FIFA Weltmeisterschaft™

Sergeant Ott an vorderster Front

American Samoa captain Ramin Ott
© Others

Wenn jemals ein Team so etwas wie einen militärischen Führungsstil gebraucht hat, dann ist es wohl Amerikanisch-Samoa. Die Mannschaft von dem entlegenen polynesischen Archipel, die einst als die schlechteste der Welt galt, befindet sich derzeit eindeutig im Aufwind, und das ist zu großen Teilen dem Einfluss von Ramin Ott zu verdanken.

Der Kader von Amerikanisch-Samoa 2015 ist eine sehr uneinheitliche Gruppe mit Akteuren ganz unterschiedlicher Herkunft – und die Zeit, daraus ein vereintes Team mit entsprechendem Zusammenhalt zu machen, ist begrenzt. Doch unter der Leitung des erfahrenen Veteranen Ott – der als Sergeant der U.S.-Armee in Afghanistan gedient hat, geht das Team am Freitag mit einem früher geradezu undenkbaren Ziel in den letzten Spieltag der ersten Runde der Ozeanien-Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ – nämlich dem Einzug in die nächste Runde.

Dabei hatte das Land bis vor vier Jahren noch nie ein Länderspiel gewonnen. Über ein Jahrzehnt lang blieb Amerikanisch-Samoa sieglos und musste in dieser Zeit sogar eine berüchtigte Weltrekordniederlage von 0:31 hinnehmen. Der 29-jährige Ott ist einer der wenigen altgedienten Spieler, dessen Karriere diese gesamte Periode umfasst, in der sich das Team von einem absoluten Außenseiter zu einem durchaus ernstzunehmenden Konkurrenten mauserte.

Ott wuchs in der Hauptstadt Pago Pago auf und zog mit Anfang 20 in die USA um. Er trat in die U.S.-Streitkräfte ein und wurde schnell zum Sergeant befördert. Seine Führungsqualitäten trugen ihm dann einen harten neunmonatigen Einsatz in Afghanistan ein.

Nachdem er fast ein Jahrzehnt lang in verschiedenen Teilen der USA gelebt und gespielt hat, ist Ott nun auf Hawaii stationiert. Seine militärische Erfahrung komme auch dem internationalen Fussball zugute, meint er. "Ich versuche, meine Führungsqualitäten auf den Fussball zu übertragen", sagte Ott in Tongas Hauptstadt Nuku’alofa gegenüber FIFA.com. "Beim Militär ist oft die Beachtung selbst kleiner Details wichtig. Ich sage den Jungs unverblümt, wenn ihre Einstellung nicht stimmt. Und ihnen gefällt, dass ich so geradeheraus bin.

Es hat sich auch gestern wieder gezeigt, als der Soldat in mir zum Vorschein kam", so Ott über den Sieg gegen Tonga am Mittwoch. "Ich bin mit Härte aufgewachsen. All die Erfahrung, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe, brach hervor. Ich kann nicht weich sein und die Jungs sehen in mir nichts Weiches. Als wir gestern in Rückstand gerieten, habe ich ihnen klar und deutlich gesagt, dass es noch nicht vorbei ist und sie einfach weiterspielen sollen, und dann sind wir nach diesem Gegentor wieder ins Spiel gekommen."

*Familienangelegenheiten
*
Die Geschichte des Fussballs in Amerikanisch-Samoa wird auf Jahrzehnte hinaus mit dem Namen Ott verknüpft bleiben. Er erzielte 2011 beim ersten Sieg von Amerikanisch-Samoa in der WM-Qualifikation einen Treffer. Auch als das Land vor einem Jahrzehnt im Nachwuchsbereich erstmals einen Punkt einfuhr, hatte er getroffen. Nun gelang ihm das Siegtor beim zweiten Erfolg in der WM-Qualifikation.

Ramins älterer Bruder Diamond wäre wohl ebenfalls in Tonga gewesen und hätte an der ersten Runde der Qualifikation teilgenommen, wäre er von der U.S.-Armee nicht zu einem fünften Auslandseinsatz abkommandiert worden. Vor vier Jahren verfehlte Diamond den Einzug in die zweite Runde nur um Haaresbreite. Unmittelbar vor Schluss der Partie landete ein Schuss von ihm nur am Gebälk, der seinem Team sonst den Sieg gegen Samoa beschert hätte. Die Familie Ott ist in Fussballerkreisen auf Amerikanisch-Samoa auch bekannt, weil sie den renommierten Black Roses-Klub führt.

Mit seinem Siegtreffer am Mittwoch gegen Tonga spielte sich Ott in einen exklusiven Kreis der Fussballer, die in drei WM-Qualifikationen in Folge ins Schwarze trafen. Mit drei Treffern ist er nun zudem der erfolgreichste Torjäger von Amerikanisch-Samoa. Dies ist zwar eine recht bescheidene Zahl, doch schließlich geht es hier um ein Land, das bis zu dieser Woche insgesamt nur vier Tore in WM-Qualifikationsspielen erzielt hatte .

Zum Auftakt der Woche kassierte Amerikanisch-Samoa zwar eine knappe 2:3-Niederlage gegen Samoa, doch nach dem Ergebnis vom Mittwoch ist nun der Einzug in die nächste Runde mit einem Sieg gegen die Cook-Inseln am Freitag möglich. Ott ist überzeugt, dass das aktuelle Team mit zahlreichen in den USA aktiven Spielern über Qualitäten wie nie zuvor verfügt.

"Ich stehe für die Robustheit des Teams von 2011 – und wir waren damals sehr robust", so Ott voller Überzeugung. "Jetzt können wir zudem viel besser und kreativer Fussball spielen."

Als Ott mit Amerikanisch-Samoa erstmals in einer WM-Qualifikation antrat, kassierte das Team in vier Spielen nicht weniger als 38 Gegentore. Die Entwicklung in nur zwei WM-Zyklen ist erstaunlich. Auf die Frage, ob er sich jemals vorgestellt habe, dass Amerikanisch-Samoa das aktuelle Niveau erreichen könnte, sagte er: "Nein, überhaupt nicht."

Für Ott steht fest dass der Einfluss des ehemaligen U.S.-Nachwuchstrainers Thomas Rongen, der das Team 2011 führte und dessen Arbeit in dem Dokumentarfilm Next Goal Wins eindrucksvoll dargestellt wird, entscheidend war für die veränderte Einstellung im Team.

"Thomas Rongens Hauptanliegen war die mentale Vorbereitung. Daher gehen wir jetzt stets mit einer siegesgewissen Einstellung in unsere Spiele. Früher dachten wir; "Ok, wir fahren zu diesem Turnier, werden dort verlieren und fahren wieder nach Hause, doch mit dieser Einstellung hat er aufgeräumt. Das war für uns eine sehr positive Entwicklung. Wir werden allmählich ein gefährlicher Gegner in der Qualifikation. Es geht also langsam aufwärts. Ich hoffe, dass sich diese Entwicklung fortsetzt und  wir jetzt mehr Spiele bestreiten und zusammen bleiben."

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

Goalkeeper Mark Paston #1 of New Zealand gives Michael Boxall #19 instructions in the first half against El Salvador at BBVA Compass Stadium

FIFA Weltmeisterschaft™

Wer kann die "Kiwis" stoppen?

25 Jul 2015