Fussball-Historie

Santana: Kein Weltmeister, aber trotzdem geliebt

"Brasilien zu trainieren, ist nicht wie andere große Mannschaften zu trainieren. Bei einer Weltmeisterschaft hat man nicht nur ein Ziel, sondern gleich zwei: Man muss den Titel holen und dabei auch attraktiven Fussball spielen."

Pelés Worte fanden im ganzen Land Gehör, als Anfang 1980 ein neuer Kandidat für den "Schleudersitz" gesucht wurde. Die Nationalmannschaft war in den vergangenen zweieinhalb Jahren von Claudio Coutinho betreut worden, einem Hauptmann der brasilianischen Armee, der selbst niemals Profifussball gespielt hatte. Sein Know-how mag ihn zwar als Pionier von Konditionstests für die fortschrittlichen Amerikaner qualifiziert haben – schließlich war er sogar für die NASA tätig – wdoch um die erfolgsverwöhnten Brasilianer wieder mit Flair auf die Siegerstraße zurückzuführen, war er ungeeignet. Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1978™ landete die Seleção zwar auf dem dritten Platz, doch ihre Spielweise ähnelte eher Roboter- als Zauberfussball – jene Spielweise, mit der das Team auch bei der jüngsten Copa América nach Niederlagen gegen Bolivien und Paraguay sang- und klanglos ausgeschieden war. Es war an der Zeit, einen Pragmatiker durch einen Puristen zu ersetzen. Es war Zeit für Tele Santana.

"Als er kam, hat sich von Grund auf alles geändert", erklärte Falcão. "Für die Seleção zu spielen, machte nun noch mehr Spaß. Es war ihm bewusst, dass er intelligente Spieler in seinen Reihen hatte. Er wollte, dass wir intuitiv und nicht in einem starren System spielten. Er ordnete an, dass sich auch Abwehrspieler in den Angriff einschalten sollten. Er wollte keine zentralen Mittelfeldspieler, die nur wussten, wie man den Gegner aufhalten könnte. Er wollte Spieler, die auch mit dem Ball umzugehen wussten. Er gab uns die Freiheit, uns auf dem Platz zu entfalten. Er verlangte von uns immer, eine spektakuläre Show zu bieten.

"Die ersten 14 Monate unter Tele Santana hätten für die Brasilianer kaum besser laufen können. Die Seleção gewann alle vier Qualifikationsspiele für die zwölfte Auflage der FIFA Fussball-WM. Ab Februar 1981 fuhr die Mannschaft nicht weniger als zehn Siege in Folge ein. Innerhalb von nur sieben Tagen wurden dabei England in London, Frankreich in Paris und die BR Deutschland in Stuttgart vom Platz gefegt. Im letzten Vorbereitungsspiel für die FIFA Fussball-WM 1982 in Spanien wurde die Republik Irland mit 7:0 aus dem Stadion geschossen.Vor der Endrunde war man seit 19 Spielen ungeschlagen.Die ganze Nation war davon überzeugt, nicht nur den Titel zu holen, sondern dies auf noch glamourösere Weise zu schaffen, wie dies der goldenen Generation von 1970 gelungen war. Nicht einmal die Verletzung von Careca vier Tage vor dem Auftaktspiel, die dessen WM-Teilnahme unmöglich machte, konnte die Erwartungshaltung dämpfen, und nach den ersten drei Spielen in Sevilla war auch der Rest der Welt von den berechtigten Titelansprüchen der Brasilianer überzeugt.

Dribblings und Finten. Doppelpässe und schnelle Konter. Hackentricks (in Person von Socrates) und Beinschüsse. Und ein Traumtor nach dem anderen. All das zeigte die Mannschaft von Tele, die wohl den attraktivsten Fussball spielte, den man bei einer WM je gesehen hatte. Das nächste Opfer der Brasilianer waren die chancenlosen Argentinier, die im Auftaktspiel der zweiten Runde mit 1:3 unter die Räder kamen.

"Während meiner ganzen Zeit als Spieler, Trainer und Journalist habe ich keine andere Mannschaft gekannt, die nicht die geringste Kritik einstecken musste – ganz gleichgültig, wie gut sie spielte. Es gab immer etwas zu bemängeln. Doch auf uns ließ niemand ein böses Wort kommen. Wir spielten einfach einen extrem attraktiven Fussball. Man konnte nichts gegen uns sagen."

Jeder weiß, was dann passiert ist. Die Brasilianer brauchten in ihrer Partie gegen Italien nur ein Unentschieden, um das Halbfinale zu erreichen. Sie zeigten einen atemberaubenden Fussball. Sie erzielten zwei wunderschöne Tore. Doch sie vergaben auch Chancen und machten Fehler. Paolo Rossi nutzte diese und erzielte einen Hattrick. Der haushohe Favorit war ausgeschieden.

Vor der WM 1986 in Mexiko übernahm Tele erneut die Geschicke der Nationalmannschaft. Brasilien konnte in der Gruppenphase ein weiteres Mal überzeugen und setzte sich auch im Achtelfinale souverän mit 4:0 gegen Polen durch. Im Viertelfinale vergab Zico jedoch einen Elfmeter in der regulären Spielzeit und am Ende mussten sich die Südamerikaner im Elfmeterschießen geschlagen geben. Als Vereinstrainer gewann Tele zahlreiche Titel. Der in Minas Gerais geborene Trainer führte Atlético Mineiro zu einem unerwarteten Triumph in der ersten Saison des Campeonato Brasileiro. Er war der Denker und Lenker von Grêmio Porto Alegre, das der überragenden Mannschaft von Internacional ihre neunte Staatsmeisterschaft in Folge verwehrte. Mit dem FC São Paulo holte er dank der Siege über den FC Barcelona und den AC Mailand zwei Mal in Folge den Interkontinental-Pokal. Mit der Seleção blieb ihm ein Titel jedoch verwehrt. "Ich bedaure es sehr, niemals einen Titel für Tele geholt zu haben", sagte Zico nach dem Ableben dieser Legende in Belo Horizonte, das sich an diesem Donnerstag zum zehnten Mal jährt. "Wenn ihn jemand verdient hätte, dann er."

Doch auch wenn er niemals den WM-Pokal in Händen halten konnte – den Status des beliebtesten brasilianischen Nationaltrainers aller Zeiten kann ihm niemand streitig machen, was in einem solch fussballbegeisterten Land umso bemerkenswerter ist.

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