trainer ist es besonders wichtig, gute Leute zu haben, mit denen wir arbeiten können. Wir haben sehr talentierte Spieler mit großem Potenzial. Die Aufgabe besteht darin, das zu erkennen, zu fördern und zur Entfaltung zu bringen.

Können Sie uns Ihre Arbeitsweise als Trainer beschreiben?
Ich baue unser Spiel auf Ballbesitz auf. Wir wollen die Initiative an uns ziehen.In den meisten Spielen hatte die Ukraine in dieser Hinsicht Vorteile. Wir achten sehr auf den Spielaufbau bei unseren Angriffen. Das Umschalten von Angriff auf Abwehr und umgekehrt ist sehr wichtig. Das verstehen wir unter konstruktivem Fussball.

Planen Sie, vielleicht auch einmal Klubteams zu trainieren?
Zurzeit gilt meine volle Konzentration ausschließlich der Nationalmannschaft der Ukraine.Aber ich stehe ja noch am Anfang meiner Karriere als Trainer. Die Zukunft wird zeigen, was wir zu erwarten haben.

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